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18.07.2012

12:53 Uhr

Pleite-Drogerist

Razzia bei Anton Schlecker

Großeinsatz in Deutschland: Nach der Schlecker-Pleite durchkämmt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft Wohnungen und Geschäftsräume in mehreren Bundesländern. Im Visier auch Anton Schlecker - die Vorwürfe wiegen schwer.

Wird durchsucht: Die Zentrale der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker in Ehingen. dpa

Wird durchsucht: Die Zentrale der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker in Ehingen.

Ehingen/DüsseldorfUntreue, Bankrott und Insolvenzverschleppung: Die Lage bei dem Pleite-Drogeristen Anton Schlecker ist vertrackt. Es ist wohl nicht klar, ob bei der Insolvenz alles ganz sauber gelaufen ist. Der Zusammenbruch des Imperiums hat jetzt die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen, die ermittelt. Hundertschaften von Polizei und Staatsanwaltschaft Stuttgart durchkämmen derzeit vier Unternehmenssitze, unter anderem die Zentrale im schwäbischen Ehingen.

Auch 18 Wohnungen im gesamten Bundesgebiet werden seit dem Morgen durchsucht. Insgesamt sind rund 160 Ermittler im Einsatz, die Razzien sollen noch den ganzen Tag lang andauern. Bis zum Mittag wurden schon umfangreiche Unterlagen und Dateien sichergestellt. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf Anfrage des Handelsblatts.

Der Verdacht richtet sich demnach gegen 14 Personen, darunter soll auch Anton Schlecker sein, der Gründer der Drogeriekette. „In unserer Vorprüfung hat sich ein Anfangsverdacht bestätigt“, sagte Staatsanwältin Claudia Krauth.

Was seit der Insolvenz bei Schlecker passiert ist

20. Januar 2012

Schlecker verkündet seine Zahlungsunfähigkeit. Für 30.000 Mitarbeiter beginnt das Bangen um den Arbeitsplatz.

23. Januar 2012

Der Insolvenzantrag geht beim Ulmer Amtsgericht ein. Als vorläufigen Insolvenzverwalter bestimmt das Gericht den Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz.

26. Januar 2012

Die Unternehmenstochter Ihr Platz stellt Insolvenzantrag.

29. Februar 2012

Geiwitz kündigt an, dass Schlecker Ende März mehr als 2000 Filialen in Deutschland schließen wird und über 11.000 Mitarbeiter gehen müssen.

5. März 2012

Das Land Baden-Württemberg stellt erstmals eine Kreditbürgschaft in Aussicht. Andere Länder und der Bund sollen mitmachen. Mit Hilfe der Bürgschaft soll Schlecker einen Kredit aufnehmen, um damit eine Auffanggesellschaft für entlassene Mitarbeiter zu finanzieren.

11. März 2012

Das Bundeswirtschaftsministerium lehnt eine Beteiligung an der rund 70 Millionen Euro schweren Kreditbürgschaft ab.

29. März 2012

Eine von den Bundesländern getragene Bürgschaft scheitert am Widerstand der FDP. Gut 10.000 Beschäftigte werden damit ab April arbeitslos.

2. Mai 2012

Die Aufteilung von Schlecker beginnt: Das tschechische Handelsunternehmen PKS kauft die dortige Schlecker-Tochter. Auch für andere Auslandsableger und für Ihr Platz soll es Investoren geben.

23. Mai 2012

Die Interessenten für das Gesamtunternehmen werden weniger: Nach Penta springt Medienberichten zufolge auch das Emirat Katar als möglicher Investor ab. Rund 4000 Kündigungsschutzklagen entlassener Mitarbeiter erschweren die Investorensuche, weil sie Zusatzkosten verursachen könnten. Außerdem gibt es noch keinen Sanierungstarifvertrag für die verbliebenen gut 13.000 Beschäftigten.

24. Mai 2012

Es wird bekannt, dass der Karstadt-Käufer Nicolas Berggruen sich angeblich für Schlecker interessiert.

1. Juni 2012

Die Gläubigerversammlung ist zusammentreten - und hat beschlossen, dass Schlecker abgewickelt werden soll.

8. Juni 2012

Bei Schlecker beginnt der Ausverkauf. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen zum Monatsende die Kündigung erhalten.

27. Juni 2012

Der Ausverkauf endet: Bis auf die XL- und die Ihr Platz-Märkte schließen sämtliche Schlecker-Filialen. Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein weiteres Grundstück soll an seinen Sohn gegangen sein.

8. Juli 2012

Frühere Berater werfen Anton Schlecker schwere Fehler vor. Der Unternehmer habe bei einem Restrukturierungsprogramm nicht über Finanzierungsfragen sprechen wollen. Außerdem habe er die Schließung unrentabler Filialen verhindert.

18. Juli 2012

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte ein.

In einer Pressemitteilung schreibt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, dass drei Firmenobjekte im Alb-Donau-Kreis und ein Firmenobjekt im Raum Osnabrück durchsucht werden. Zwölf der durchsuchten Wohnungen würden sich in Baden-Württemberg, davon zehn im Raum Ulm/Alb-Donau-Kreis befinden, eine im Kreis Ludwigsburg und eine im Zollernalbkreis. Je eine Privatwohnung wurde in Berlin, in Bayern, in Hessen, in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen und in Sachsen durchsucht.

Anton Schlecker hat sein Drogerie-Imperium als eingetragener Kaufmann (e.K.) geführt. Mit dieser Rechtsform gibt es keine Handhabe gegen ihn wegen möglicher Insolvenzverschleppung. Das heißt aber nicht, dass er ungeschoren davonkommt, falls er sich etwas zuschulden kommen ließ. Bankrott und Untreue können mit mit zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden.

