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22.12.2016

10:44 Uhr

Pfund-Schwäche

Verfrühtes Weihnachtsgeschenk für Irlands Shopper

Viele Iren haben so kurz vor Weihnachten die Schwäche des Pfunds im Brexit-Sog für sich entdeckt: In Scharen pilgern sie ins britische Nordirland, um dort Schnäppchen zu kaufen. Für den Handel ist das eine Goldgrube.

Einige Händler bieten sogar knallhart einen Eins-zu-Eins-Kurs an, also ein Pfund für einen Euro. AP

Einkaufen in Newry

Einige Händler bieten sogar knallhart einen Eins-zu-Eins-Kurs an, also ein Pfund für einen Euro.

NewryDer drohende Brexit hat das britische Pfund geschwächt, doch in dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland will man sich derzeit nicht darüber beschweren: In Scharen nämlich strömen Käufer aus dem benachbarten Irland mit ihren Euro-Scheinen über die Grenze, um noch schnell günstig Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Tausende reisen täglich etwa in das grenznah liegende Newry und profitieren vom Wertunterschied zwischen Pfund und Euro. Besonders beliebt: alkoholische Getränke einer britischen Supermarktfiliale.

Die Käufermassen in den Einkaufszentren von Newry, das nur acht Kilometer von der Grenze zum EU-Land Irland entfernt liegt, verdeutlichen, wie tief es seit dem Brexit-Referendum im Juni mit dem Pfund bergab gegangen ist. Damals entschieden sich die Briten überraschend für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Noch bis Ende März will Premierministerin Theresa May die entsprechenden Verhandlungen einläuten. In dem Absturz der britischen Währung spiegelt sich in erster Linie die Unsicherheit wider, was der Brexit wohl tatsächlich für die Wirtschaft auf der Insel und das Land im Allgemeinen bedeuten wird.

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Schon der Euro schwächelt derzeit ungewöhnlich stark gegenüber dem erstarkenden Dollar. Doch das Pfund steht noch einmal schwächer da und vergrößert die Preisdifferenzen für die meisten Güter. Derzeit ist es weniger als 1,20 Euro wert - das entspricht einem Abschlag von etwa 15 Prozent auf den Wechselkurs vor knapp einem Jahr.

Die Geschäfte in Newry werben um die Kunden aus Irland mit den günstigsten Wechselkursen, die sie vor ihren Shops auf Tafeln anpreisen. Einige wenige bieten sogar knallhart einen Eins-zu-Eins-Kurs an, also ein Pfund für einen Euro.

„Jeder, mit dem Du im Süden sprichst, war schon hier oben“, erzählt Laura Doherty aus dem irischen Drogheda. „Wir waren letztes Wochenende in Dublin und haben nicht viel gekauft – überall hatte man dieses Gefühl, abgezogen zu werden“, sagt Margaret McArdle, die im nordirischen Grenzort Meigh lebt.

Viele der irischen Käufer marschieren in Newry direkt zur Mall „The Quays“ und dort in den Supermarkt Sainsbury's, einer britischen Kette ohne Filialen in Irland. Die beliebtesten Gänge dort sind diejenigen mit alkoholischen Getränken, der größten Produktgruppe im Grenzverkehr.

„Ich werde so viel mitnehmen wie in mein Auto passt“, sagt John Horgan, ein Straßenhändler aus Dublin, während er unzählige Flaschen Whiskey, Wodka und Gin in seinen Einkaufswagen lädt. Er werde seine Newry-Ausbeute unter der Theke seines Obststandes verkaufen, verrät Horgan. „Was auch immer ich hier kaufe, es wird bis zum Wochenende in Dublin verkauft sein. Ich kann hier einen zehnfachen Gewinn auf jeder Flasche herausschlagen.“

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