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28.08.2014

11:07 Uhr

Rocket Internet unter Beschuss

Otto greift Samwer-Brüder an

VonLisa Hegemann

TV-Interview, Magazintitel, Biografie: Die Samwer-Brüder sind in deutschen Medien derzeit omnipräsent. Konkurrent Otto kritisiert das „gekonnt inszenierte PR-Feuerwerk“ ungewohnt offen – und gibt noch ein paar Tipps.

Die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer (von links nach rechts) machen kurz vor dem Börsengang ihres Unternehmens Rocket Internet massiv Werbung in eigener Sache. Konkurrent Otto kritisiert das.

Die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer (von links nach rechts) machen kurz vor dem Börsengang ihres Unternehmens Rocket Internet massiv Werbung in eigener Sache. Konkurrent Otto kritisiert das.

DüsseldorfDas ZDF veröffentlicht das erste TV-Interview mit Oliver Samwer, die „Wirtschaftswoche“ macht ihn und seine Brüder zum Titel, der „Gründerszene“-Chefredakteur widmet den Rocket-Internet-Gründern gleich ein ganzes Buch, und auch Handelsblatt Online kommt um eine Berichterstattung vor einem der spannendsten Börsengange nicht umhin: Die Samwers sind kurz vor dem Schritt auf das Börsenparkett ihrer Start-up-Schmiede Rocket Internet omnipräsent. Zufall? Konkurrent Otto glaubt nicht daran. In einem ungewöhnlich scharfen Blogeintrag kritisiert der Kommunikationsdirektor des Versandhändlers, Thomas Voigt, das „gekonnt inszenierte PR-Feuerwerk“ von Rocket Internet.

Normalerweise halte sich Otto mit Bewertungen von Konkurrenten „hanseatisch“ zurück, schreibt Voigt. Doch bei den Samwers spüre man „förmlich die strategisch wirklich hervorragend ausgefeilte Inszenierung“. Die Medien stilisieren Oliver Samwer seiner Meinung nach „unfreiwillig als Revolutionär des internationalen Einzelhandels, der den alten Knaben Mores lehrt“. Zu Unrecht, wie der Otto-Kommunikationschef findet: Es gebe neben Karstadt bereits seit zwei Jahrzehnten „einen blühenden und ziemlich dicht besetzten E-Commerce-Markt“.

Was andere über Oliver Samwer sagen

Über negative Äußerungen über Oliver Samwer

„Es sind oft dieselben zwei Gründe, weshalb sich Leute negativ über ihn äußern: Man hat seine eigentlich sehr direkte und klare Art nicht verstanden und fühlt sich unfair behandelt. Viele denken aufgrund seiner gewinnenden Art aber auch, dass sie mit Oliver Samwer eng befreundet sind. [...]Wer das, was Oliver Samwer sagt, für bare Münze nimmt und nicht angepasst in seine eigene Sprache übersetzt, macht aber ohnehin etwas falsch.“

Jambas langjähriger Pressechef Tilo Bonow über die Arbeit mit Oliver Samwer

Über die Arbeit bei Ebay-Klon Alando

„Es herrschte eine gute und tolle Stimmung bei Alando und obwohl am Tag 12 bis 13 Stunden gearbeitet wurde und man auch am Wochenende im Büro war, spürte jeder diese Aufbruchstimmung. Wir haben auch viel gelacht. [...] Die Samwers hatten noch keinen großen Namen, Presseaufmerksamkeit gab es kaum, das Internet war noch nicht so gehypt, und es steckten keine 100 Millionen in Alando. Alles war viel entspannter und es herrschte eben echte Goldgräberstimmung.“

Samwer-Wegbegleiter Ole Brandenburg über die Stimmung bei Ebay-Klon Alando

Über die Arbeitsweise

„Oliver Samwer hat Benzin statt Blut in den Adern. Er arbeitet härter als jeder, den ich kenne, und als Manager hat man genau deshalb großen Respekt vor ihm. Er hat ja auch nie Zeit, was einem das Gefühl vermittelt, dass seine Aufmerksamkeit ein sehr wertvolles Gut ist. [...] Der Vergleich ist sicherlich sehr krass, aber ein wenig ist das wie bei einer Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird: Es löst Glücksgefühle aus, wenn du keine Schläge abbekommst.“

Eine ehemalige Führungskraft über Oliver Samwer

Über die Atmosphäre bei Jamba

„Die Atmosphäre bei Jamba war in der Anfangszeit oft wie in einem Bienenstock. Kam man zwei Minuten zu spät, gab es sofort einen Anschiss, egal ob man am Tag zuvor bis spät in den Abend im Büro saß oder das Wochenende durchgearbeitet hatte. Auch Raucherpausen wurden stets moniert, besonders wenn ein Mitarbeiter Verantwortung trug und deshalb ein Vorbild sein sollte.“

Ein ehemaliger Mitarbeiter über die Atmosphäre bei Jamba

Über sein Sozialverhalten

„Oliver Samwer hat eine völlige Abneigung gegenüber Smalltalk. Wenn er eine Person für unbedeutend hält oder sich nicht für ihre Belange interessiert, verbringt er auch praktisch keine Zeit mit ihr, sondern lässt sie einfach stehen. Er sagt nicht Hallo, er sagt nicht Auf Wiedersehen, sondern lässt Leute völlig im Regen stehen. Auch bei Telefonaten fängt er einfach an loszureden und legt auf, sobald er gesagt hat, was er sagen wollte. Er praktiziert diese soziale Kälte mit einer derart frappierenden Skrupellosigkeit, dass man sich unmittelbar eingeschüchtert fühlt und in der Regel irritiert zurückbleibt.“

