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02.09.2016

13:50 Uhr

Rocket Internet

Schreckensnachricht um Mitternacht

VonMiriam Schröder

Überraschend hat Rocket Internet in der Nacht tiefrote Halbjahreszahlen verkündet. Wertberichtigungen im internationalen Geschäft verhagelten der Berliner Start-up-Fabrik die Bilanz. Was dahinter steckt.

Der drastische Wertverlust seiner Modehandels-Beteiligungen drückt den Berliner Startup-Investor tief in die roten Zahlen. Reuters

Führungsriege von Rocket Internet

Der drastische Wertverlust seiner Modehandels-Beteiligungen drückt den Berliner Startup-Investor tief in die roten Zahlen.

BerlinDie E-Mail kam überraschend, und überdies zu einer ungewöhnlichen Uhrzeit. Offiziell wollte Rocket Internet seine Halbjahreszahlen erst am 22. September vorlegen. Doch den Buchhaltern in der Start-up-Fabrik war aufgefallen, dass für die Monate von Januar bis Juni einen Verlust von 617 Millionen verbucht wurde. In so einem Fall muss ein börsennotierter Konzern eine Ad-hoc-Meldung herausgeben.

Um acht Minuten nach Mitternacht verschickte Rocket vorsorglich eine Pressemitteilung, in der darauf hingewiesen wurde, dass vor allem die Wertberichtigungen bei der Global Fashion Group (GFG) das Konzernergebnis belasten. Die GFG ist eine Gruppe von Zalando-Klonen, die Online-Shops unter anderem in Dubai, in Russland oder Südostasien betreiben.

Rocket-Imperium auf dem Prüfstand: Die weltweiten Wetten des Oliver Samwer

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Das Reich von Rocket Internet ist so groß wie unübersichtlich. Ein Blick ins Zahlenwerk offenbart die Risiken des Imperiums.

Schon im April hatten Rocket und der andere Großinvestor, die schwedische Kinnevik-Gruppe im Rahmen dem Mode-Start-up eine Finanzspritze von 300 Millionen angekündigt. Im Juli wurde das Geschäft vollzogen. In diesem Zuge wurde die Firma neu bewertet, und zwar mit einer Milliarde Dollar, zwei Milliarden weniger als zuvor. Im ersten Quartal des Jahres stieg der Umsatz der Global Fashion Group um 25,7 Prozent, mit jedem umgesetzten Euro macht die Gruppe aber noch immer 23,4 Cent Verlust.

Das Klamotten-Geschäft ist äußerst kapitalintensiv: Wenn sich ein Online-Shop rentieren soll, braucht er viele Kunden, die mit enormem Marketingaufwand geworben werden. In Indien, einem Land mit viel Konkurrenz, wurde der GFG und ihren Investoren – neben Rocket ist das vor allem die schwedische Kinnevik-Gruppe – dieser Aufwand zu groß. Die GFG-Tochter Jabong wurde verkauft, vermutlich zu einem Preis, der unter dem eingesetzten Kapital lag.

Das sagt Oliver Samwer selbst

Über seine Arbeitsmaxime

„Zu viele Menschen glauben ihren eigenen Pressemitteilungen. Messt Erfolg nicht an Berichterstattung, sondern ökonomischem Einfluss. […] Betreibt ein Start-up wie eine Bäckerei: Backt am Morgen, verkauft über den Tag und zählt die Einnahmen in der Nacht! […] Fürchtet euch nicht davor, im Dreck zu leben. […] Geht zu McKinsey, wenn ihr gescheitert seid. Warum vorher? Jetzt seid ihr jung. Ihr solltet glücklich sein. Gott hat euch das Internet gegeben!“

Oliver Samwer zu unterschiedlichen Gelegenheiten über seine Arbeitsmaximen

Über seine Zeit an der WHU

„Das Tollste waren die Gastvorträge von Unternehmern, die im Zeitraffer erzählten, wie sie aus dem Nichts eine Firma mit ein paar Hundert oder sogar 20.000 Leuten schufen, wie sie auch mal am Abgrund standen, bis dann gerade noch rechtzeitig der entscheidende Auftrag kam.“

Oliver Samwer über die Vorzüge seines Studiums an der WHU

Über das ideale Start-up

„Das ideale Start-up ist eine Kombination aus Gelegenheit, Team und Timing. Das ideale Start-up adressiert einen riesigen Marktplatz, der offen für eine Veränderung ist oder gerade durch einen Paradigmenwechsel kreiert wird, hat ein Team, das empfindlich genug für die Anforderungen des Marktes ist, und im richtigen Moment auf den Markt kommt, nicht zu früh und nicht zu spät. Jede einzelne dieser Eigenschaften, wenn sie schlimm genug ist, tötet das Unternehmen.“

