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21.01.2003

10:55 Uhr

Radikale Reformen gefordert

Handwerk erwartet Abbau von 100 000 Stellen

Das deutsche Handwerk steht nach Einschätzung seines Branchenverbandes vor einem weiteren schlechten Jahr und einem anhaltenden Arbeitsplatzabbau.

Reuters BERLIN. Handwerkspräsident Dieter Philipp sagte am Dienstag in Berlin, er rechne für 2003 mit einem Umsatzrückgang von mindestens einem Prozent und dem Abbau von etwa 100 000 Arbeitsplätzen. Sollte es nicht zu schnellen positiven Veränderungen der konjunkturellen Lage und raschen Reformen kommen, könne sich die Situation für das Handwerk weiter verschlechtern und der Stellenabbau zunehmen. Vergangenes Jahr habe das Umsatzminus im Handwerk fast fünf Prozent betragen, und es seien zugleich rund 300 000 Arbeitsplätze abgebaut worden.

Philipp plädierte wie zuvor andere führende Wirtschaftsvertreter und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) für ein Bündnis für Arbeit ohne Tabus. „Sinnvoll ist es nur, wenn man alles auf den Tisch legt.“

Die Lage der Handwerksbetriebe hat sich nach den Worten Philipps im vergleich zu früheren Jahren nochmals verschärft. Die Unternehmen hätten wegen einer dramatisch verschlechterten Eigenkapitalsituation keine Puffer mehr. „Für Zwischenfinanzierungen in wirtschaftlichen negativen Zeiten ist kein Geld mehr da“, „sagte Philipp. Umsatzrückgänge würden nun sofort auf die Arbeitsplatzlage durchschlagen. „Das ist eine neue Entwicklung im Handwerk, eine Entwicklung, die wirklich schmerzt.“

Der Handwerksverband gab sich skeptisch, dass der Export die deutsche Volkswirtschaft wie im vergangenen Jahr erneut vor einer „roten Null“ bewahren könne. Die Exportchancen seien wegen zahlreicher Unsicherheitsfaktoren wie der Kriegsgefahr im Irak oder dem starken Euro-Kurs schwer abzuschätzen. Deshalb rief Philipp die Bundesregierung zu einer binnenmarktorientierten Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik auf.

Verbands-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer geht nicht von einem starken Wachstum in Deutschland für 2003 aus. Er nannte keine konkrete Prognose, sagte Reuters aber, das zu erwartende Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) werde nicht ausreichen, um den Arbeitsmarkt nachhaltig zu entlasten. Das BIP war 2002 lediglich um 0,2 Prozent gewachsen. Die Bundesregierung rechnet für das laufende Jahr mit einem Wachstum um etwa ein Prozent. Nach Einschätzung von Finanzmarkt-Analysten haben die Chancen auf eine Wirtschaftserholung zugenommen. Erstmals seit sieben Monaten zog der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Frühindikator an, was ZEW-Präsident Wolfgang Franz als ersten Silberstreif am Horizont bewertete.

In der Debatte um den Kündigungsschutz begrüßte der Verband den Vorstoß von Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) zum Abbau der Vorschriften in Unternehmen mit mehr als fünf Mitarbeitern. Allerdings sprach sich Philipp dafür aus, die Lockerung auszuweiten auf Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten. Sonst sei der Kündigungsschutz für die Unternehmen weiterhin ein Einstellungshemmnis.

Der Handwerksverband kündigte Protestveranstaltungen für eine mittelstandsorientierte Reformpolitik der Bundesregierung ab Ende dieser Woche bis zum 10. Februar in neun Großstädten an.

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