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28.04.2013

11:36 Uhr

Schlecker-Frauen

Hoher Lohn erschwert Vermittlung

Ein gutes Jahr nach der Schlecker-Pleite hat erst die Hälfte der Verkäuferinnen einen neuen festen Job. Arbeitsmarktforscher führen das auf die relativ hohe Bezahlung bei der Drogeriekette zurück.

Schlecker ist Geschichte – viele frühere Beschäftigte suchen immer noch einen neuen Job. dapd

Schlecker ist Geschichte – viele frühere Beschäftigte suchen immer noch einen neuen Job.

HamburgDie Suche nach neuen Jobs für arbeitslos gewordene Schlecker-Mitarbeiter wird offenbar auch durch die vergleichsweise hohe Bezahlung bei der Pleite gegangenen Drogeriemarktkette erschwert. Von den 2012 entlassenen 27.000 Mitarbeitern hätten im März erst 49 Prozent einen neuen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gehabt, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am Sonntag. Einer der Hauptgründe dafür sei nach einer Analyse des Forschungsinstituts IAB der Bundesagentur für Arbeit (BA) die „recht hohe“ Bezahlung bei Schlecker.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi warf der Arbeitsagentur hingegen vor, „skandalöses Lohndumping im Einzelhandel“ zu unterstützen. Schlecker hatte zuletzt im Gegensatz zu vielen anderen Einzelhändlern nach Tarif gezahlt. Eine gelernte Verkäuferin verdiente laut „Spiegel“ zwischen 9,92 Euro und 13,79 Euro pro Stunde.

Warum Schlecker Pleite ging

Der Fachmann

Roland Alter hat das erste Buch über die Schlecker-Pleite geschrieben. Die frühere Siemens-Führungskraft ist heute Professor für Betriebswirtschaft und erfolgreicher Autor. In seinem Buch „Schlecker oder: Geiz ist dumm“ (Rotbuch Verlag) fasst er die Gründe für den Niedergang zusammen.  Es folgen die wesentlichen Punkte...

Der Geizhals

Die Grundthese des Autors ist: Anton Schlecker ist an seiner übertriebenen Sparsamkeit gescheitert. „Was diesen einstmals erfolgreichen Unternehmer in seiner nach innen gewandten Allmacht  zu Fall gebracht hat: Geiz.“

Die Mitarbeiter

Und dieser Geiz bezog sich genauso auf die Mitarbeiter. Das Menschenbild von Anton Schlecker beschreibt der Autor so: Menschen besitzen eine natürliche Abneigung gegen Arbeit. Diese Abneigung macht eine strenge, kontrollorientierte Führung notwendig. Der Autor fasst es mit drei Verben zusammen: „Knüppeln, knausern, kontrollieren.“

Die Neonröhre

Keine andere Kette im Einzelhandel hat seine Filialen mit einer simplen, nicht verkleideten Neonröhre ausgestattet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der „Nicht-Atmosphäre“ der Filialen, wie Roland Alter es nennt.

Die Filialen

Die Röhren stehen auch für die Weigerung, am eigenen Konzept zu arbeiten. Schon vor Jahren hätte Schlecker die Röhren abschrauben müssen – die Filialen verschönern müssen. Denn am Ende des Tages passte diese Umgebung nicht zu hochwertigen Drogerieartikeln. Zu Waschmitteln mochte die Neonröhre noch einigermaßen passen, aber nicht zu Gesichtscremes.

Die Konkurrenten

Hätten die Konkurrenten dm, Müller und Rossmann vielleicht nicht so viel Oberwasser bekommen mit ihren schönen, großen, angenehmen Läden, in denen sich die Kunden so viel wohler fühlten.

Das Informationsdefizit

Als die Krise 2004 auch in der Bilanz abzulesen ist, sind die massiven strukturellen Defizite längst da. Vermutlich wusste Anton Schlecker lange Zeit nicht einmal, wie ernst die Lage genau ist. Es trauten sich offenbar zu wenige Entscheidungsträger, Anton Schlecker über die Missstände aufzuklären.  Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatte ja auch nichts Gutes zu erwarten, schreibt der Autor.

Kauf von Ihr Platz

2007 kauft Schlecker „Ihr Platz“. 150 Millionen Euro zahlt man für die fünftgrößte Drogeriekette Deutschlands. Doch dadurch stieg nur Schleckers Umsatz – in der Sache half der Kauf kein Stück weiter. Das Geld hätte viel besser für Modernisierungsmaßnahmen in den bisherigen Schlecker-Filialen gesteckt werden müssen.

