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17.04.2015

16:49 Uhr

Rana-Plaza-Einsturz

Benetton zahlt eine Million Euro für Opfer

Beim Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes in Bangladesch starben vor zwei Jahren mehr als 1100 Mitarbeiter. Viele westliche Firmen hatten in dem Gebäude Kleider nähen lassen. Nun zahlt auch Benetton Entschädigung.

RomKnapp zwei Jahre nach dem Einsturz des Textilfabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch mit 1138 Todesopfern hat der italienische Modekonzern Benetton eine Millionenzahlung für die Opfer angekündigt. Benetton zahle 1,1 Millionen Dollar (eine Million Euro) in einen Entschädigungsfonds und damit doppelt soviel wie von Experten empfohlen, erklärte das Unternehmen am Freitag. Mit dieser Entscheidung wolle der Konzern zeigen, wie wichtig ihm die Unterstützung der Hinterbliebenen sei, erklärte Benetton-Manager Marco Airoldi.

Beim Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes am 24. April 2013 waren 1138 Textilarbeiter ums Leben gekommen, mehr als 2000 weitere Menschen wurden verletzt. Zahlreiche westliche Firmen hatten in dem Gebäude Kleider nähen lassen. Ermittlungen zufolge stürzte es unter dem Gewicht illegal errichteter Stockwerke und schwerer Maschinen ein.

Für die Entschädigung von Hinterbliebenen und Verletzten wurde ein Fonds eingerichtet, den die internationale Arbeitsorganisation ILO kontrolliert. Der Fonds soll insgesamt 30 Millionen Dollar einsammeln, neun Millionen fehlen noch. Immer wieder wird ein mangelndes Engagement der westlichen Firmen beklagt, die im Rana-Plaza-Komplex Kleidung fertigen ließen.

Das Ringen um faire Bedingungen

Unter Beobachtung

Die Fabrikbesitzer in Bangladesh stehen unter besonderer Beobachtung, seit zwei Katastrophen 2013 sowohl Auftraggeber als auch Konsumenten auf der ganzen Welt aufschreckten: Erst ging die Tazreen-Fabrik in Flammen auf und riss Dutzende Menschen in den Tod, dann fiel das Industriehochhaus Rana Plaza in sich zusammen und wurde für mehr als 1100 Menschen zum Grab.

Stabile Nachfrage

Die Nachfrage nach Textilien aus Bangladesh ist nach den Unglücken keineswegs eingebrochen, sie steigt sogar weiter an. Hauptgrund sind die günstigen Löhne. In China etwa sind die Arbeitskosten inzwischen viermal so hoch, zudem verlangen die Wanderarbeiter dort kostenlose Unterkunft und Verpflegung. Allerdings fehlt Bangladesch die Wertschöpfungstiefe, es gibt keinen Baumwollanbau. Das verursacht höhere Materialkosten. Zudem ist die Qualität der Produkte oft noch schlechter als etwa aus den fortschrittlichen Fabriken in China und Vietnam. Dazu kommen große Probleme bei der Logistik: Politische Streiks blockieren oft die Straßen, der Hafen des Landes ist überlastet. Das führt dazu, dass die Marken in Bangladesch vor allem Basisprodukte wie T-Shirts fertigen lassen. Hochwertigere und modischere Ware kommt dagegen  aus Ländern, die für höhere Liefersicherheit bekannt sind. Das limitiert das Wachstum des Textilsektors in Bangladesch, das zuletzt bei zehn Prozent lag.

Preisvorteil schrumpft

Der Preisvorteil der bengalischen Fabriken wird geringer, seit die Politik auf internationalen Druck und zahlreiche Arbeiterproteste reagierte und den Mindestlohn anhob. Seit Dezember erhalten Arbeiter monatlich mindestens 5300 Taka (49 Euro) statt wie bisher 3000 Taka. Allerdings dürfte der Aufpreis pro Kleidungsstück nur ein paar Cent betragen. Dazu kommt: Als eines der ärmsten Länder der Welt schlägt die EU auf Exporte aus Bangladesh keinen Zoll auf – das macht die Ware aus dem Land noch konkurrenzfähiger.

Lasche Prüfungen des BSCI

Seit 2003 existiert die Industrie-Initiative BSCI, die soziale Kriterien nach einheitlichen Maßstäben prüft. Inspektoren haken einen Kriterienplan ab, Fabriken bekommen Maßnahmen-Empfehlungen. Dazu nutzen sie eine Selbsteinschätzung der Fabrikmanager, einen Kontrollgang und Befragungen von Mitarbeitern. Allerdings wird nur alle drei Jahre neu kontrolliert, teilnehmende Marken dürfen ein Drittel ihres Volumens bei unauditierten Fabriken kaufen. Immerhin: Das Bewusstsein für solche Kriterien ist gestiegen, Kinderarbeit inzwischen höchst selten. Auch Rana Plaza hatte ein BSCI-Siegel – geprüft vom Tüv Rheinland, der damals nur mit einem Sozial-Prüfer in dem Land arbeitete. Heute sind es drei.

Händlerverbund Accord

Im Accord haben sich viele europäische Marken und Händler zusammengeschlossen, die in Bangladesch einkaufen. Sie verpflichten sich rechtlich bindend, nur bei von der Organisation geprüften Fabriken zu kaufen. Einbezogen sind auch Regierung und Arbeiter-Organisationen. Derzeit untersuchen westliche Bauingenieure die Fabriken, die für die Teilnehmer produzieren. Einige wenige werden ausgeschlossen, die meisten bekommen Auflagen für den Umbau, die sie innerhalb einiger Monate erfüllen müssen. Die Marken wollen teilweise Sicherheitsumbauten kofinanzieren. Die ersten Berichte stehen bereits im Netz. Das US-Pendant zum Accord heißt Alliance.

Vielfalt an Siegeln

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) – zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Nach dem Unglück hatte Benetton zunächst geleugnet, dass es in dem Komplex produzieren ließ. In einer Online-Petition hatten mehr als eine Million Menschen den Modekonzern aufgefordert, sich an dem Entschädigungsfonds zu beteiligen. Dalia Hashad von der Kampagne Avaaz erklärte, Benettons Schritt sei ein Signal an andere Unternehmen: "Wenn Arbeiter sterben, kann man nicht einfach davonlaufen." Alle Blicke richteten sich nun auf andere Firmen wie Walmart, JC Penney, Carrefour und The Children's Place, die bislang noch nicht gezahlt hätten.

Von

afp

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