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24.09.2012

07:44 Uhr

Schlecker-Pleite

Die Zeit der Leichenfledderer

VonKirsten Ludowig, Thorsten Giersch

Das Aus der Drogeriekette Schlecker hat ein Loch im Markt hinterlassen, das gefüllt werden will. Längst hat die Konkurrenz sich dafür in Stellung gebracht. Aber nicht nur andere Drogeristen jagen nach Schlecker-Kunden.

Der Schriftzug der Drogeriekette Schlecker auf einer geschlossenen Filiale. dpa

Der Schriftzug der Drogeriekette Schlecker auf einer geschlossenen Filiale.

DüsseldorfEs war am 27. Juni, drei Uhr nachmittags. An jenem Mittwoch schlossen die letzten Schlecker-Läden für immer ihre Türen. Mit dem Aus der Drogeriekette, die über Jahrzehnte die Nummer eins der Republik war, endete ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte.

Auf den Tag drei Monate ist das nun her. Längst hat die Konkurrenz begonnen, sich für die Neuordnung des Drogeriemarkts in Stellung zu bringen. Es werden Preise gesenkt, Sortimente erweitert, Werbeaktionen veranlasst. Schlecker war, obwohl die Einnahmen schon vor Jahren anfingen zu bröckeln, bis zum Schluss ein wichtiger Spieler im Markt. Laut Verbrauchs- und Medienanalyse kauften 2011 bundesweit gut 41 Millionen Menschen in den rund 8.000 Läden (inklusive "Ihr Platz") ein. Der Umsatz, den es neu zu verteilen gilt, lag bei vier Milliarden Euro in Deutschland.

Warum Schlecker Pleite ging

Der Fachmann

Roland Alter hat das erste Buch über die Schlecker-Pleite geschrieben. Die frühere Siemens-Führungskraft ist heute Professor für Betriebswirtschaft und erfolgreicher Autor. In seinem Buch „Schlecker oder: Geiz ist dumm“ (Rotbuch Verlag) fasst er die Gründe für den Niedergang zusammen.  Es folgen die wesentlichen Punkte...

Der Geizhals

Die Grundthese des Autors ist: Anton Schlecker ist an seiner übertriebenen Sparsamkeit gescheitert. „Was diesen einstmals erfolgreichen Unternehmer in seiner nach innen gewandten Allmacht  zu Fall gebracht hat: Geiz.“

Die Mitarbeiter

Und dieser Geiz bezog sich genauso auf die Mitarbeiter. Das Menschenbild von Anton Schlecker beschreibt der Autor so: Menschen besitzen eine natürliche Abneigung gegen Arbeit. Diese Abneigung macht eine strenge, kontrollorientierte Führung notwendig. Der Autor fasst es mit drei Verben zusammen: „Knüppeln, knausern, kontrollieren.“

Die Neonröhre

Keine andere Kette im Einzelhandel hat seine Filialen mit einer simplen, nicht verkleideten Neonröhre ausgestattet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil der „Nicht-Atmosphäre“ der Filialen, wie Roland Alter es nennt.

Die Filialen

Die Röhren stehen auch für die Weigerung, am eigenen Konzept zu arbeiten. Schon vor Jahren hätte Schlecker die Röhren abschrauben müssen – die Filialen verschönern müssen. Denn am Ende des Tages passte diese Umgebung nicht zu hochwertigen Drogerieartikeln. Zu Waschmitteln mochte die Neonröhre noch einigermaßen passen, aber nicht zu Gesichtscremes.

Die Konkurrenten

Hätten die Konkurrenten dm, Müller und Rossmann vielleicht nicht so viel Oberwasser bekommen mit ihren schönen, großen, angenehmen Läden, in denen sich die Kunden so viel wohler fühlten.

Das Informationsdefizit

Als die Krise 2004 auch in der Bilanz abzulesen ist, sind die massiven strukturellen Defizite längst da. Vermutlich wusste Anton Schlecker lange Zeit nicht einmal, wie ernst die Lage genau ist. Es trauten sich offenbar zu wenige Entscheidungsträger, Anton Schlecker über die Missstände aufzuklären.  Die Überbringer von schlechten Nachrichten hatte ja auch nichts Gutes zu erwarten, schreibt der Autor.

Kauf von Ihr Platz

2007 kauft Schlecker „Ihr Platz“. 150 Millionen Euro zahlt man für die fünftgrößte Drogeriekette Deutschlands. Doch dadurch stieg nur Schleckers Umsatz – in der Sache half der Kauf kein Stück weiter. Das Geld hätte viel besser für Modernisierungsmaßnahmen in den bisherigen Schlecker-Filialen gesteckt werden müssen.

