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23.07.2015

13:58 Uhr

Radikale Pläne

Lufthansa vor großem Management-Umbau

VonJens Koenen

Vorstandschef Carsten Spohr verpasst der Lufthansa eine neue Struktur - mit massiven Folgen für das Top-Management. So wird es künftig wohl keinen Passagevorstand mehr geben. Seine Funktionen werden neu verteilt.

Lufthansa unter Druck: Das schwierige Umfeld der einstigen Premiummarke

Video: Lufthansa unter Druck: Das schwierige Umfeld der einstigen Premiummarke

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Berlin/FrankfurtEs war ein Satz, der angesichts der Tragödie des Germanwings-Absturzes etwas unterging. „Der Konzern ruht künftig auf drei Säulen“, erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr Ende April auf der Hauptversammlung in Hamburg. Und fügte im Scherz hinzu: „Nein, ich hoffe, dass der Konzern nicht ruht.“

Ruhen ist bei Lufthansa wirklich nicht angesagt. Der Konzern soll eine völlig neue Struktur bekommen. Und langsam wird klar, welche Folgen das für das Top-Management haben wird. Die wichtigste Änderung: Die Lufthansa Passage als Sammelbecken aller Passagier-Aktivitäten der Lufthansa-Gruppe wird aufgelöst — oder besser aufgeteilt. Das „Manager-Magazin“ berichtete am Donnerstag als erster über die Änderung, Unternehmens-Kreise bestätigen das Vorhaben. Lufthansa will sich zu den Informationen nicht äußern.

Rivale für Lufthansa: Turkish Airlines plant Billigflieger in Deutschland

Rivale für Lufthansa

Premium Turkish Airlines plant Billigflieger in Deutschland

Kampf um die Flug-Passagiere: Ab nächsten Sommer will Turkish Airlines mit einem Billigflieger Deutschland erobern. Das erhöht das Risiko für den angeschlagenen Lufthansa-Konzern und seine Neugründung Eurowings.

Bekannt ist seit längerem, dass die nach Passagieren und Umsatz größte Fluggesellschaft Europas künftig entlang dreier Bereiche gesteuert: Die erste nennt sich Hub Airlines, gemeint sind die Drehkreuz-Verkehre der Marken Lufthansa, Swiss, AUA und Brussels. Man könnte diese Sparte wohl auch Premium-Verkehre nennen, denn hier die eher gehobenen Angebote zusammengefasst. Zweite Säule ist die Zweitmarke Eurowings, die neue Billig-Plattform der Lufthansa für die Kurz- und Langstrecken-Verbindungen zu touristischen Zielen. Hierunter fällt dann auch Germanwings, die auf Eurowings verschmolzen wird. Die dritte Säule sind die Aviation Services, also etwa Wartung (LH Technik) und Catering (LSG Sky Chefs).

Für das Top-Management bedeutet das: Es wird keinen eigenen Passage-Vorstand mehr geben. Deren Mitglieder werden zum Teil „neu“ verteilt. Passage-Chef Karl Ulrich Garnadt und Personalchefin Bettina Volkens sind bereits parallel Mitglieder des Konzernvorstands – eine Funktion die sie wohl behalten werden, wie zu hören ist. Kay Kratky, im Passage-Vorstand für den Hub Frankfurt zuständig, ist bereits zum Chef der österreichischen Tochter AUA berufen worden. Sein Nachfolge Klaus Froese wird diese Funktion dann in der Sparte Hub Airlines ausüben.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Das Drehkreuz München soll in dieser Sparte Thomas Winkelmann übernehmen, bislang noch Chef von Germanwings. Er soll zudem auch die Finanzen der Sparte steuern. Nicht bekannt ist derzeit, was mit Jens Bischof passieren wird, Vertriebschef von Lufthansa Passage. Für die Säule Zweitmarke Eurowings ist angeblich Harry Hohmeister als Chef im Gespräch. Er koordiniert im Konzernvorstand derzeit die Verbund-Airlines, also etwa AUA, Swiss und Brussels.

