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01.08.2012

10:22 Uhr

„Schienenfreunde“

Zeugen untergraben Ersatzansprüche der Bahn

VonMartin Murphy

Ein Schienenkartell hat die Deutsche Bahn über Jahre betrogen. Das Unternehmen fordert Schadenersatz in Höhe von rund einer halben Milliarde Euro. Doch angeblich wusste die Bahn von den Preisabsprachen.

Bauarbeiter bei Vermessungsarbeiten neben einem Gleisbett. Bahnmitarbeiter sollen mehr über das Schienenkartell gewusst haben. dpa

Bauarbeiter bei Vermessungsarbeiten neben einem Gleisbett. Bahnmitarbeiter sollen mehr über das Schienenkartell gewusst haben.

FrankfurtFür Bahn-Vorstand Gerd Becht gibt es im Kartell auf dem deutschen Schienenmarkt klare Schuldige. Systematisch und über Jahre hinweg hätten die an den Preisabsprachen beteiligten Unternehmen sein Unternehmen betrogen, sagte Becht Anfang Juli. Zuvor hatten die Konzerne Thyssen-Krupp, Voestalpine und Vossloh ihre Schuld eingeräumt - und Geldbußen des Bundeskartellamtes in Höhe von 124,5 Millionen Euro akzeptiert.

Jetzt verlangt die Bahn Schadensersatz von den Kartellsündern, deren Mitglieder sich selbst "Schienenfreunde" nannten. Profitieren würde davon der Steuerzahler. Denn Investitionen in die Eisenbahninfrastruktur werden weitgehend aus der Staatskasse bezahlt.

Die Bahn in Zahlen

Umsatz

Die Deutsche Bahn verbuchte im ersten Halbjahr 2012 einen Umsatz von 19,5 Milliarden Euro (18,9 Milliarden Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum). Insgesamt kam die Bahn 2011 auf einen Umsatz von 37,90 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren es 34,41 Milliarden Euro.

Gewinn vor Zinsen und Steuern

Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) beträgt 1,3 Milliarden Euro (1,1 Milliarden Euro).

Halbjahresergebnis

Halbjahresergebnis: 794 Millionen Euro (648 Millionen Euro).

Mitarbeiter zum Jahresende

Genau 284.319 hatte der Staatskonzern zum Jahresende 2011. Das waren gut 8000 mehr als ein Jahr zuvor. Mitarbeiter zum 30. Juni: 286 215 (30. Juni 2011: 284 319).
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Fahrgäste Bahnverkehr pro Tag

Fahrgäste Bahnverkehr im ersten Halbjahr: mehr als 1,0 Milliarde (973 Millionen). 2011 fuhren täglich rund 5,43 Millionen Menschen mit der Deutschen Bahn. 2010 waren es noch rund 5,34 Millionen.

Personenverkehr

Die Züge der Bahn legten im vergangenen Jahr 79,2 Milliarden Personenkilometer zurück. Ein wenig mehr als ein Jahr zuvor (78,6 Milliarden Personenkilometer).

Beförderte Güter im Schienenverkehr

Beförderte Güter im Schienenverkehr: 202,3 Millionen Tonnen (207,8 Millionen Tonnen).

Schienennetz

Das Schienennetz der Deutschen Bahn ist weiter geschrumpft. 2011 waren es nur noch 33.576 Kilometer. Ein Jahr zuvor gab es noch 33.723 Kilometer Schiene.

Laut internen Schätzungen des Staatskonzerns summiert sich der Schadensersatzanspruch auf rund eine halbe Milliarde Euro. Die Verhandlungen über die Höhe der Zahlungen aber ziehen sich schon seit Monaten hin, und die Verhandlungsposition der Bahn droht sich mittlerweile zu verschlechtern: Möglicherweise müssen die Konzerne weniger bezahlen - denn inzwischen kommen Zweifel auf, ob zumindest einzelne Mitarbeiter wirklich so unwissend waren, wie das Unternehmen behauptet.

Dies zumindest legen Zeugenaussagen bei der Staatsanwaltschaft Bochum und der Kriminalpolizei nahe. Mindestens zwei Personen sagten im Zuge der Ermittlungen unabhängig voneinander aus, dass die Bahn über Unregelmäßigkeiten auf dem Schienenmarkt informiert war, wie das Handelsblatt aus dem Umfeld der Ermittlungen erfuhr. Einer der Zeugen behauptet, mehrere Bahn-Mitarbeiter über das Kartell aufgeklärt zu haben.

Die Deutsche Bahn weist die Vorwürfe entschieden zurück: "Von dem Verdacht von Kartellabsprachen im Oberbaubereich hat die Bahn erst durch die Durchsuchungen des Bundeskartellamts und der Staatsanwaltschaft Bochum bei Schienenlieferanten im letzten Jahr erfahren", sagte ein Sprecher. Man habe den Eindruck, dass einzelne Kartellbeteiligte mit derartigen Anschuldigungen versuchten, von ihrem kriminellen Verhalten abzulenken und dadurch die Opfer zum Täter zu machen.

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Auf den anderen Zeugen trifft dies nicht zu: Denn der war seinerzeit selbst für die Bahn tätig - als Einkäufer ebenjener Schienen. Er wiederum hat ausgesagt, von dem Kartell gewusst zu haben. Auch habe er diese Information innerhalb des Konzerns weitergegeben. Die Bahn betonte, ihr lägen keine Hinweise vor, dass Mitarbeiter Kenntnis vom Kartell gehabt hätten.

Die Staatsanwaltschaft lehnte einen Kommentar mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen ab. Die Aussage eines Beschuldigten war für die Ermittler immerhin stichhaltig genug, um im November Büros von zwei Bahn-Mitarbeitern im Raum Mainz zu durchsuchen. Diese waren unter anderem mit dem Einkauf von Schienen betraut. Inzwischen wurde zumindest einer der beiden Einkäufer auf einen anderen Posten versetzt.

Der Fortgang der Ermittlungen wird von den am Kartell beteiligten Konzernen aufmerksam verfolgt. Denn erweisen sich die Vorwürfe entgegen der Beteuerung der Bahn als korrekt, dann müsste der Konzern erklären, warum er dem Treiben der Schienenfreunde nicht schon früher ein Ende gesetzt hat.

Kommentare (10)

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DausHH

01.08.2012, 12:04 Uhr

A: und - was machst du so ?
B: bin schienen-einkäufer...
A: ??? bei märklin ???
B: nö, bei der bahn. ist'n interessanter job - ein außenstehender kann sich gar nicht vorstellen, wieviele verschiedene schienen es bei der bahn gibt: lange, kurze, gerade, krumme, stromschienen, vorhangschienen...
A: toll
B: früher war es manchmal problematisch - wenn die vertreter mit ihren musterkoffern angekommen sind - danach war das büro voll rost und schotter - jetzt gehts per internet - das ist der fortschritt...


stefan

01.08.2012, 12:30 Uhr

@ Anonym: Sehr schön, bin amüsiert.

Account gelöscht!

01.08.2012, 13:00 Uhr

Die Bahn "entsorgt" einen kritischen Einkäufer. Also gibt es innerhalb jemanden der ein Interesse am weiterbestehen des Kartells hat. Ob derjenige wohl aufgespürt und zur Verantwortung gezogen wird?

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