Oliver Samwer und Max Finger über ein „ideales Start-up“ in ihrer Diplomarbeit

Über den Verkauf von Alando

„Wir haben Alando überhaupt nicht zum richtigen Zeitpunkt verkauft. Wir waren doch Idioten, dass wir ausgestiegen sind. Wir waren die größte deutsche Auktionsseite. Heute macht Ebay in Deutschland 120 Millionen Euro Gewinn im Jahr, folglich war es nicht klug, Alando für 50 Millionen Dollar zu verkaufen. Im Nachhinein sehen ich und meine Brüder das als unseren vielleicht größten Fehler an.“

Oliver Samwer über den frühen Ausstieg der Samwers bei Alando

Über kleine Niederlagen

„Eine wirklich schlimme Niederlage haben wir nicht erlitten. Aber wir sind oft durch den Dreck gerobbt. Die Erfolge, die sich hinterher in der Zeitung so mühelos lesen, haben in Wahrheit wahnsinnig viel Kraft gekostet. Und es gab immer kleine Niederlagen – und oft großes Bangen. Bertelsmann hat bei Alando mal intensiv alle unsere Nutzer angespamt und versucht, sie uns auszuspannen. Das hat uns einige schlaflose Nächte gekostet. Bis wir gesehen haben: Die Leute bleiben bei uns.“

Oliver Samwer 2007 über die Herausforderungen ihrer Alando-Zeit

Über die Anfänge von Jamba

„Wir haben uns damals mit dem 'Wireless'-Markt beschäftigt, nach Japan geschaut und uns die europäischen Märkte angesehen. Wir stellten fest, dass nicht News, Verkehrsnachrichten oder Börsenkurse das Geschäft mit Mobilfunkdiensten ausmachten, sondern Entertainmentinhalte. Wir sahen den Boom, [...] dass Spiele fürs Handy in Japan bereits ein Renner waren und stellten uns vor, dass dies zusammen mit Musik und Bildern auch in Europa funktionieren könnte.“

Oliver Samwer im Jahre 2003 über die Entstehung von Jamba

Über Schnelligkeit

„Wir bekommen jeden Tag viele Businesspläne und E-Mails von Start-ups zugeschickt. Haben wir dann an einer erfolgversprechenden Idee Interesse gefunden, kommt es relativ zeitnah und pragmatisch zur Kontaktaufnahme. Nach kurzer Zeit können wir dann auch bereits eine Investitionsentscheidung treffen, da wir keine bürokratischen Prozesse durchlaufen müssen. Ein Gespräch unter uns drei Brüdern genügt. Vom ersten Meeting bis zur Entscheidung braucht es oft weniger als 48 Stunden.“

Oliver Samwer über die Schnelligkeit des European Founders Funds

Über den European Founders Fund

„Wir haben uns in den USA und Asien umgeschaut. Dabei ist uns im kalifornischen Silicon Valley aufgefallen, dass viele erfolgreiche Unternehmer ihr Geld in Start-ups investieren und den jungen Firmen dann auch aktiv zur Seite stehen. […] Wir wollen den Gründern aber nicht nur Geld, sondern auch unsere aktive Unterstützung und unseren Rat geben.“

Oliver Samwer über die Aktivitäten des European Founders Funds

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

In anderen Märkten läuft es deutlich besser: Namshi im Nahen Osten beispielsweise ist im ersten Quartal dieses Jahres schon fast profitabel. Das liegt nicht nur an der noch entspannten Wettbewerbsposition, sondern auch daran, dass Leute in wohlhabenderen Ländern teurere Kleider kaufen, was gut ist für die Marge.

Insider sind optimistisch. Die neuen Geschäftsführer, Romain Voog und Nils Chrestin, hätten die Prozesse in den Griff bekommen. So würden sich die einzelnen Firmen jetzt besser untereinander austauschen, und die Einkäufe gemeinsam getätigt. Auch die Eigenmarkenquote sei erhöht worden. Klamotten, die ein Onlineshop nicht einkauft, sondern selbst produzieren lässt, sind auch gut für die Marge. Nicht abschätzbar ist hingegen, wie sich der Wettbewerb entwickelt.

Noch unklar ist auch, welche weiteren Abschreibungen Rocket vornehmen musste. Darüber will der Konzern wie geplant erst am 22. September Auskunft geben. Dann erst werden auch Details zum operativen Geschäft bekanntgegeben, das laut Finanzchef Peter Kimpel voll im Plan liegen soll.

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