Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.08.2016

15:43 Uhr

Prime Now in München

Amazon schlägt in der City auf

VonJoachim Hofer

Von Bier und Brezen bis zur Kreissäge: Wer bei Amazon einkauft, wird nun auch in München innerhalb einer Stunde beliefert. Dafür treibt der Onlinehändler einen riesigen Aufwand. Ein Ortsbesuch im neuen Logistikzentrum.

Mehr als 10.000 Artikel werden in der bayerischen Landeshauptstadt binnen einer Stunde ausgeliefert. Amazon.de

Amazon Prime Now: In einer Stunde vom Handy an die Haustür

Mehr als 10.000 Artikel werden in der bayerischen Landeshauptstadt binnen einer Stunde ausgeliefert.

MünchenDer Hauptbahnhof liegt schräg gegenüber, zum Stachus und damit mitten ins Herz der Metropole ist es zu Fuß nur eine Viertelstunde: Der Internetkonzern Amazon hat an diesem Mittwoch sein erstes Verteilzentrum in der Münchener Innenstadt eröffnet. Mehr als 10.000 Artikel halten die Amerikaner in einem Bürokomplex bereit, um die Kunden in der bayerischen Landeshauptstadt binnen einer Stunde zu beliefern.

Milch, Ketchup und Äpfel, Joghurt, Eis und Bier: Was der Münchener so zum Leben braucht, findet sich in den langen Regalreihen. Und noch viel mehr: Turnschuhe von Converse liegen neben einer Kreissäge von Bosch, Playmobil-Packungen verstecken sich hinter Schnurlos-Telefonen von Gigaset. „Wahrscheinlich ist die Auswahl noch nicht perfekt“, räumt Kai Rühl ein. „Aber wir haben hier die Artikel herein geräumt, von denen wir glauben, dass sie am beliebtesten sind.“

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Der Manager hat das neue Lager in den vergangenen Monaten aufgebaut. Auf 2200 Quadratmetern hat er zahllose Metallregale aufstellen lassen, aber auch eine Kühl- und Gefrierkammer installiert. „Prime Now“ nennt sich das Angebot, mit dem Amazon zum Aufpreis von 6,99 Euro je Bestellung seine Kunden binnen einer Stunde beliefert.

Allerdings gilt das nur im Innenraum der Millionenstadt. Ohne zusätzliche Gebühren, dafür aber lediglich innerhalb eines Zeitraums von zwei Stunden, kommt die Ware auch in die Randbezirke und ins Umland. Wann die Einkäufe vor der Tür stehen sollen, das dürfen die Konsumenten selbst bestimmen.

In Berlin genießen die Kunden den Service schon seit Mai, auch in anderen ausgewählten Großstädten wie Paris, Mailand und London bietet Amazon die ultraschnelle Belieferung an. Zum Vergleich: Normalerweise müssen die Käufer zwei, drei Tage warten, ehe sie ihre Bestellungen erhalten.

Lager in Innenstädten: Wenn Amazon plötzlich nebenan wohnt

Lager in Innenstädten

Premium Wenn Amazon plötzlich nebenan wohnt

Kunden wollen ihre Ware am besten sofort geliefert haben. Das zwingt die Händler, Lager mitten in der City aufzubauen. Im Vorteil sind Anbieter, die nicht nur im Netz vertreten sind. Doch was macht das mit den Städten?

Lediglich in 14 deutschen Großstädten ist bei Amazon die Lieferung am selben Tag möglich, wenn die Kunden am Morgen online ordern. Der Aufwand für die neue Dienstleistung ist beträchtlich. 60 Arbeitsplätze hat der Konzern aus Seattle in München in dem Verteilzentrum geschaffen. Dazu kommen noch Dutzende Fahrer, die bei zwei lokalen Logistikfirmen angestellt sind.

Die meisten Jobs entstanden für die sogenannten Picker. Das sind Arbeiter, die mit Scannern in der Hand die Artikel aus den Regalen holen. Die Ware legen sie in Papiertüten. Verderbliche Güter kommen in Kühltüten. Die nimmt der Ausfahrer beim Kunden wieder mit. In der City schwingen sich die Boten auf Lastenräder mit Elektroantrieb. Wenn’s weiter raus geht, kommen herkömmliche Lieferwagen zum Einsatz.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Frau Annette Bollmohr

03.08.2016, 15:54 Uhr

"Von Bier und Brezen bis zur Kreissäge: (...) Dafür treibt der Onlinehändler einen riesigen Aufwand."

Solange das nicht auf Kosten seiner Mitarbeiter geht (immerhin haben wir jetzt einen Mindestlohn), soll mir das recht sein.

Es gibt weiß Gott idiotischere Methoden, das Bruttosozialprodukt in die Höhe zu schrauben.

Kurz: Solange alle von einem Geschäftsmodell profitieren, ist alle ok.

Wenn nicht, NICHT.

Herr Toni Ebert

03.08.2016, 16:13 Uhr

Ja, der Markt der Zukunft.

Bald werden die überteuerten Innenstädte leer sein Man ist dort nur noch, um sich Sachen an zu sehen. Aber gekauft wird draußen (ALDI..), oder Amazon.

Wenn die Drohnen aber erst die Quantentec. nutzen können, werden sie die aktuellen Auslieferer vollkommen verdrängen. selbst die Lagerhaltung geht dann (mit KI) ohne Menschen.


Herr Peter Delli

03.08.2016, 16:56 Uhr

Wir brauchen daher immer mehr Facharbeiter, Herr Elbert. Wenigstens das postalische Besamen muss noch möglich sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×