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04.06.2012

12:35 Uhr

Schlecker-Finanzpolster

Arbeitnehmervertreter fordern Aufklärung

Trotz eines angeblichen Finanzpolsters von bis zu 40 Millionen Euro soll die Eigentümerfamilie eine Zahlung an die Drogeriekette abgelehnt haben. Arbeitnehmervertreter sind empört und fordern umgehend Transparenz.

Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hoffmann. AFP

Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hoffmann.

BerlinNach Berichten über ein angeblich immer noch millionenschweres Vermögen der Familie Schlecker haben Arbeitnehmervertreter das Unternehmen zu vollständiger Transparenz aufgefordert. „Alle Fakten müssen jetzt auf den Tisch“, sagte die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hoffmann der „Bild“-Zeitung. Zugleich kritisierte sie, dass die Eigentümerfamilie eine Zahlung von neun Millionen Euro an die Firma Schlecker trotz eines angeblichen Finanzpolsters von bis zu 40 Millionen Euro abgelehnt habe.

„Wenn die neuen Vorwürfe stimmen, dann ist das eine Dreistigkeit, die durch nichts zu überbieten ist“, sagte Hoffmann der „Bild“. Das Verhalten der Familie Schlecker gegenüber den zehntausenden Mitarbeitern sei „sozial und moralisch zutiefst verantwortungslos“.

Laut einem Bericht des „Spiegel“ hatte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz die Familie Schlecker am 25. Mai um eine Verlustfinanzierung von sieben bis neun Millionen Euro für den Monat Juni gebeten. Doch die Familie war Geiwitz zufolge „entweder nicht bereit oder nicht in der Lage“, diese Summe zu zahlen. Dem Handelsblatt zufolge verfügt die Schlecker-Familie auch nach der Insolvenz noch über ein Privatvermögen von 35 bis 40 Millionen Euro.

Insolvente Drogeriekette: Das Vermögen der Schlecker-Familie schmilzt dahin

Insolvente Drogeriekette

exklusivDas Vermögen der Schlecker-Familie schmilzt dahin

Das Milliarden-Vermögen der Schlecker-Familie ist auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschrumpft. Doch da kommt vor allem Patriarch Anton Schlecker nur bedingt heran.

Geiwitz hatte am Freitag nach monatelanger Investoren-Suche die endgültige Zerschlagung der Kette bekanntgegeben. Betroffen sind rund 2800 deutsche Filialen mit 13.800 Beschäftigten. Die meisten Mitarbeiter sollen ihre Kündigungen bis Ende Juni erhalten. Am Montag will Geiwitz mitteilen, welche Investoren welche Unternehmensteile übernehmen werden.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Derweil ist die insolvente Schlecker-Tochter Ihr Platz nach dem dramatischen Aus für die Muttergesellschaft vorerst gerettet. Der Münchner Investor Dubag will mit der Übernahme der Kette und der Schlecker XL-Märkte auch alle 5000 Mitarbeiter weiter beschäftigen. Es sollen weder Filialen geschlossen noch Stellen abgebaut werden, sagte Dubag-Chef Michael Schumann am Montag in München. IhrPlatz- Insolvenzverwalter Werner Schneider war bis zum Mittag für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.

Die Beteiligungsfirma hat zwar kaum Erfahrungen im Einzelhandel, ist aber sicher, Ihr Platz wieder fit machen zu können. „Ihr Platz hat eine andere Geschichte als Schlecker“, sagte Schumann. Die Kette verfüge über einen gesunden Markenkern, den die Kunden nicht mit Schlecker in Verbindung brächten. Schlecker hatte die Kette mit Sitz im niedersächsischen Osnabrück erst 2007 übernommen.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

04.06.2012, 13:42 Uhr

Wieso sollten "die Schlecker-Kinder" gutes Geld schlechtem hinterherwerfen?
Da kann man moralisch von halten was man will. Aber zeige mir den, der es tun würde (so er bei klarem Verstand ist).

DHS

04.06.2012, 13:54 Uhr

Jede unverschämte Frechheit kann noch übertroffen werden. Seit Jahren befindet sich die Gewerkschaft Verdi mit >Umsonst< Südseeurlauber Bsirske im Krieg mit Schlecker.
Schlecker hat die größte gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiterschicht im Einzelhandel. Kein anderes Deutsches Handelsunternehmen wird derart von VERDI mitbestimmt wie Schlecker. Nebenbei, in keinem anderen Unternehmen sind so viel Quotenfrauen in Top-Positionen. Bevor VERDI jetzt wieder Trillerpfeifen rauszieht, wenn schon wenig Gehirn, dann wenigstens laut, wäre es besser einmal die Frage zu stellen, warum ein modernes, Mitarbeitergeführtes von Quotenfrauen geleitetes Unternehmen pleitegeht???
Vielleicht liegt es nicht am Unternehmen, sondern doch an unfähigen, alten Quoten und inkompetenten Betriebsräten. Pfeifen ist eben einfacher, als nachdenken.


Privatier

04.06.2012, 14:06 Uhr

So ein Schwachsinn!
Wie soll man, mit mit lächerlichen 40 Millionen, ein hochverschuldetes Mrd-Unternehmen, das mit seinem Geschäftsmodell eh nicht überlebensfähig ist, retten.
Für den Normal sind 40 Mio natürlich unheimlich viel Geld. Für diese Dimension sind es nur Peanuts.
Die Kinder wären schön blöd, wenn sie sich auch noch ruinieren!

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