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31.05.2016

11:05 Uhr

Rocket Internet

Die neue Bescheidenheit

VonMiriam Schröder

Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer kann mit besseren Zahlen aufwarten: Das Minus aller Rocket-Firmen sinkt im ersten Quartal von 180 auf 140 Millionen Euro. Doch bei einigen Beteiligungen wachsen die Verluste weiter.

Bonativo, ein Start-Up aus dem Hause „Rocket Internet“ stellt schon bald den Betrieb ein. Das Unternehmen hat die Erwartungen nicht erfüllt. dpa

Aufgegeben

Bonativo, ein Start-Up aus dem Hause „Rocket Internet“ stellt schon bald den Betrieb ein. Das Unternehmen hat die Erwartungen nicht erfüllt.

Berlin„Proven Winners“ hat er sie vor einem Jahr noch genannt, inzwischen gibt sich Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer etwas bescheidener. Von „ausgewählten Portfolio-Companies“ war am Dienstag bei der Veröffentlichung der ersten Quartalszahlen des Jahres die Rede. Dazu gehören der Kochboxenlieferant Hello Fresh und der Lieferdienst Foodpanda, die sechs Mitglieder der Modegruppe Global Fashion Group, die Gemischtwarenhändler Linio und Jumia, und die Möbel-Start-ups Westwing und Home24.

Rechnet man alle zwölf Firmen zusammen, hat sich das Ergebnis im Vergleich zum Vorjahresquartal leicht verbessert, der bereinigte Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sank von einem Minus von 180 Millionen Euro auf 140 Millionen Euro.

Der Umsatz stieg um durchschnittlich 34 Prozent auf 532 Millionen Euro. Darin ist das Ergebnis des asiatischen Amazon-Klons Lazada nicht mehr enthalten. Die südostasiatische Beteiligung wurde vor kurzem an den chinesischen Internet-Konzern Alibaba verkauft. Mit Lazada hatten die wichtigsten Beteiligungen von Rocket im Vorjahreszeitraum noch Erlöse von 590 Millionen Euro verzeichnet.

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Der Online-Möbelhändler Home 24 hat von Investoren gerade 20 Millionen Euro frisches Risikokapital bekommen. Doch in der Branche spricht man von einem letzten Rettungsring. Denn die Zahlen sehen besorgniserregend aus.

Der Fokus der Start-up-Fabrik dürfte in diesem Jahr auf der Profitabilität liegen. Das hatte Oliver Samwer den Aktionären seit dem vergangenen Herbst immer wieder gesagt. Im vorigen Jahr habe man noch kräftig in Wachstum investiert – und dabei Verluste in Kauf genommen. Die wichtigsten acht Unternehmen machten 2015 zusammen einen Verlust von einer Milliarde Euro. Im Jahr 2016 sollen die Verluste sinken – bis Ende 2017 sollen drei Unternehmen profitabel sein. An dem Ziel halte man fest, sagte Oliver Samwer bei der Präsentation der Quartalszahlen.

Der Rocket-Internet-Chef steht seit geraumer Zeit unter Druck. Der Aktienkurs schwankt, liegt aber immer deutlich unter dem Ausgabepreis. Zuletzt verunsicherte die Nachricht, dass Rocket Internet den angenommenen Wert der Global Fashion Group (GFG) von gut drei Milliarden auf eine Milliarde Euro reduziert hat, die Anleger. Zugleich schossen Rocket und der Partner Kinnevik zusammen 300 Millionen Euro frisches Kapital bei der GFG nach.

Das sagt Oliver Samwer selbst

Über seine Arbeitsmaxime

„Zu viele Menschen glauben ihren eigenen Pressemitteilungen. Messt Erfolg nicht an Berichterstattung, sondern ökonomischem Einfluss. […] Betreibt ein Start-up wie eine Bäckerei: Backt am Morgen, verkauft über den Tag und zählt die Einnahmen in der Nacht! […] Fürchtet euch nicht davor, im Dreck zu leben. […] Geht zu McKinsey, wenn ihr gescheitert seid. Warum vorher? Jetzt seid ihr jung. Ihr solltet glücklich sein. Gott hat euch das Internet gegeben!“

Oliver Samwer zu unterschiedlichen Gelegenheiten über seine Arbeitsmaximen

Über seine Zeit an der WHU

„Das Tollste waren die Gastvorträge von Unternehmern, die im Zeitraffer erzählten, wie sie aus dem Nichts eine Firma mit ein paar Hundert oder sogar 20.000 Leuten schufen, wie sie auch mal am Abgrund standen, bis dann gerade noch rechtzeitig der entscheidende Auftrag kam.“

