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25.04.2017

20:14 Uhr

Schlecker-Prozess

„Ich war von der Insolvenz überrascht“

VonAndreas Neuhaus

Beim Prozess gegen Anton Schlecker gibt ein ehemaliger Angestellter Einblicke, wie in dem Unternehmen mit Zahlungen jongliert werden musste. Trotzdem könnte die Aussage dem Ex-Drogeriemarktkönig nutzen.

Die Familie Schlecker steht wegen des Vorwurfs des vorsätzlichen Bankrotts der Drogeriemarktkette Schlecker und möglicher Beihilfe vor Gericht. dpa

Anton Schlecker

Die Familie Schlecker steht wegen des Vorwurfs des vorsätzlichen Bankrotts der Drogeriemarktkette Schlecker und möglicher Beihilfe vor Gericht.

StuttgartWenn Anton Schlecker früher bei Besprechungen am Konferenztisch saß, schwieg er oft lange. Er beobachtete und hörte zu, dann entschied er – zu Hochzeiten über 10.000 Drogerie-Filialen in 17 Ländern und damit über einen Umsatz von sieben Milliarden Euro im Jahr. Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt nichts mehr, worüber Anton Schlecker entscheiden könnte. Der 72-Jährigen steht vor Gericht: Betrügerischer Bankrott in einem schweren Fall wird ihm vorgeworfen. Darauf steht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Aber Schweigen und Beobachten, das kann Anton Schlecker noch immer. Er sitzt in Saal 18 des Stuttgarter Landgerichts. Es ist ein kleiner, dunkler Raum im Untergeschoss, die Decken sind tief, mitten im Saal steht eine Säule. Keine 30 Zuschauer haben sich eingefunden. Früher trug Schlecker schrille Versace-Hemden mit Haifischkragen, heute erscheint er im schwarzen Anzug über einem grauen Rollkragenpullover vor Gericht. Der früher rotbraune Pagenschnitt ist mittlerweile schlohweiß, die Haut grau. Eine frühere Angestellte sagte zuletzt über Anton Schlecker, dass dieser in den fünf Jahren nach der Insolvenz um 20 Jahre gealtert sei. Hinter ihm sitzen – jeweils flankiert von zwei Anwälten – seine Frau Christa sowie die Kinder Lars und Meike. Wegen möglicher Beihilfe zum Bankrott sind sie ebenfalls angeklagt.

Am sechsten Verhandlungstag verfolgt Schlecker nahezu regungslos die Zeugenaussage von Martin H. – ein schlanker Mittvierziger im grauen Anzug, mit schütterem Haar und einer jugendlichen Stimme. Der ehemalige Angestellte der Finanzabteilung von Schlecker berichtet, dass das Unternehmen zu Beginn seiner Tätigkeit im Jahr 2001 über viel liquide Mittel verfügte – unter anderem in Form von Wertpapieren. Über die Jahre habe sich die Situation aber sukzessive verschlechtert. Schon ab 2004 seien immer wieder Wertpapiere verkauft worden, um frisches Geld zu beschaffen. „Begründet wurde das damit, dass die Liquidität für die Expansion benötigt würde“, sagt Martin H. Als die Wertpapiere aber schließlich in den Jahren 2009, 2010 alle verkauft worden waren, sei ihm klar geworden: „Jetzt wird’s eng.“

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Das habe der heute 46-Jährige auch bei der Erstellung der wöchentlichen Liquiditätspläne gemerkt: „Wenn man jede Woche eine negative Plananpassung vornehmen muss, merkt man schon, dass das Unternehmen nicht so gut läuft.“ Diese Pläne seien auch immer an die Mitglieder der Familie Schlecker gegangen. Anton Schleckers Aussage, er sei von der Pleite seines Unternehmens überrascht worden, stützte er dennoch: „An diesem Tag war ich auf jeden Fall von der Insolvenz überrascht.“ Für Anton Schlecker könnte diese Aussage im weiteren Prozessverlauf noch wichtig werden.

Später, so berichtet Martin H., hätten die Banken Schlecker auch noch die Überziehungslinien gekündigt. Zwar habe Schlecker weiterhin über bis zu 100 Millionen Euro an liquiden Mitteln verfügt, er habe aber fortan mit den Konten jonglieren müssen, damit am Tag einer Abbuchung das Geld auf dem richtigen Konto gewesen sei. Schließlich mussten wöchentlich Zahlungen zwischen 30 und 50 Millionen Euro getätigt werden. Erst als im Januar 2012 eine Lieferung des Hauptlieferanten Markant nicht beglichen werden konnte, brach das komplizierte Konstrukt in sich zusammen.

Bei der Befragung wird deutlich: Dass Schlecker überhaupt so lange durchhielt, lag zum einen daran, dass das Unternehmen bei seinen Lieferanten eine außerordentlich langes Zahlungsziel hatte. Erst 60 Tage nachdem die Waren bei Schlecker eintrafen und zum Verkauf angeboten werden konnten, mussten die Lieferanten bezahlt werden. Die Lieferanten wurden dadurch quasi zu Kreditgebern. Zum anderen gewährten die Schwesterunternehmen Logistik- (LDG) und Dienstleistungsgesellschaft mbH (DGB) Kredite. Diese Geschäfte zwischen Schlecker und der LDG und DGB sind brisant. Ihre Gesellschafter waren Schleckers Kinder Meike und Lars. Ihre Beschäftigten kümmerten sich um die Schlecker-Logistik.

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