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05.07.2012

17:08 Uhr

Reparaturdienst

Ex-Otto-Tochter TS24 wird zerschlagen

VonSönke Iwersen

ExklusivDer ehemalige Reparaturdienst des Otto-Konzerns bekommt einen neuen Eigentümer, doch für nur rund ein Viertel der einst 250 Mitarbeiter gibt es dort eine neue Zukunft.

Beschäftige im Otto-Versand ap

Beschäftige im Otto-Versand

DüsseldorfNach Informationen des Handelsblattes aus Unternehmenskreisen wird die insolvente ehemalige Otto-Tochter TS24 vom bayerischen Konkurrenten RTS Elektronik Systeme übernommen. „Alle Mitarbeiter wurden informiert, dass sie bis zum 31. Juli gekündigt werden“, sagt ein Mitarbeiter. „RTS wird sich dann die besten 80 Leute aussuchen. Aber die TS24-Zentrale in Mettmann wird geschlossen.“

Ein Sprecher des Insolvenzverwalters Jörg Bornheimer wollte sich auf Anfrage des Handelsblattes nicht zu den Details der Übernahme äußern. Es sei richtig, dass ein Kaufvertrag unterschrieben wurde. Dieser enthalte aber einige aufschiebende Bedingungen. Vor Klärung dieser Einzelheiten werde es keine Erklärung des Insolvenzverwalters und auch keine Bestätigung des Käufernamens geben.

TS24 hatte im März 2012 einen Insolvenzantrag gestellt und beschäftigt seitdem die Ermittlungsbehörden. Wie die Staatsanwaltschaft Wuppertal dem Handelsblatt bestätigte, dauern ihre Ermittlungen gegen den TS24-Geschäftsführer Holger Brehm wegen des Verdachts auf Betrug und Verstoß gegen die Insolvenzordnung an.

Das Leben des Werner Otto

Geburt

Werner Otto wird am 13.August 1909 als Sohn eines Lebensmittelgroßhändlers in Seelow, Brandenburg, geboren. Nach einer Kaufmannslehre führt er unter anderem eine Schuhfabrik.

Ausbildung

Werner Otto besuchte in Prenzlau das humanistische Gymnasium und wollte eine Zeit lang Schriftsteller werden, versuchte sich auch an zeitkritischen Romanen, musste dann aber nach dem Zusammenbruch des elterlichen Geschäfts mit 17 Jahren vorzeitig das Gymnasium verlassen und absolvierte stattdessen eine kaufmännische Lehre in Angermünde.

Nazi-Vergangenheit

Seine Berufslaufbahn begann Otto als selbstständiger Einzelhandelskaufmann in Stettin. Seine Sympathien für den einstigen NS-Ideologen Otto Strasser, für den er Flugblätter über die deutsch-tschechische Grenze ins nationalsozialistische Deutschland schmuggelte, brachten ihm eine zweijährige Haftstrafe ein.

Der erste Laden

Nach deren Verbüßung kaufte er in Berlin mit dem kleinen mütterlichen Erbe einen Zigarrenladen. Das Kriegsende erlebte Otto als Obergefreiter mit einer Kopfverletzung in einem Wehrmachtslazarett. Wenig später kam er als mittelloser Flüchtling nach Hamburg.

Die Schuhfabrik

In seinem Bemühen, für sich und seine Familie in Hamburg eine neue Existenz aufzubauen, versuchte es Otto zunächst mit einer kleinen Schuhfabrik, in der zuletzt 150 Mann arbeiteten. 1948 musste er das kleine Unternehmen wieder aufgeben, da es sich nach der Währungsreform im Wettbewerb mit den Großen der Branche nicht halten ließ.

Gründung des Versandhandels

Otto gründet 1949 mit einem Startkapital von 6 000 DM einen Versandhandel. Die Firma expandiert, setzt bald Milliarden um.

Neue Wege

Mit dem Sammelbestellsystem beschritt Otto neue Wege im Vertrieb. Als einer der ersten Versender verzichtete er auf Nachnahmesendungen und belieferte seine Kunden gegen Rechnung. Entgegen anderen Vorbildern setzte er von Anfang an weniger auf niedrige Preise als auf Qualität. Damit befreite er die Versandhaus-Branche vom Geruch des Kleine-Leute-Handels und eroberte sich neue Käuferschichten.

Rasantes Wachstum

1953 setzte Ottos Versandhaus bereits 5 Mio. DM um, 1955 waren es 28 Mio. DM. Von 1965 an lag der Otto-Versand mit der Höhe seiner Zuwachsrate fast immer an der Spitze seiner renommierten Konkurrenten. Allein in der Zeit von 1965 bis 1967 konnte er seinen Umsatz verdoppeln, und zwar nicht durch Zukäufe, sondern durch Expansion des vorhandenen Geschäfts.

Der Katalog

Der erste Otto-Katalog, der 1950 vorgestellt wurde, umfasste ganze 16 Seiten, 1977 zählte der Hauptkatalog bereits ein warenhausähnliches Sortiment mit ca. 50.000 Artikelpositionen auf.

Erstaunliche Flexibilität

Otto, der von sich selbst sagt, dass ihm die Freiheit ein höheres Gut sei als die Sicherheit, bewies als Unternehmer immer wieder erstaunliche Flexibilität. Als seine fünf Warenhäuser (das letzte wurde 1973 in Mülheim eröffnet) nicht den erwarteten Erfolg brachten, vermietete er sie 1974/1975 an die Horten AG. Ebenso verkaufte er kurz entschlossen eine Kette von Autowaschanlagen mit unbefriedigender Rendite.

Kapitalbeschaffung

Das Kapital für die rasante Expansion seines Unternehmens beschaffte sich O. gemäß dem unternehmerischen Grundsatz "Teile und wachse": Er nahm starke Partner in seine Unternehmungen auf, ohne jedoch die unternehmerische Führung abzugeben.