Nicht zum ersten Mal hat der umstrittene Firmenpatriarch Ärger mit der Justiz: 1998 werden Schlecker und seine Frau Christa zu je zehn Monaten Bewährungsstrafe verurteilt und zu einer Millionenstrafe wegen Betrugs. Sie haben Mitarbeitern über Jahre vorgegaukelt, sie nach Tarif zu bezahlen, obwohl der Lohn weit darunter lag.

Schon Mitte Juni hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart Vorprüfungen aufgenommen, ob die Schlecker-Pleite mit möglichen Straftatbeständen in Verbindung steht. Es habe „seit langem und immer wieder“ Vermögensverschiebungen gegeben, sagte eine Sprecherin. Dadurch seien die Gläubiger des Unternehmens möglicherweise geschädigt worden. Neben Grundstücken seien den bisherigen Ermittlungen zufolge auch andere Wertgegenstände transferiert und damit der Insolvenzmasse möglicherweise entzogen worden.

Die Vorwürfe gegen Schlecker

Die Tatbestände im Schlecker-Ermittlungsverfahren

Anton Schlecker führte sein Drogerie-Imperium als eingetragener Kaufmann (e.K.). Mit dieser Rechtsform gibt es keine Handhabe gegen ihn wegen möglicher Insolvenzverschleppung. Das heißt aber nicht, dass er ungeschoren davonkommt, falls er sich etwas zuschulden kommen ließ. Die Vorwürfe im Ermittlungsverfahren.

Untreue

Untreue kann laut Paragraf 266 im Strafgesetzbuch vorliegen, wenn jemand die ihm anvertraute Macht missbraucht und die Pflicht zur Betreuung eines Vermögens verletzt. Bei dem Geschäftsführer einer Firma kann das zum Beispiel der Fall sein, wenn er Firmenvermögen unter Wert verkauft und so nicht den Gegenwert erzielt, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Es drohen fünf Jahre Haft oder Geldstrafen.

Bankrott

Dieser Straftatbestand (Paragraf 283 Strafgesetzbuch) hängt eng mit einer Insolvenz zusammen, denn „wer bei Überschuldung oder bei drohender oder eingetretener Zahlungsunfähigkeit“ beispielsweise Werte für die mögliche Insolvenzmasse zur Bedienung der Gläubiger verheimlicht oder verschwinden lässt, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe. Belangt werden kann auch jemand, der die Bücher einer Firma nicht oder nicht ausreichend führt oder aufbewahrt.

Insolvenzverschleppung

Dieser Straftatbestand (Paragraf 15a der Insolvenzordnung) besagt im Kern, dass im Falle einer Firmenpleite Geld- oder Freiheitsstrafen drohen, wenn die Insolvenz „nicht, nicht richtig oder nicht rechtzeitig“ bei Gericht angezeigt wird. Es gibt jedoch eine Einschränkung: Anders als etwa bei einer GmbH oder einer Aktiengesellschaft greift das Gesetz nicht für den eingetragenen Kaufmann (e.K.), weil der nämlich keine juristische Person ist. Beim Dachunternehmen Anton Schlecker e.K. ergibt sich somit keine Handhabe, sehr wohl aber bei den Tochterfirmen IhrPlatz und Schlecker XL, die als GmbH & Co. KG beziehungsweise GmbH firmierten.

Nachdem der Konzern über Jahre hinweg schon Verluste schrieb, hatte Anton Schlecker erst im Januar 2012 einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht in Ulm gestellt, das im März eröffnet wurde. Eigentlich ging es schon seit 2008 mit dem Drogerie-Imperium bergab. Am 1. Juni wurde dann die Zerschlagung des Drogerie-Imperiums beschlossen, nachdem die Insolvenzverwaltung vergeblich nach einem Investor gesucht hatte - lediglich bei Ihr Platz gibt es aktuell noch Hoffnung, während die restlichen 13.000 Schlecker-Mitarbeiter (von insgesamt rund 25.000) in Deutschland bis Ende Juni ihren Job verloren haben.

Kommentare (4)

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Wahrheit

18.07.2012, 11:43 Uhr

Die Gesellschaft sollte Anton S. Denkmäler setzten:

Er hat Jahre lang Menschen Arbeit gegeben und persönlich Vermögensverluste in Kauf genommen.

Er hat an Standorten Filialen unterhalten, die zu klein waren und den Menschen ermöglicht nah zu kaufen.
+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

Account gelöscht!

18.07.2012, 12:23 Uhr

Ja genau, ein Denkmal für stasigleiche Bespitzelung der Mitarbeitern. Tolle Idee.
Gut, daß er weg ist. Hoffentlich übernimmt DM die Filialen dieses fehlgeleiteten Egomanen.

sportpilot

18.07.2012, 13:13 Uhr

@Wahrheit

Ich hätte gern gewusst was die Redaktion da weg editiert hat:)

Zum Thema Firmenpleiten und zum Überlebenskampf von „nicht systemkritischen“ Unternehmen sollten sich hier nur Leute äußern dürfen, die nachweisen können, dass sie selbst Unternehmer sind. Der Mann hat 4 Jahrzehnte eine mittlere Kleinstadt sozialversichert! Schon allein der Aufbau eines solchen Unternehmens ist eine bemerkenswerte und kaum genug zu würdigende Leistung. Zumindest unter der vorherrschenden Rahmenbedingungen.

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