Die Hoffnung

2008 wird für Schlecker zum Schicksalsjahr. Der Tanker dreht aber viel zu langsam: Größere Filialen sollen die Rettung bringen. Und tatsächlich halten Experten das Konzept des Konzeptes „Schlecker XL“ für gut. Läden mit bis zu 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 13.000 Artikeln können mit denen der Konkurrenz mithalten. Aber bei Schlecker gibt es zu wenige der großen Filialen.

Der Kostenfaktor

In dieser Phase rächte sich am meisten, dass Anton Schlecker die Mitarbeiter nicht als Erfolgs-, sondern als Kostenfaktoren ansah. Sie waren für ihn nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. So kann kein Comeback

gelingen.

Der Imageschaden

Und so kam es zur Unzeit – 2009 und 2010 – auch noch zur öffentlichen Debatte über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker. Der Patriarch verhindere die Gründungen von Betriebsräten und das Maß an Kontrolle sei untragbar. Für viele Kunden war der Skandal ein weiterer Grund, die blau-weißen Filialen zu meiden.

Die Liquidität

In diesen Jahren baut Schlecker kräftig um: kleine Filialen werden geschlossen, große XL-Läden eröffnet. Das Thema Liquiditätssicherung spielt noch keine Rolle. In einem Interview betont Schlecker 2010 die solide Finanzbasis. Dabei ist es längst ein Schneeballsystem, die Schlecker noch über Wasser hält.

Der Widerspruch

Schleckers Strategie ist widersprüchlich: Zum einen schließt die Kette viele kleine Filialen, auf der anderen Seite steht im Firmenslogan „For you – vor Ort.“ Doch vor Ort ist Schlecker eben immer seltener. Dabei  plädiert Fachmann Alter dafür, dass Schlecker viel konsequenter das Nachbarschaftsprinzip hätte aufgeben müssen. 

Die Selbstständigkeit

Zudem hielt Anton Schlecker viel zu lange am Prinzip der Selbstständigkeit fest – vermutlich aus falschem Stolz. Dabei hätte das Unternehmen externe Hilfe viel eher gebraucht, seien es Berater oder Finanzinvestoren gewesen.

Der Abschied

Damit hängt auch zusammen, dass Anton Schlecker und seine Frau Christa viel zu lange an der Firmenführung festgehalten haben. Sie hätten es mit einem rechtzeitigen Rückzug nicht nur den Kindern leichter gemacht, sondern auch ermöglicht, dass Finanziers das benötigte Vertrauen bekommen hätten. So war kein wirksames Change Management möglich.

Denn auch die fünf Millionen Schnäppchenjäger, die beim Ausverkauf von Schlecker mit Einkaufswagen vollgestapelt mit Shampoo, Taschentüchern und Klopapier, aus den Läden kamen, dürften ihre Vorräte mittlerweile verbraucht haben. Sie müssen jetzt woanders einkaufen.

"Die Pleite von Schlecker verändert den Markt für Drogerieartikel grundlegend", sagt Robert Kecskes von der Gesellschaft für Konsumforschung, kurz GfK. "Es gibt im deutschen Einzelhandel keinen Marktaustritt vergleichbarer Größe und Bedeutung."

Die GfK rechnet damit, dass sich andere Drogerieketten - allen voran dm und Rossmann, aber auch Müller aus Ulm und Budnikowsky aus Hamburg - 33 Prozent der Schlecker-Umsätze sichern.

"Den Drogeriemärkten wird die größte Kompetenz zugesprochen", erklärt Kecskes. "Die ehemaligen Schlecker-Kunden schauen aber vor allem auf günstige Preise." Rossmann hat daher unter den Drogisten die besten Chancen. Die Niedersachsen sind bekannt für Rabattaktionen - im Gegensatz zu Branchenprimus dm, der auf dauerhaft niedrige Preise setzt.

Beim Preis ganz vorne sind aber auch Discounter wie Aldi, Lidl, Netto und Co. Sie reagierten auf die Schließung der letzten Schlecker-Läden zunächst mit Preissenkungen für eine Reihe von Drogerieartikeln. Zudem feilen die Discounter an ihren Sortimenten.

Die größten Schlecker-Gläubiger

Euler Hermes

Die Kreditversicherung hat 223,9 Millionen Euro an Forderungen gegenüber der insolventen Handelskette ausstehen.

Familie Schlecker

Die Familie des Firmengründers hat selbst noch Forderungen über 176 Millionen Euro an die Pleite-Kette ausstehen.

Bundesagentur für Arbeit

Schlecker schuldet der Bundesagentur für Arbeit 125 Millionen Euro.

Finanzamt

Auch der Fiskus fordert noch Geld von der Drogeriekette: Insgesamt sind das 73,2 Millionen Euro.

Markant

Die Handelskette fordert noch 43,5 Millionen Euro. Das Unternehmen ist ein Kooperationsverbund von Groß- und Einzelhandelsunternehmen.

Quelle: Statista/WirtschaftsWoche

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