Verkauf von Anteilen

Bereits Anfang der 60er Jahre hatte er 50 % des Kapitals der Otto-Versand GmbH & Co an die in der E. Brost & J. Funke GmbH & Co KG, Essen, vertretenen Inhaberfamilien der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (25 %), die Gesellschaft für Handelsbeteiligungen mbH, Hamburg (15 %) und an die KG Aurum, Beteiligungs GmbH & Co KG, Hamburg (10 %) verkauft. An der Konzernholding Otto AG für Beteiligungen blieb die Familie Otto weiterhin mit 50 % beteiligt. Seit dem 31. Dez. 2007 gehört der Otto-Konzern durch einen Rückkauf wieder zu 100 % der Gründerfamilie.

Der Rückzug

1966 zieht er sich weit gehend aus der direkten Unternehmensführung zurück und übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz.

Neue Projekte

Mit dem durch die Anteilsveräußerung gewonnenen finanziellen Spielraum engagierte sich Otto auf dem zukunftsträchtigen Feld des Baus von Einkaufszentren. Diese Interessen wurden in der ECE-Projektmanagement GmbH vereinigt, die 1980 bereits 13 Einkaufszentren managte.

Ehrenvorsitzender auf Lebenszeit

1981 wird Otto zum Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrats auf Lebenszeit ernannt. Sohn Michael wird Vorstandschef. Werner Ottomacht sich einen Namen als Stifter und Mäzen.

Der viertreichste Deutsche

Das "Manager Magazin" veröffentlicht seine diesjährige Liste der 300 reichsten Deutschen. Wie in den Vorjahren wird das Ranking von den Aldi-Brüdern Karl Albrecht mit einem geschätzten Vermögen in Höhe von 17,35 Mrd. Euro und Theo Albrecht mit 16,75 Mrd. Euro angeführt. Dahinter belegt Dieter Schwarz mit 11 Mrd. Euro den dritten, die Familie von Werner Otto mit 8,15 Mrd. Euro den vierten Platz.

Der Tod

Werner Otto stirbt am 21.12.2011 im Alter von 102 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin.

TS24 war im Juli 2009 von Otto an die Hamburger Industrie-Holding Elbe Partners verkauft worden. Der Kaufpreis lag bei einem Euro, außerdem verzichtete die Otto-Gruppe auf Forderungen von zwölf Millionen Euro, füllte die TS24-Kasse mit fünf Millionen Euro auf und gab zusätzlich ein Darlehen von fünf Millionen Euro.

Elbe-Partners-Gründer Ramin Ghalibaf machte sich dann selbst zum Geschäftsführer von TS24 und gewährte sich und seinen Partnern bei Elbe Partners, darunter der ehemalige Alix-Unternehmensberater Ulrich Wlecke, hohe Gehälter und Beraterverträge. Kurz vor dem Insolvenzantrag gab Ghalibaf die Geschäftsführung ab und kaufte TS24 von Elbe Partners, also von seinem eigenen Unternehmen. Zu den Gründen wollte er sich nicht äußern.

Kommentare (4)

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hsv-casi

06.07.2012, 20:10 Uhr

Durch die Berichterstattung im Handelsblatt wurde die Zerschlagung der TS24 deutlich vorangetrieben und nie sachlich diskuttiert! Da fragt man sich wirklich, woher das Handelsblatt ständig diese "neuen" Informationen hatte?! Man kann dies alles Willkür nennen...

Anonym

09.07.2012, 14:45 Uhr

Auch wenn einige Darstellungen des Handelsblatts nicht 100%-ig der Wahrheit entsprechen, sollte man nicht vergessen, wer hier wirklich schuld an der Misere ist. Die Berichterstattung des Herrn Iwersen hat nicht im Geringsten etwas mit den Managementfehlern der Vergangenheit zu tun. Die "saloppe" Entsorgung der ehemaligen Tochter durch den Großkonzern Otto bleibt,- egal wie man es betrachtet,- eine große Sauerei....

Hermes

14.07.2012, 12:26 Uhr

Das einzige was die Mitarbeiter wissen ist das dieTs 24 geschlossen wird zum 01.08.12 da noch kein Sozialplan steht bzw. stand.
Jetzt müsste der Sozialplan stehen und den Mitarbeitern werden wohl diese Woche ihre Kündigungen erhalten.
RTS wird wohl darauf bestehen dass die Mitarbeiter noch durch den Insolvenzverwalter gekündigt werden um allen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen
RTS der Käufer von Profectis wird dann die Firma (einige wenige Mitarbeiter) übernehmen.
Das heißt so sieht es für mich aus das die Mitarbeiter wohl nicht mehr an das Geld ihrer geleisteten Arbeit kommen werden.
Hätte die Firma so wie es die Betriebsvereinbarung vorgesehen hat schon ab September den Mitarbeitern ihre Überstunden ausgezahlt hätte die Firma da schon den Finger heben müssen.
Statt dessen sollten die überstundend an ab März prozentual ausgezahlt werden man beachte das aber im Februar dann der Finger gehoben wurde.
Ach ich vergas das der Herr Brehm ja von Profectis kam und zur Bedingung dafür das er Ts 24 führen würde ein Auto zur Bedingungen hatte (kein Auto von der Stange), auch wurde Herr Brehm öfters vor der Insolvenz bei profectis gesehen.
Stand oder steht Herr Brehm auf der gehaltsliste bei profectis oder der RTS gruppe und wollte man das Ts 24 untergeht wir werden es sehen ob er dort wieder auftaucht.
Schade um die guten Leute die ihre Arbeit verlieren durch die schlechte Geschäftsführung

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