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11.09.2016

15:54 Uhr

Plastikflut im Supermarkt

Wenn Singles für einen Plastik-Müllberg sorgen

Ob Rewe, Karstadt, Rossmann oder C&A: Viele Händler in Deutschland haben sich öffentlichkeitswirksam von der kostenlosen Plastiktüte verabschiedet. Doch die Plastikflut im Handel ist damit noch lange nicht gestoppt.

Rewe will Plastiktüten durch alternative Tragetaschen und Einkaufskartons ersetzen. dpa

Plastiktüte adé

Rewe will Plastiktüten durch alternative Tragetaschen und Einkaufskartons ersetzen.

München/HamburgBei Obst und Gemüse, frischen Snacks und Süßigkeiten, Drogerieartikeln, Spielzeug oder Unterhaltungselektronik: Beim Einkauf kommen die Verbraucher um Kunststoffverpackungen kaum herum. Die Probleme für die Umwelt wachsen mit dem Müllberg – von Plastikpartikeln in der Nahrungskette bis zur Vermüllung der Meere.

Die Verbraucherzentrale Hamburg prangert schon länger einen überflüssigen oder übertriebenen Einsatz von Plastikverpackungen an. Unter dem Stichwort „alltäglicher Plastik-Wahnsinn“ listet sie Produkte wie Pralinen-Boxen, portionierte Ananas in der Plastikdose und Käse in der Einweg-Servierbox auf. „Wenn 80 Gramm Schinken 21 Gramm Plastikabfall verursachen, ist das absurd“, sagt Experte Armin Valet. Die Hersteller oder den Handel alleine kann man für solche Auswüchse aber nicht verantwortlich machen. Veränderte Verzehr- und Lebensgewohnheiten der Konsumenten schlagen sich eben auch im Kaufverhalten nieder.

Der Kampf gegen die Plastiktüten

Warum will die EU den Verbrauch von Plastiktüten drücken?

Plastiktüten sind für ihr Gewicht ganz schön stabil. Doch was Verbraucher freut, kann der Umwelt schaden. Hunderte Jahre kann es dauern, bis die praktischen Tragetüten sich in der Natur zersetzen. Kleinteile werden von Seetieren wie Fischen und Vögeln gefressen.

Wie viele Tüten werden denn pro Jahr genutzt?

Nach Zahlen aus dem Jahr 2010 kommen jedes Jahr etwas weniger als 100 Milliarden Plastiktüten in Europa in Umlauf. Das entspricht 198 Tüten pro Jahr und Bürger, die meisten davon Einwegtüten. Deutschland steht laut Handelsverband Deutschland (HDE) gut da. Das sei auch dem durch den grünen Punkt bereits weit verbreiteten Recyclingsystem zu verdanken. In Deutschland liege der Verbrauch bei jährlich 76 Tüten pro Kopf, die EU-Kommission spricht mit Blick auf das Jahr 2010 von 64 Einwegtüten.

Diese Zahlen sollen also sinken?

Genau. Nach derzeitigem Stand soll jeder EU-Bürger Ende 2019 nur noch 90 Einwegtüten verbrauchen pro Jahr, Ende 2025 nur noch 40 Tüten. Ganz dünne Tüten, die es etwa an der Gemüsetheke gibt, wären aber ebenso wie stabile Mehrfachtüten nicht betroffen. Genauso gut könnte es Abgabegebühren geben oder Steuern für den Einzelhandel. Die Regierungen hätten die Wahl - Hauptsache, die Tüte wäre nicht mehr kostenlos. Auch andere Maßnahmen mit ähnlicher Wirkung wären möglich.

Was halten Umweltschützer davon?

„Das bedeutet für die Verbraucher und Verbraucherinnen und insbesondere den Einzelhandel eine Neuausrichtung zu bewussterem und ökologischerem Konsum“, meint Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Die Umweltschutzorganisation European Environmental Bureau (EEB) ist zwar grundsätzlich ebenfalls erfreut. Allerdings hätte sich die Organisation auch ein Verbot spezieller neuartiger Tüten gewünscht. Diese geben aus Sicht von Kritikern vor, biologisch abbaubar zu sein, obwohl sie es nicht sind. Dies soll nun aber die EU-Kommission erst einmal untersuchen.

Was sagt die Plastikindustrie?

Der Branchenverband Plastics Europe argumentiert, man unterstütze zwar eine Gebühr für alle Taschen, egal aus welchem Material. Doch die Möglichkeit nationaler Verbote könne zu Handelshemmnissen in Europa führen. Das bemängelt übrigens auch die FDP-Europaabgeordnete Gesine Meißner.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Pläne waren im Grundsatz bereits Anfang der Woche von Unterhändlern der EU-Staaten und des Europaparlaments vereinbart worden. Nachdem die EU-Botschafter nun das Vorhaben abgesegnet haben, ist am Montagabend der Umweltausschuss des Parlaments am Zug. Ein Ja dort kann aber als sicher gelten, weil viele Abgeordnete gegen die Tüten vorgehen wollen. Danach stehen noch formale Bestätigungen durch das Plenum und die EU-Minister an. Bis zum Frühjahr dürfte dies alles geschehen sein.

Weil mehr Menschen - und vor allem auch Frauen - berufstätig sind, werden weniger Mahlzeiten zu Hause zubereitet. Statt Obst und Gemüse am Stück zu kaufen und aufzuschneiden oder Stullen zu schmieren, sind „Convenience“ und „To Go“ angesagt – also Fertiggerichte, Snacks und Getränke, die ohne großen Arbeitsaufwand aufgetischt oder schnell beim Bäcker gekauft werden können. Sandwiches oder Sushi in der Plastikbox, der Kaffee zum Mitnehmen und nicht zuletzt das bequeme, aber oft verpackungsintensive Online-Shopping haben Hochkonjunktur - und der Handel bedient diese Bedürfnisse. „Da müssen sich die Verbraucher auch an die eigene Nase fassen“, sagt Valet.

Der Lebensmittelhandel verweist auch auf die gestiegene Zahl von Single- und Seniorenhaushalten in Deutschland. Sie verbrauchen kleinere Mengen, das bedeute auch im Verhältnis mehr Verpackungsmaterial. Wer das kritisch sieht, finde mittlerweile in vielen größeren Städten ja auch schon Supermärkte, die unverpackte Lebensmittel anbieten – ob in Kiel oder Dresden, Passau oder Mainz.

Dazu gehört beispielsweise der Supermarkt „Ohne” in München. Seit einem halben Jahr können die Kunden dort lose Lebensmittel aus Spendern, Theken und Auslagen in mitgebrachte Behälter, Beutel und Taschen füllen und kaufen. Mit der Resonanz ist Geschäftsführerin Hannah Sartin, die auch privat einen möglichst restmüllfreien Lebensstil pflegt, bisher sehr zufrieden. „Wir haben viele Stammkunden“, sagt sie.

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