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16.07.2016

09:30 Uhr

Rauchfrei im Tabakparadies

Nordkoreas Kampf gegen Zigaretten

Nordkorea gilt als eine der letzten Raucher-Bastionen. Wie Machthaber Kim Jong Un sind die meisten Männer fast nie ohne Zigarette zu sehen. Doch nun will die Regierung das gesundheitsschädliche Qualmen eindämmen.

(Fast) nie ohne Zigarette: Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un. picture alliance/dpa

Kim Jong-Un

(Fast) nie ohne Zigarette: Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un.

PjöngjangNordkorea gilt als eine der letzten Bastionen des freien und ungehinderten Rauchens. Männer sind nur selten ohne Zigarette in der Hand zu sehen, das gilt auch für Machthaber Kim Jong Un. Doch das soll sich nun ändern: Pjöngjang startet eine offizielle Nichtraucherkampagne.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Land der Nikotinsucht den Kampf ansagt. Und dieser dürfte auch im neuen Anlauf nicht leicht zu gewinnen sein, vor allem, da den Behörden jenseits verstärkter Propaganda offenbar kaum finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Dennoch spricht diesmal ein neuer Faktor für die Initiative: die immer lautere Unterstützung der nordkoreanischen Frauen, von denen buchstäblich keine raucht.

Angeführt wird die Bewegung von der 57-jährigen Apothekerin Ri Yong, deren Ehemann, ein starker Raucher, fast an Lungenkrebs gestorben wäre. „Ich war im Fernsehen, meine ganze Familie war im Fernsehen, deshalb kennt mich jeder“, sagt Ri der Nachrichtenagentur AP. Sie steht in einem kleinen Nichtraucherzentrum in der Hauptstadt Pjöngjang, das sie leitet. In dem Büro, einem von elf derartigen im Land, gibt es eine Rarität zu sehen: ein prominent über der Eingangstür platziertes Nichtraucherschild. „Ich bin zuversichtlich, dass wir die Leute dazu bringen können, (mit dem Rauchen) aufzuhören“, sagt die Aktivistin. „Unser Ziel ist Aufklärung.“

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Die Vorteile für die Volksgesundheit könnten gewaltig ausfallen. Nach Ris Schätzung sind etwa 54 Prozent aller erwachsenen männlichen Nordkoreaner Raucher. Sie setzt die Zahl damit höher an als die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die in einem Ende 2014 veröffentlichten Bericht von 43,9 Prozent ausging. Für Frauen in Nordkorea sind Zigaretten ein soziales Tabu, für alle unter 17 Jahren sind sie gesetzlich verboten.

Mit dem Gedanken, härter gegen die Tabaksucht vorzugehen, hat Nordkorea schon mehrfach gespielt. Ris bescheidenes Zentrum gibt es bereits seit 2007. Doch seit Kim im April einen Nichtrauchererlass verabschiedete, verstärkten die Aktivisten ihre Bemühungen um mehr Aufklärung über die Gesundheitsrisiken des Rauchens.

Die neue Kampagne fachte Spekulationen in ausländischen Medien an, Kim habe selbst das Laster aufgegeben. Fotos der staatlichen Medien schienen dies zu belegen, auf denen der Machthaber ohne Zigarette in der Hand zu sehen war und damit auffiel. Doch schon im Juni verstummten die Gerüchte wieder: Kim wurde beim Besuch eines Kindercamps im Juni rauchend fotografiert.

Nordkorea-Restaurants: Ein Abendessen bei Kim Jong Un

Nordkorea-Restaurants

Ein Abendessen bei Kim Jong Un

Mit einer Restaurantkette versucht Nordkorea im Ausland Devisen einzuwerben. Doch das Geschäft steckt in der Krise. Ein Besuch in Bangkok zeigt, was schief läuft – und wie man die lächelnden Kellnerinnen in Rage bringt.

Bisher wurde der weit verbreitete Nikotinkonsum meist still geduldet. Zwar trat Nordkorea 2005 der Rahmenkonvention der WHO zur Tabakkontrolle bei und begeht jedes Jahr pflichtbewusst den Weltnichtrauchertag am 31. Mai. Dabei strahlte das Staatsfernsehen in diesem Jahr einen Beitrag über Ri und ihre Familie aus. In ihrem Büro wirbt ein großes Poster für den Nichtrauchertag.

Nun hat die Regierung nach eigenen Angaben die Anbauflächen für Tabak verkleinert. Die staatlichen Medien zitierten im Mai einen Sprecher des Gesundheitsministeriums mit den Worten, der Anteil männlicher Raucher seit 2013 im Vergleich zu 2009 um acht Prozent zurückgegangen. „Die Zahl der Nichtraucher steigt mit jedem Tag deutlich an“, hieß es. Ri schätzt, dass von den 24 Millionen Einwohnern des Landes täglich etwa 300 eines der Entwöhnungszentren aufsuchen.

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