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13.10.2014

15:58 Uhr

Rate ausgefallen

Probleme beim Kauf des Nürburgrings

Nach dem Verkauf an Capricorn schien Ruhe am Nürburgring eingekehrt zu sein. Doch nun hat ein Treuhänder die Anteile Capricorn-Chefs an der Besitzgesellschaft übernommen. Die Rede ist zudem von einer ausgefallenen Rate.

Der Nürburgring: Der Verkauf der Rennstrecke könnte platzen. dpa

Der Nürburgring: Der Verkauf der Rennstrecke könnte platzen.

Nürburg/MainzAm krisengeschüttelten Nürburgring droht eine Rolle rückwärts. Der Verkauf der insolventen Rennstrecke an den Autozulieferer Capricorn könnte platzen, und damit der ganze Prozess von vorne beginnen. Hintergrund ist, dass Capricorn-Chef Robertino Wild seine Anteile an der Besitzgesellschaft Capricorn Nürburgring GmbH (CNG) an einen Treuhänder übertragen hat, wie die Ring-Sanierer am Montag bestätigten. Das hatte zuvor die „Rhein-Zeitung“ berichtet. Im schlimmsten Fall könnte eine neue Ausschreibung des Rings nötig werden - und falls dann binnen Monaten kein neuer Käufer gefunden wird, könnten die Lichter sogar ganz ausgehen in der Eifel.

Das Blatt schrieb, Wild sei „offenbar in finanziellen Schwierigkeiten“. Dazu nahmen die Sanierer keine Stellung. Der Unternehmer sagte der dpa, die Situation sei vor allem deshalb entstanden, weil Medien mehrfach über angebliche Finanzprobleme seiner Firma berichtet hätten. „Das führt dazu, dass Partner, mit denen man jahrelang zusammengearbeitet hat, nervös werden.“ Letztlich seien deswegen hohe Kreditvolumina bei Hausbanken verloren gegangen.

Auch die politischen Diskussionen zum Ring seien belastend gewesen, sagte Wild. Er habe aber nach wie vor die Absicht, den Kaufvertrag zu erfüllen und Ende Oktober die fällige Rate zu zahlen. „Die Situation ist schwierig, aber nicht aussichtslos.“ Sollte das allerdings nicht gelingen, könne es auch große Schwierigkeiten für Capricorn selbst geben.

Das Nürburgring-Desaster

Formel 1-Verluste

Die legendäre Rennstrecke in der Eifel ist für ihre Eigentümer seit Jahren ein Millionengrab. Die Nürburgring GmbH – sie gehört zu 90 Prozent das Land Rheinland-Pfalz und zu zehn Prozent der Landkreis Ahrweiler – ist seit 2006 bilanziell überschuldet und kann sich nur dank immer neuer Landes-Millionen über Wasser halten. Haupt-Verlustbringer ist die Formel 1, die von 2003 bis 2009 ein Loch von 55 Millionen Euro in die Kasse riss. Für das Rennen 2011 kalkuliert das Land mit einem Minus weiteren 13,5 Millionen Euro. Der Landesrechnungshof geht von höheren Kosten aus.

Nürburgring 2009

Um aus den Miesen zu kommen, wollten der damalige Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz (SPD) und die damalige SPD-Alleinregierung von Kurt Beck mit dem riesigen Erlebnispark „Nürburgring 2009“ zusätzliche Besucher anlocken. Die Einnahmen sollten die Verluste aus der Formel 1 decken. Der Park besteht aus zwei Bauabschnitten: Die Nürburgring GmbH baute ein Erlebniszentrum mit Rennsportmuseum (Ringwerk), eine Achterbahn, eine überdachte Shoppingmeile (Boulevard) sowie zwei Veranstaltungshallen. Der zweite Abschnitt, entwickelt von Kai Richters Firma Mediinvest, umfasst zwei Hotels mit Personalwohnhaus, einen Ferienpark und das Eifeldorf „Grüne Hölle“, in dem sich eine Disco und diverse Restaurants befinden.

Finanzdesaster

Die Baukosten stiegen von ursprünglich geplanten 215 auf 330 Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt sollte zur Hälfte, der zweite komplett privat finanziert werden. Bei der Suche nach Investoren für den ersten Bauabschnitt fielen Land und Nürburgring GmbH auf dubiose Finanzvermittler herein. Die für den zweiten Bauabschnitt zuständige Firma Mediinvest von Kai Richter erhielt 85,5 Millionen Euro von der Rheinland-Pfälzische Gesellschaft für Immobilien und Projektmanagement mbH (RIM). Die ist eine hundertprozentige Tochter der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB), welche wiederum zu hundert Prozent dem Land gehört. Die MSR wurde später mitsamt der Gebäude von Landesgesellschaften übernommen.

