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14.08.2014

16:27 Uhr

Russland-Sanktionen

Wohin mit den Pfirsichen?

VonKatharina Matheis

Russland macht Ernst: Seit vergangener Woche darf kein europäisches Obst und Gemüse mehr in das Land. Das Importverbot führt jetzt schon zum Preisverfall auf dem EU-Früchtemarkt. Und es könnte noch schlimmer kommen.

Wohin mit all dem Obst? Russlands Importstopp sorgt für Überangebot in der EU Reuters

Wohin mit all dem Obst? Russlands Importstopp sorgt für Überangebot in der EU

DüsseldorfEin Hilferuf ging Anfang der Woche beim Bielefelder Obst-Importeur Klaus Schuleit ein. Ein niederländischer Lieferant wusste nicht mehr weiter: Seine Laster voller Pfirsiche stehen an der Grenze zu Russland und kommen nicht ins Land. Der Holländer bat Schuleit darum, ihm die leicht verderbliche Ware abzunehmen. Er steht damit nicht allein da. „Gerade Holländer melden sich derzeit ganz verzweifelt und fragen, ob wir nicht was abkaufen können. Der Preis ist da egal“, erzählt Schuleit.

Seit vergangener Woche Mittwoch verbietet Russland den Import von Lebensmitteln. Neben Milchprodukten, Fleisch und Fisch darf auch kein Obst und Gemüse mehr aus der EU und den USA importiert werden. Die Grenzen sind zu, die Früchtelaster aber voll. Insbesondere Polen, die Niederlande und Nicht-EU-Land Norwegen sind betroffen. „Wo sollen die Produzenten denn jetzt hin mit der Ware?“, fragt Großhändler Schuleit.

Russland-Sanktionen: „Russland macht sich unabhängig"

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Andreas Brügger ist Geschäftsführer des Fruchthandelsverbandes. Seine Branche bekommt den Einfuhrstopp voll zu spüren: Die Grenze ist zu und Früchtetransporte müssen umkehren. Er warnt vor unwiderruflichen Auswirkungen.

„Diese Menge drängt jetzt zurück auf den europäischen Markt, das hat dramatische Auswirkungen“, sagt Andreas Brügger, Geschäftsführer des Fruchthandelsverbands. Das überschüssige Obst und Gemüse könne nicht einfach in andere Länder verkauft werden. Die Produkte sind nicht lange lagerfähig und die Märkte außerhalb der EU ohnehin gesättigt. Die Früchte bleiben somit innerhalb der EU-Grenzen. „Unser Markt ist bereits ausgelastet - wenn jetzt noch die Waren hinzukommen, die nicht nach Russland verkauft werden dürfen, ist das höchstproblematisch. Das wird zu einem massiven Preisverfall führen“, so Brügger.

Dieser Preisverfall hat laut Frucht-Importeur Schuleit bereits eingesetzt: „Vor dem Einfuhrstopp lag der Preis für Nektarinen aus Spanien bei 1,30 Euro pro Kilogramm. Jetzt liegt er bereits bei 80 Cent - und das ist noch nicht das Ende“, so der Großhändler. Das Überangebot drücke die Preise. Für Schuleit bedeute das sinkende Margen bei gleichbleibenden Kosten. Für die Bauern ist es noch gravierender. „Wenn die Verbraucher 30 Cent weniger für ein Kilo Obst bezahlen, merken die das nicht so sehr. Doch die Erzeuger spüren sofort, wenn Händler plötzlich 30 Prozent weniger zahlen. Das wird dramatische Auswirkungen haben“, erklärt Brügger vom Fruchthandelsverband.

Einige niederländische Bauern verschenken deshalb bereits einen Teil ihrer Früchte an hilfsbedürftige Familien. Das scheint ihnen sinnvoller, als zu versuchen, sie auf dem heimischen Markt unter Wert zu verkaufen und damit die eigenen Preise kaputtzumachen. Die Obst- und Gemüsebranche appelliert deshalb an die Politik: Die Märkte sollen wieder geöffnet, der Sanktionskrieg müsse beendet werden.