Die Hoffnung

2008 wird für Schlecker zum Schicksalsjahr. Der Tanker dreht aber viel zu langsam: Größere Filialen sollen die Rettung bringen. Und tatsächlich halten Experten das Konzept des Konzeptes „Schlecker XL“ für gut. Läden mit bis zu 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 13.000 Artikeln können mit denen der Konkurrenz mithalten. Aber bei Schlecker gibt es zu wenige der großen Filialen.

Der Kostenfaktor

In dieser Phase rächte sich am meisten, dass Anton Schlecker die Mitarbeiter nicht als Erfolgs-, sondern als Kostenfaktoren ansah. Sie waren für ihn nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. So kann kein Comeback

gelingen.

Der Imageschaden

Und so kam es zur Unzeit – 2009 und 2010 – auch noch zur öffentlichen Debatte über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker. Der Patriarch verhindere die Gründungen von Betriebsräten und das Maß an Kontrolle sei untragbar. Für viele Kunden war der Skandal ein weiterer Grund, die blau-weißen Filialen zu meiden.

Die Liquidität

In diesen Jahren baut Schlecker kräftig um: kleine Filialen werden geschlossen, große XL-Läden eröffnet. Das Thema Liquiditätssicherung spielt noch keine Rolle. In einem Interview betont Schlecker 2010 die solide Finanzbasis. Dabei ist es längst ein Schneeballsystem, die Schlecker noch über Wasser hält.

Der Widerspruch

Schleckers Strategie ist widersprüchlich: Zum einen schließt die Kette viele kleine Filialen, auf der anderen Seite steht im Firmenslogan „For you – vor Ort.“ Doch vor Ort ist Schlecker eben immer seltener. Dabei  plädiert Fachmann Alter dafür, dass Schlecker viel konsequenter das Nachbarschaftsprinzip hätte aufgeben müssen. 

Die Selbstständigkeit

Zudem hielt Anton Schlecker viel zu lange am Prinzip der Selbstständigkeit fest – vermutlich aus falschem Stolz. Dabei hätte das Unternehmen externe Hilfe viel eher gebraucht, seien es Berater oder Finanzinvestoren gewesen.

Der Abschied

Damit hängt auch zusammen, dass Anton Schlecker und seine Frau Christa viel zu lange an der Firmenführung festgehalten haben. Sie hätten es mit einem rechtzeitigen Rückzug nicht nur den Kindern leichter gemacht, sondern auch ermöglicht, dass Finanziers das benötigte Vertrauen bekommen hätten. So war kein wirksames Change Management möglich.

Laut IAB-Studie hingen die Jobaussichten der ehemaligen Beschäftigten „wesentlich von der Akzeptanz teils deutlicher Lohneinbußen“ ab, berichtete das Magazin. Die Verkäuferinnen seien in den ersten Monaten ihrer Arbeitslosigkeit nicht verpflichtet, Arbeitsplätze mit erheblich weniger Lohn anzunehmen.

Damit stünden die Vermittler in einem „Spannungsverhältnis“, zitierte der „Spiegel“ den IAB-Experten Martin Dietz. Einerseits sollten die früheren Schlecker-Mitarbeiter schnell vermittelt werden, andererseits hätten sie Anspruch auf „relative Statussicherung“. Die schlechte Bezahlung im Handel nehme die Agentur keinesfalls „distanzlos“ hin, doch die Vermittler könnten sich „die gut bezahlten Jobs auch nicht backen“.

Von

afp

Kommentare (10)

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MWe

28.04.2013, 12:04 Uhr

soll wohl mehr oder weniger heissen das die Scleckerfrauen daran schuld sind weil sie so HOHE Löhne bekommen haben????
Ist ja wie ein Schlag ins Gesicht. Die Gewerkschaften haben Jahrelang Schlecker wegen der niedrigen Bezahlung an den Pranger gestellt.
Kurz vor der Pleite haben die Schlecker Kinder noch mit den XL Märkten die Löhne halbiert. Mit den Leiharbeitsfirmen vom Bruder und nun haben die Schlecker Angestellten plötzlich zuviel Lohn bekommen???
Wer lebt den da auch einem fernen Planeten??? Ich finde das ist eine Frechheit.....

Tanteho

28.04.2013, 12:37 Uhr

Jaja Geiz ist geil. Billig einkaufen, Schnaeppchen jagen und sich dann wundern das Loehne in Einzelhandel unter 12€ liegen.

weltenbrand

28.04.2013, 13:44 Uhr

Ihr Kommentar:

Zu hoher Lohn ist das Übel überhaupt - höchste Zeit auch hier das Lohnniveau auf ein erträgliches und gar vernünftiges Maß à la Bangladesch, China & Co. zurückzuführen. Lohnveredlung muss auch hier wieder möglich sein; der unerträglichen Gier der Arbeitnehmerschaft muss Einhalt geboten werden.

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