Privatisierungsdebakel

Ab Mai 2010 vergab die Nürburgring GmbH den Betrieb des kompletten Parks inklusive der Rennstrecken an die private Nürburgring Automotive GmbH (NAG), die je zur Hälfte Kai Richters Mediinvest und der Düsseldorfer Lindner-Hotelgruppe gehört. Im Februar 2012 kündigte das Land den Betreibern wegen ausstehender Pachtzahlungen. Die NAG geht juristisch gegen die Kündigung vor. Nach ihrer Sicht der Dinge schuldet das Land den Betreibern noch Geld, diese Forderungen habe man mit der Pacht verrechnet. Streit gibt es um die von den Betreibern angekündigte Entlassung von einem Viertel der Belegschaft. Die EU-Kommission prüft nach mehreren Beschwerden von Konkurrenten, ob das Land bei der Verpachtung an die NAG gegen Vergaberecht verstoßen hat.

Investitionsruine

Die erhofften Besuchermassen bleiben aus. Die als schnellste der Welt geplante Achterbahn funktioniert bis heute nicht. In der „Grünen Hölle“ ist von Oktober bis März nur ein einziges Restaurant durchgängig geöffnet, der Rest ist die meiste Zeit dicht. Das Land wirft den Betreibern zudem vor, die Gebäude vernachlässigt zu haben. In mehreren Restaurants ist Schimmel aufgetreten. Der Landesrechnungshof schätzt den zusätzlichen Investitionsbedarf des Landes in den nächsten 20 Jahren auf bis zu 420 Millionen Euro.

Aufarbeitung

Wegen ihrer Rolle bei der gescheiterten Privatfinanzierung hat die Staatsanwaltschaft Koblenz im Februar 2012 Anklage wegen Untreue gegen den ehemaligen rheinland-pfälzischen Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) erhoben. Auch der frühere Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz und zwei weitere ehemalige Manager der Nürburgring GmbH wurden wegen Untreue angeklagt. Der frühere ISB-Chef und ein RIM-Manager wurden wegen Beihilfe zur Untreue angeklagt. Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen Kai Richter dauern an.

 

Der Düsseldorfer Autozulieferer mit Wild an der Spitze hatte im Frühjahr gemeinsam mit dem Partner Getspeed, einer Motorsportfirma mit Sitz nahe der Strecke, für 77 Millionen Euro den Zuschlag für den Ring erhalten. An der dann gegründeten CNG hielt Capricorn bislang zwei Drittel, Getspeed den Rest.

Eine erste Kaufpreisrate in Höhe von fünf Millionen Euro wurde bislang gezahlt. Nach dpa-Informationen stammte dieses Geld vermutlich von Getspeed. Eine zweite Rate sollte ursprünglich bis Ende Juli überwiesen werden. Dies geschah nicht, die Frist wurde stattdessen bis Ende Oktober verlängert. Seinerzeit begründeten die Sanierer dies damit, dass noch keine EU-Entscheidung zu an den Ring geflossenen staatlichen Beihilfen gefallen war. Mittlerweile liegt diese vor, Brüssel hat die Subventionen für unzulässig erklärt.

Von großer Bedeutung ist nun, ob Geld bis spätestens Anfang November fließt - nach dem Fristende werden noch einige Banktage als Puffer erlaubt. Falls Wild, der Treuhänder oder Getspeed bis dahin keine Finanzierung stemmen, haben die Sanierer nach eigener Aussage keine Alternative, „als vom Vertrag zurückzutreten“. Dann müsste der Ring rasch erneut ausgeschrieben und aus EU-rechtlichen Gründen bis zum 1. Februar oder mit einer Zusatzfrist etwas später verkauft werden. „Denn sonst droht die Stilllegung“, teilten die Sanierer mit. Noch gehen auch sie nach eigenen Worten aber davon aus, dass der bestehende gültige Kaufvertrag mit Wild oder einem anderen Investor sowie Getspeed noch erfüllt werde.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

13.10.2014, 18:27 Uhr

So etwas rechnet sich eben immer nur mit den politisch zugesicherten Subventionen, was leicht zu verstehen ist angesichts der völlig sinnlosen Anlage Nürburgring.

Daher musste schon der Sozialist Beck etliche zig Steuermillionen verpulvern, um ein paar wenige Investitionen lostreten zu können.
Alles a fonds perdu - und verboten durch Brüssel auch noch.

Sozialismus auf neumodisch eben. Leider wird das auch noch nach gemacht von der einstmals wirtschaftlich beschlagenen CDU.

Oliver Stock Jr.

13.10.2014, 19:00 Uhr

"So etwas rechnet sich eben immer nur mit den politisch zugesicherten Subventionen....."

Subventionen sind doof und böse und der nürburgring auch,alles Umweltverschmutzung,ich stehe auf Elektro :)

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