Das neue Konzept hat Lufthansa mit Hilfe der Berater von McKinsey erarbeitet. Spohr hofft damit unter anderem mehr Synergien zwischen den ganzen Marken und Airlines erzielen zu können. Es soll am 16. September vom Aufsichtsrat verabschiedet werden.

Anadolu-Jet von Turkish Airlines

Türkische Billigairline macht Lufthansa Kampfansage

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Kommentare (3)

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Herr Jürgen T. Knauf

24.07.2015, 09:31 Uhr

..es gibt keinen Personalvorstand mehr? Klasse, da waren bestimmt wieder hochdotierte Berater am Werk, die es noch immer nicht begriffen haben, dass die Mitarbeiter der entscheidende Erfolgsfaktor sind. Die Abschaffung des Personalvorstands verdeutlicht, wie die Menschen bei Lufthansa gesehen werden und wie wichtig sie sind.

Sir Richard Branson sagt: Employees first, customer second and shareholder third!

Götz W. Werner sagt: Wenn wir am Ende eines Geschäftsjahrs zu maximalen Gewinn erwirtschaftet haben, haben wir etwas falsch gemacht. Dann haben wir zu wenig in die Menschen investiert, in die Mitarbeitenden und in die Kunden.

Meine Herren Entscheider, lesen Sie das Buch: http://www.amazon.de/Kaleidoskop-Scherben-Ein-ungewöhnlicher-Wirtschaftsthriller/dp/3981656504 bevor Sie diesen Weg einschlagen, ansonsten verlieren Sie schnell an Höhe..

Der Mensch macht´s und weder die Milch noch die Rumorganisiererei ..

Herr CHRISTOPH HERWIG

24.07.2015, 11:02 Uhr

Ohne die Details des Umbaus zu kennen kann ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schreiben dass es bei Lufthansa natürlich weiterhin einen Personalvorstand geben wird. Das Handelblatt hat das im obigen Artikel auch nirgens in Frage gestellt. Der Bereich 'Passage' soll aufgelöst und die Verantwortung verteilt werden. Da wurde wohl von Herrn Knauf misinterpretiert.

Im Übrigen bin ich der Meinung dass die Verantwortung für strategische Entscheidungen beim Unternehmen selbst und nicht den externen Beratern liegt denn wie der Name schon sagt sind es nur 'Berater'. Externe Berater kann man zur Verantwortung ziehen wenn sie bereit sind sich am Gewinn oder Verlust der Auswirkung ihrer Beratungsleistung zu beteiligen. Dazu sind erfahrungsgemäß nur wenig Beratungsunternehmen aber auch wenig Kunden der Beratungsunternehmen bereit. Diese Leistungen sind nämlich naturgemäß teurer da die Beratungsunternehmen einen Risikoaufschlag einpreisen müssen.

Herr Jürgen T. Knauf

24.07.2015, 17:14 Uhr

Lieber Herr Herwig,
liebe Lufthansa,
liebe Leser,

ich bitte 1000 mal um Entschuldigung. Da habe ich deutlich zu schnell (und damit falsch) gelesen. Ich in letzter Zeit höre wohl zu oft, dass Personal / HR in Unternehmen keine größere Bedeutung beigemessen wird und bin prompt mit meinem Steckenpferd "Mensch als wichtigster Erfolgsfaktor" eingestiegen - fälschlicherweise.

Auch wenn ich zu meiner Kernaussage stehe, so ist der Bezug zu LH natürlich völlig falsch und ohne Grundlage. Dafür nochmals Entschuldigung!

Klar liegt die Entscheidung immer im Unternehmen, jedoch wirkt sich die Beratung meist massiv auf die Entscheidung aus (zumal dafür ja viel Geld bezahlt wird und man sich ja Expertise einkauft). Erfolgsorientierte Honorierung ist aus Gründen mangelnder Zuordenbarkeit des Erfolgs und unbestimmbare Einflussgrößen nur in ganz bestimmten Feldern möglich. Auch erfordert sie messbare Kennzahlen sowie eine klare Zieldefinition - diese erfordert wiederum einen höheren Aufwand bei der Projektdefinition, vor dem sich viel scheuen..

Herzliche Grüße und Danke für den Hinweis!

Ihr
Jürgen T. Knauf

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