Oliver Samwer über die Vorzüge seines Studiums an der WHU

Über das ideale Start-up

„Das ideale Start-up ist eine Kombination aus Gelegenheit, Team und Timing. Das ideale Start-up adressiert einen riesigen Marktplatz, der offen für eine Veränderung ist oder gerade durch einen Paradigmenwechsel kreiert wird, hat ein Team, das empfindlich genug für die Anforderungen des Marktes ist, und im richtigen Moment auf den Markt kommt, nicht zu früh und nicht zu spät. Jede einzelne dieser Eigenschaften, wenn sie schlimm genug ist, tötet das Unternehmen.“

Oliver Samwer und Max Finger über ein „ideales Start-up“ in ihrer Diplomarbeit

Über den Verkauf von Alando

„Wir haben Alando überhaupt nicht zum richtigen Zeitpunkt verkauft. Wir waren doch Idioten, dass wir ausgestiegen sind. Wir waren die größte deutsche Auktionsseite. Heute macht Ebay in Deutschland 120 Millionen Euro Gewinn im Jahr, folglich war es nicht klug, Alando für 50 Millionen Dollar zu verkaufen. Im Nachhinein sehen ich und meine Brüder das als unseren vielleicht größten Fehler an.“

Oliver Samwer über den frühen Ausstieg der Samwers bei Alando

Über kleine Niederlagen

„Eine wirklich schlimme Niederlage haben wir nicht erlitten. Aber wir sind oft durch den Dreck gerobbt. Die Erfolge, die sich hinterher in der Zeitung so mühelos lesen, haben in Wahrheit wahnsinnig viel Kraft gekostet. Und es gab immer kleine Niederlagen – und oft großes Bangen. Bertelsmann hat bei Alando mal intensiv alle unsere Nutzer angespamt und versucht, sie uns auszuspannen. Das hat uns einige schlaflose Nächte gekostet. Bis wir gesehen haben: Die Leute bleiben bei uns.“

Oliver Samwer 2007 über die Herausforderungen ihrer Alando-Zeit

Über die Anfänge von Jamba

„Wir haben uns damals mit dem 'Wireless'-Markt beschäftigt, nach Japan geschaut und uns die europäischen Märkte angesehen. Wir stellten fest, dass nicht News, Verkehrsnachrichten oder Börsenkurse das Geschäft mit Mobilfunkdiensten ausmachten, sondern Entertainmentinhalte. Wir sahen den Boom, [...] dass Spiele fürs Handy in Japan bereits ein Renner waren und stellten uns vor, dass dies zusammen mit Musik und Bildern auch in Europa funktionieren könnte.“

Oliver Samwer im Jahre 2003 über die Entstehung von Jamba

Über Schnelligkeit

„Wir bekommen jeden Tag viele Businesspläne und E-Mails von Start-ups zugeschickt. Haben wir dann an einer erfolgversprechenden Idee Interesse gefunden, kommt es relativ zeitnah und pragmatisch zur Kontaktaufnahme. Nach kurzer Zeit können wir dann auch bereits eine Investitionsentscheidung treffen, da wir keine bürokratischen Prozesse durchlaufen müssen. Ein Gespräch unter uns drei Brüdern genügt. Vom ersten Meeting bis zur Entscheidung braucht es oft weniger als 48 Stunden.“

Oliver Samwer über die Schnelligkeit des European Founders Funds

Über den European Founders Fund

„Wir haben uns in den USA und Asien umgeschaut. Dabei ist uns im kalifornischen Silicon Valley aufgefallen, dass viele erfolgreiche Unternehmer ihr Geld in Start-ups investieren und den jungen Firmen dann auch aktiv zur Seite stehen. […] Wir wollen den Gründern aber nicht nur Geld, sondern auch unsere aktive Unterstützung und unseren Rat geben.“

Oliver Samwer über die Aktivitäten des European Founders Funds

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

Deren Verluste reduzierten sich im ersten Quartal auf 53 Millionen Euro, nach 74 Millionen im Vorjahr. Im Gegenzug verlangsamte sich das Wachstum. Der Umsatz stieg um 25 Prozent auf knapp 230 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der Modehändler Zalando, der einst auch zu Rocket Internet gehörte, wuchs im ersten Quartal des Jahres um fast 24 Prozent – und verzeichnete dabei Gewinne.

Hohe Verluste hingegen produziert noch immer der Kochboxenlieferant Hello Fresh. Hier habe man weiterhin in Wachstum investiert, sagte Oliver Samwer. Vor allem in Großbritannien und den USA sei das Jahr gut angelaufen. Der Umsatz sei im Vergleich zum Vorjahresquartal von 45,4 auf 141,4 Millionen Euro gestiegen – gleichzeitig wuchs aber auch das Minus von 7,3 auf 27,3 Millionen Euro.

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