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15.04.2014

12:19 Uhr

RTL-Bericht

Zalando soll Mitarbeiter massiv unter Druck setzen

VonLukas Bay

Bespitzelung, Gängelung, harte Arbeitsbedingungen – Deutschlands beliebtester Onlineshop Zalando gerät ins Zwielicht. Eine RTL-Reporterin, die verdeckt in einem Logistiklager arbeitete, erhebt schwere Vorwürfe.

Paket des Modehändlers Zalando: Das Unternehmen hat sich binnen fünf Jahren aus kleinsten Anfängen zu Europas größtem Modeversender entwickelt. dpa

Paket des Modehändlers Zalando: Das Unternehmen hat sich binnen fünf Jahren aus kleinsten Anfängen zu Europas größtem Modeversender entwickelt.

DüsseldorfDruck, Stress und Wegstrecken von bis zu 27 Kilometern am Tag. Was RTL-Reporterin Caro Lobig im Logistiklager des Textilversands Zalando erlebt hat, erschüttert nicht nur Arbeitsrechtler. Für die Sendung „Extra“ hat die Reporterin drei Monate undercover in einem Logistiklager des Textilriesen gearbeitet. Ihr Vorwurf: Zalando soll massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben. So sollen Mitarbeiter überwacht und bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gebracht worden sein. Über die Recherchemethode tobt nun ein Rechtsstreit.

Zwischen den Regalen des Versandhändlers legte Lobig als sogenannter „Picker“ – ein Mitarbeiter, der Ware aus den Regalen holt – zu Fuß täglich 15 bis 20 Kilometer zurück. An manchen Tagen seien es sogar 27 Kilometer gewesen. An ruhigen Tagen seien die Wege im Lager künstlich verlängert worden. „Das war absolut absurd, dass wir dann längere Strecken zurücklegen mussten, nur um die ganze Schicht über beschäftigt zu sein“, so Lobig.

Pausen seien nicht erholsam gewesen. Erst mit einem akustischen Signal hätten die vereinbarten Pausenzeiten begonnen, heißt es. „Wir müssen picken, bis die Hupe geht“, wird ein Mitarbeiter im Bericht zitiert. Erst dann hätten die Mitarbeiter den Weg zu den Pausenräumen antreten dürfen. Für Verschnaufpausen sei dabei wenig Zeit geblieben. „Sitzen ist generell unerwünscht“, so Lobig. Wer erwischt wurde, sei zum Teamleiter zitiert worden.

Auch für die Reporterin sei die Arbeit so belastend gewesen, dass sie einen Kreislaufzusammenbruch erlitten habe, berichtet RTL. Statt medizinischer Versorgung sei ihr eine Verzichtserklärung präsentiert worden, heißt es in dem Bericht. Nach Aussage des Arbeitsrechtsexperten Sven Jürgens ein eindeutiger Verstoß gegen die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Im Bericht wird ein ortsansässiger Rettungsdienstsanitäter zitiert: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem dort kein Rettungswagen gerufen wird.“ In den heißen Sommermonaten soll es immer wieder zu gesundheitlichen Problemen gekommen sein. Ein Mitarbeiter sei sogar auf der Toilette des Logistiklagers an einem Herzinfarkt gestorben.

Bei Zalando ist man „erschüttert über den Bericht“, wie Sprecher Boris Radke sagt. Anders als im Bericht dargestellt sei der Mitarbeiter in seiner eigenen Wohnung gestorben. Zalando habe selbst mit einer Abordnung an der Beerdigung teilgenommen und mit dem Team einen Kranz niedergelegt. Auch die anderen Vorwürfe relativiert der Zalando-Sprecher. Die Leistung werde zwar erfasst und mit dem Gruppendurchschnitt verglichen, doch das sei branchenüblich. „Niemand macht das anders, das ist Standard in der Logistik.“

Als größter privater Arbeitgeber der Region käme es natürlich vor, dass Rettungskräfte gerufen werden. Unter den 1.000 Langzeitarbeitslosen, die das Unternehmen eingestellt habe, seien auch viele ältere Mitarbeiter, Kreislaufbeschwerden seien bei einer körperlichen Arbeit nicht auszuschließen. Doch dafür werde ein Betriebsarzt pro Schicht eingesetzt, der sich um Gesundheitsbeschwerden kümmere. Wenn darüber hinaus Probleme bestehen bleiben, werde ein Rettungsdienst hinzugezogen.

Erst im Oktober habe man bei Zalando die Mitarbeiter anonym befragt. 88 Prozent hätten damals angegeben, dass sie Spaß an ihrer Arbeit haben, so Radke weiter. „Wir sehen uns als guten Arbeitgeber.“

Kommentare (10)

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15.04.2014, 12:48 Uhr

..mal ehrlich..wie soll es denn funktionieren, "geile" Preise und hochbezahlte und gestreichelte Angestellte ? Wer bei Zalando einkauft sollte begreifen es bezahlt noch irgendeiner für diesen Preis und dies ist das kleinste Glied in der Kette, der Arbeiter und Angestellte. Da aber Zalando Wachstumsquoten hat, die durch Verkauf resultieren, ist es dem Kunden egal wie der Preis zustande kommt. Selbst wenn man ein Leben opfern würde für Umsonst-Produkte, auch das würde der Kunde in Kauf nehmen nur um teures für Umsonst zu bekommen. Designerklamotten im Wert von 5.000 €, bitte hier klicken und ein Leben opfern und Sie haben diesen Einkauf für Umsonst inkl. Lieferung. Wär doch mal ein Test Wert !!

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15.04.2014, 14:27 Uhr

Selbstverständlich geht die Pause erst nach der "Hupe" los - wann denn sonst?? Und ja - ein "Picker" der während der Arbeitszeit "sitzt" und nicht "pickt" ist entweder nicht ausgelastet, oder macht was verkehrt. Anscheinend hat hier eine Journalistin das erste Mal in Ihrem Leben richtige Arbeit kennen gelernt.

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15.04.2014, 14:31 Uhr

Genau dieses Geschäftsmodel will die SPD. Angefangen hat es mit Hr. Schröder, der immer noch für seine Erfolge ( Kinderarbeit, Sklavenlöhne und Sklavenfirmen) von der SPD und Wirtschaft hochgelobt wird. Gäbe es einen Strafbestand: Statsfeind Nr. 1, Hr. Schröder hätte ihn verdient wie Fr. Merkel und alle Schuldenmacher (Finanzminister)!!

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