Die EU versucht derweil mit akuten Hilfsmaßnahmen den Entwicklungen gegenzusteuern. Am Montag kündigte EU-Kommissar Dacian Ciolos an, zunächst die Pfirsich- und Nektarinenbranche zu entlasten. Produzenten werden künftig höher als bisher für nicht verkaufte Lebensmittel entschädigt; sie dürfen zehn statt bislang fünf Prozent ihrer Ware vom Markt nehmen. Das soll das Überangebot mindern und die Marktpreise stabilisieren. Die unausweichliche Folge: Lebensmittelvernichtung. „Ich werde nicht zögern, das Gleiche für andere von Exporten nach Russland abhängige Sektoren zu tun, wenn das nötig werden sollte“, erklärte der Agrarkommissar Ciolos. Unklar bleibt jedoch zunächst, wie hoch die Finanzhilfen ausfallen sollen.

Kommentare (6)

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Herr Manfred Zimmer

14.08.2014, 16:45 Uhr

Alles nicht schlimm sagen die EU-Politiker. Die Diäten sind sicher.

Das Problem der Arbeitsplätze tangiert sie nur sekundär. Die Kaufkraft ihrer Diäten und Pensionen steigt. Aus deren Sicht doch ein kluger Schachzug. Oder?

Für die europäische Politik sind sie zuständig aber nicht verantwortlich!

Kann das gut gehen? Macht das Volk das noch lange mit und schaut zu? Ober steht es auf und wehrt sich?

Wenn Zuständigkeit und Verantwortlichkeit nicht deckungsgleich sind, wird jedes System gegen die Wand gefahren.

Aktuell sind unsere Politiker fest dabei, genau das zu tun. Von wegen: Stirbt der Euro, stirbt Europa!

Mit diesen Politikern sterben Euro und Europa gleichsam. 15 Jahre haben es unsere Politiker eben mal ausgehalten das Erbe von Kohl fortzusetzen. Die ehemalige DDR schaffte es wenigsten 50 Jahre.

real .ist

14.08.2014, 16:54 Uhr

Du hast mir mein Förmchen weggenommen, jetzt nehme ich dir 2 Förmchen weg.

Herr peterchen Mondfahrt

14.08.2014, 17:03 Uhr

Als hätten die Bürger und Produzenten nicht so schon genug Probleme, macht uns unsere Regierung mal wieder welche, indem sie mühsam aufgebaute wirtschaftliche Beziehungen per Ordre de Mufti zwangskappt. Natürlich werden die Obst-Produzenten dafür entschädigt - mit Steuermitteln natürlich. Kindergärten und Tagesstätten sind dagegen zu teuer. Das würde ja den Bürgern nützen. Wozu also sollen die gut sein?
Der Bürger würde ja zur Not noch mitziehen, wenn hinter all diesem Säbelgerassele ein Sinn erkennbar wäre, oder ein Nutzen für die Ukrainer oder den Bundesbürger, wenigstens ein Zipfelchen. Nichts davon! Wenn es also der an die Macht geputschten ukrainischen Junta in Kiew gelingt durch hemmungslosen Einsatz in Deutschland gekaufter Waffen gegen die eigene Bevölkerung in der Ostukraine deren Selbstbestimmungwillen in die Knie zu zwingen, und diese dann auch noch nach entsprechender Propaganda durch Wahlen als Regierung bestätigt wird, was dann? Glaubt jemand, diese Regierung könnte sich ohne Unterdrückung an der Macht halten? Werden wir dann einen neuen Diktator unterstützen? Oder werden wir so dumm sein, zuzulassen, dass die US-amerikanischen Freunde die Ukraine als Raketenräger für gegen Russland gerichtete "Verteidigungsraketen" nutzt, gegen Entgelt natürlich, das die EU, also wir, selbstverständlich zahlt. Wo ist der Plan, der die geo-und ökono-politischen Realitäten anerkennt und UNSERE Interessen, nicht die der USA, vertritt? Nichts davon erkennbar! Die Auswirkungen dieser Sanktionen werden Deutschlands Industrie mehr treffen als die merkelsche Propagandamaschine verschleiern kann. Und sie werden langfristig sein, weil diese deutsche Politik nach dem 2. Weltkrieg mühsam aufgebautes Vertrauen zerschlägt wie Porzellan.

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