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01.11.2015

08:35 Uhr

Reisen mit dem Frachter

„Kein Aufbrezeln, keine schicken Abendessen“

Eine Kreuzfahrt mit dem Frachter: Bei diesen Hochseereisen gibt es nicht wie gewöhnlich ein Bankett in Abendgarderobe, Wasserrutschen und Kabarettaufführungen. Trotzdem stehen die Leute Schlange, um an Bord zu gelangen.

Kreuzfahrten erleben derzeit einen Boom. Doch es gibt auch ungewöhnliche Hochseereisen – und da muss man einiges über sich ergehen lassen. dpa

Kreuzfahrten

Kreuzfahrten erleben derzeit einen Boom. Doch es gibt auch ungewöhnliche Hochseereisen – und da muss man einiges über sich ergehen lassen.

Passagen auf Frachtern ohne Schnickschnack, die teils Monate dauern können, gewinnen immer mehr Anhänger. Seit Jahrzehnten waren solche Seereisen die erste Wahl von Wandervögeln, die viel Zeit übrig hatten. Jetzt entdecken auch Rentner und junge Menschen ohne Arbeitsplatz solche spartanischen Trips für sich.

„Das Essen kann ziemlich gewöhnlich sein und man muss sich den Abläufen anpassen“, erklärt der 72-jährige John McGuffick, ein pensionierter Landwirt aus dem Osten Australiens und mit zehn Ozean-Fahrten in Dutzende Häfen in Asien, Europa und Nordamerika ein Veteran solcher Reisen.

Deutsche mögen Kreuzfahrten

Kreuzfahrtpassagiere in Deutschland

Kreuzfahrten werden in Deutschland immer beliebter: Nach Großbritannien und Irland (werden zusammen geführt) belegt Deutschland im europäischen Passagierranking den zweiten Platz. Etwa 2,4 Prozent der Deutschen sind Kreuzfahrtpassagiere – das macht sich auch beim Umsatz auf diesem Markt bemerkbar: 2014 wurde mit einem Erlös von knapp 3,1 Milliarden Euro der Rekord aus dem Jahr 2012 eingestellt. Zum Vergleich: 1993 waren es noch 537 Millionen Euro, 2001 ziemlich genau eine Milliarde.
Quelle: Statista

Hochseekreuzfahrten sind gefragter

Hochseekreuzfahrten sind dabei deutlich beliebter als Flusskreuzfahrten. 2,7 der knapp 3,1 Milliarden Euro Umsatz entfielen 2014 auf Reisen über die Weltmeere. Dabei lohnt sich die Fahrerei sogar aus Konsumentensicht: Der durchschnittliche Reisepreis ist in den vergangenen Jahren nämlich kontinuierlich gesunken. 2007 kostete eine Hochseekreuzfahrt im Durchschnitt noch 1885 Euro, 2014 durchschnittlich nur noch 1530 Euro.

Flusskreuzfahrten lange mäßig beliebt

Flusskreuzfahrten sind deutlich günstiger – 2014 betrug der durchschnittliche Preis 952 Euro. Die Anbieter beobachteten in der Vergangenheit schwankende Passagierzahlen, in den vergangenen Jahren waren sie rückläufig: Fast 416.000 Menschen machten 2014 eine Flusskreuzfahrt. Im Jahr 2011 waren es noch 462.000. Immerhin kehrte sich der Trend im vergangenen Jahr um.

Die stärksten deutschen Kreuzfahrtunternehmen

Aida-Kreuzfahrten haben in der Branche einen guten Ruf. Das spiegelt sich in den zuletzt rasant steigenden Umsatzzahlen wieder. 2014 setzte Aida Cruises 1,3 Milliarden Euro um – fast vier Mal so viel wie noch neun Jahre zuvor. Im Gesamtranking der führenden Reiseveranstalter ist Aida Cruises Sechster. Ebenfalls steigenden Umsatz verbuchte die Tui AG mit ihren Kreuzfahrten (2008: 186,5 Millionen Euro – 2014: 281 Millionen Euro). Umsatzeinbußen gab es hingegen bei Phoenix Reisen (2008: 296,4 Millionen Euro – 2014: 280,5 Millionen Euro).

Die wichtigsten Häfen in Nordeuropa

Der Hamburger Hafen ist der größte Seehafen Deutschlands – und einer der wichtigsten Nordeuropas. Mit einem Passagieraufkommen von 552.000 Menschen im Jahr 2013 belegt Hamburg hinter Lissabon (558.000) und Kopenhagen (800.000) den vierten Platz. Einsamer Spitzenreiter ist allerdings der Port of Southampton mit einem Passagieraufkommen von fast 1,7 Millionen Menschen.

McGufficks persönlicher Langzeitrekord auf hoher See: 110 Tage pausenlos auf dem Meer von Dünkirchen in Nordfrankreich bis nach Singapur. „Ich mag das Alleinsein“, sagt er. „Ich lese Bücher, für die ich daheim keine Zeit finde.“

Reedereien stehen unter Druck, jeden Dollar aus ihren Flotten herauszuquetschen. Im Zuge der sich abkühlenden Weltwirtschaft sind die Frachtraten so weit gesunken, dass die Beförderung einer Person von Schanghai nach Rotterdam ihnen mindestens zehn Mal mehr Umsatz einbringt als ein gut sechs Meter langer Container voller flach verpackter Möbel, wie Daten von Bloomberg zeigen.

Etwa 100 Euro pro Tag kosten ein Bett und drei Mahlzeiten auf einigen der größten Schiffe, die jemals gebaut wurden. Die Handvoll zahlender Passagiere – in der Regel nicht mehr als ein Dutzend pro Fahrt – erlebt hautnah das Geschehen auf den Arbeitspferden der Weltwirtschaft, auf denen etwa 90 Prozent des Welthandels befördert werden.

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