Ein ehemaliger Manager über Oliver Samwers Sozialverhalten

Über den Führungsstil

„[Oliver Samwer] ist smart und sehr flink im Kopf, wodurch er nicht gefestigte Standpunkte ganz schnell auseinandernehmen kann. Bullshitten kann man bei ihm deshalb nicht. Er durchschaut jegliche Ahnungslosigkeit und passiert dies mehrfach, verliert man seinen Respekt und kann gehen. Umgekehrt sind die Möglichkeiten aber fast grenzenlos, hat man es erst einmal in seinen engen Zirkel geschafft. [...] Ab einem bestimmten Punkt lässt er einen aber nicht mehr lernen, weil er nicht will, dass man ein Unternehmen alleine vollumfassend realisieren kann. [...]“

Eine ehemalige Mitarbeiterin über Oliver Samwers Führungsstil

Über Zuckerbrot und Peitsche

„Das Konzept von Zuckerbrot und Peitsche beherrscht Oliver Samwer bis ins Detail, nur dass er dabei sogar das Zuckerbrot weglässt. Die Messlatte liegt so hoch und es gibt so wenig Lob, dass es einen eigentlich demotivieren sollte. Aber während Oliver Samwer öffentlich oft aggressiv und pushy ist, kann er im Einzelgespräch auf einmal so charmant sein, dass viele ihm anschließend ihre Qualität beweisen wollen.“

Ein ehemaliger Groupon-Mitarbeiter über Oliver Samwers Methoden

Über Samwers Einfluss auf andere

„Das Krasse an Oliver Samwers Führungsstil ist, dass er andere dazu bewegt, latent sadistische Tendenzen zu entdecken und mit der Zeit immer mehr auszuleben. Menschen, die anfangs noch freundlich und normal mit anderen umgingen, beginnen unter seiner Führung damit, andere zu quälen und zu schikanieren. Sie nehmen Olis aggressiv-unsoziale Art an und lassen sich berauschen von der Macht, die er ihnen über andere vermittelt. Das ist ein wenig wie in Diktaturen, bei denen man sich als neutraler Beobachter hinterher immer fragt, wie es geschehen konnte, dass so viele Menschen dieser offensichtlich destruktiven Propaganda folgten.“

Ein ehemaliges Management-Mitglied über die Führungskräfte der Samwers

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

Zudem werde die Marktmacht von Rocket Internet falsch eingeschätzt. Oliver Samwer wurde in der Vergangenheit unter anderem mit dem Amazon-Gründer Jeff Bezos, Facebook-Chef Mark Zuckerberg und dem mittelständischen deutschen Unternehmer Reinhold Würth verglichen. In den Medien sei aber „[k]eine Rede von der enormen Schlagkraft Amazons, keine Rede von den überschaubaren Marktanteilen, die Rocket auf dem Mode- und gar auf dem Möbel-Onlinemarkt hat, kein Wort von den notwendigerweise erkauften tariflosen Bedingungen, unter dem die aufstrebenden Online-Pures agieren“, schreibt der Otto-Mann.

Das stimmt nicht ganz: Eine RTL-Doku über die schlechten Arbeitsbedingungen bei dem Online-Händler Zalando erregte noch vor wenigen Monaten die Gemüter. Das sorgte dafür, dass das von Rocket Internet finanzierte Start-up nicht nur in die Schlagzeilen geriet, sondern sich auch genötigt sah, Besserung zu geloben. Und die Schlagkraft Amazons thematisierten die Medien erst vor kurzem, als sich deutsche Autoren gegen die Marktmacht des Onlinehändlers stellten.

Zum Schluss wagt Voigt noch einen Seitenhieb auf das erste TV-Interview von Oliver Samwer. Der Kommunikationschef verwendet in seinem Blogeintrag, ob absichtlich oder nicht, genau die beiden Worte, die auch Oliver Samwer selbst während seines TV-Interviews gerne benutzt: „Ganz ehrlich“ – er beglückwünsche die Kollegen in Berlin. Nun müsse die PR-Abteilung nur noch dafür sorgen, dass „der neue E-Commerce-Messias im Interview nicht wie das Kaninchen vor der Schlange wirkt und ihm nicht ständig das Hemd aus der Hose hängt“. Dann sei man „PR-mäßig ganz weit vorne“.

Kommentare (2)

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Herr Nehal Devanowitch

28.08.2014, 11:28 Uhr

als ich den Betrag sah dachte ich auch "wat denn dat für einer". Michymaus würd glatt ne milliarde mehr Umsatz mit der stimme machen.
Etwas zu kopieren ist Gefährlich und muss nicht immer aufgehen, vor allem wenn es eigenständig bleiben soll.
Kopier ich ebay und verkaufs an ebay lebt die seele ebays weiter darin. Kopier ich aber irgendwas nur um es dann an irgendwen zu verkaufen hat das produkt keine seele und kennt auch keinen weg. ich glaube dass dieses konzept langfristig nicht funktioniert. Aber wer will schon langfristig denken, wir denken nur bis zum Scheck oder?
da fällt mir grad ein neues name für copyshop ein S*****-shop.

Account gelöscht!

03.09.2014, 16:06 Uhr

Letztendlich haben die Brüder Ihr Ding "im Sack"; nur das zählt unterm Strich wirklich. Langfristig unternehmerisch denken? In der heutigen Zeit? Ich glaube die Zeiten sind in den meisten Branchen wirklich vorbei.

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