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02.05.2017

17:45 Uhr

Schlecker-Vertrauter Freudenreich

„Herr Schlecker war nie der Meinung, dass es das Ende ist“

VonMartin-W. Buchenau, Andreas Neuhaus

Reinhold Freudenreich galt bei Schlecker als wichtigster Berater und Nummer zwei im Drogerieimperium. Die Aussage des 90 Jahre alten Zeugen dürfte vor allem Schleckers Verteidigern in die Hände spielen – mit Abstrichen.

Für den früheren Prokuristen kam das Gericht von Stuttgart nach Ehingen. dpa

Reinhold Freudenreich

Für den früheren Prokuristen kam das Gericht von Stuttgart nach Ehingen.

EhingenDas Amtsgericht in Ehingen ist ein historisches Gebäude mit Eichentreppen, an die Wände und Decken des schmalen Sitzungssaals schmiegen sich mintgrüne Verzierungen aus dem Barock. Links neben dem Richter steht ein alter Kachelofen. Solch eine Kulisse haben offenbar auch die acht Schlecker-Anwälte noch nicht gesehen. Ein Verteidiger von Christa Schlecker zückt das Smartphone und schießt ein Foto – man gibt sich entspannt bei der Verteidigung.

Richter Roderich Martis hat den Prozess für einen Tag nach Ehingen verlegt, in die Heimatstadt von Anton Schlecker. Denn es wird ein besonderer Zeuge befragt: Reinhold Freudenreich. Dieser galt lange als wichtigster Berater von Anton Schlecker. Ehemalige Schlecker-Angestellte erzählen über ihn, dass er mehr über die Firma wusste als Anton Schlecker selber. Doch da Freudenreich im Januar 90 Jahre alt geworden ist, wollte ihm das Gericht nicht mehr den Weg nach Stuttgarter zumuten.

Schlecker-Prozess: „Ich war von der Insolvenz überrascht“

Schlecker-Prozess

„Ich war von der Insolvenz überrascht“

Beim Prozess gegen Anton Schlecker gibt ein ehemaliger Angestellter Einblicke, wie in dem Unternehmen mit Zahlungen jongliert werden musste. Trotzdem könnte die Aussage dem Ex-Drogeriemarktkönig nutzen.

Der ehemalige Drogeriemarktkönig Anton Schlecker steht vor Gericht, weil ihm vorsätzlicher Bankrott vorgeworfen wird. Seine Frau Christa und die gemeinsamen Kinder Lars und Meike sitzen wegen Beihilfe ebenfalls auf der Anklagebank. Im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen Schleckers Dienstleistungsgesellschaften LDG und BDG: Beide standen außerhalb des Schlecker-Imperiums. Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker vor, dass er diese gegründet habe, um Millionenbeträge an seine Kinder zu transferieren. Nach Aussagen ehemaliger Schlecker-Mitarbeiter soll diese Konstruktion maßgeblich auf Reinhold Freudenreich zurückgehen. Seine Aussage wird mit Spannung erwartet.

Doch schon seine Ankunft ist so unspektakulär, dass die Fotografen beinahe den Moment verpassen, Bilder von ihm zu machen. Er schlurft in schwarzen Gesundheitsschuhen und leicht gebeugt zum Hintereingang des Ehinger Amtsgerichts. Später sitzt er im schwarzen Anzug, weißem Hemd und mit Einstecktuch im Zeugenstand. Das Zusammentreffen mit Anton Schlecker fällt kühl aus, Tochter Meike bekommt hingegen eine Umarmung. Bei der Entführung von Meike und ihrem Bruder Lars Ende der 80er Jahre habe Freudenreich die Kinder aus der Hand der Entführer gelöst, hatte Anton Schlecker an einem früheren Prozesstag gesagt.

Ein Verteidiger zwinkert ihm freundlich zu – man kennt sich. Schleckers Entourage aus Anwälten hatte ihn im Vorhinein des Prozesses schon einmal besucht und mehrere Stunden befragt. „Mit dem Herrn Schlecker war ich per Du. Und zwar von Jugend auf. Er war sechs Jahre alt, als ich ihn kennenlernte“, sagte Freudenreich.

Stationen der Schlecker-Insolvenz

23. Januar 2012

Schlecker meldet Insolvenz an.

28. März 2012

Das Verfahren wird eröffnet. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft noch auf die Rettung von Teilen der Drogeriekette.

27. Juni 2012

Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein zweites Grundstück soll sein Sohn bekommen haben.

18. Juli 2012

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen Anton Schlecker ein.

19. Juli 2012

Die Schlecker-Gläubiger fordern mehr als eine Milliarde Euro.

30. November 2012

Der österreichische Investor Rudolf Haberleitner will 2013 bis zu 600 ehemalige Schlecker-Filialen mit dem Konzept eines modernen Tante-Emma-Ladens wiederbeleben.

19. März 2013

Gut ein Jahr nach der Pleite zahlt die Familie Schlecker dem Insolvenzverwalter 10,1 Millionen Euro. Hintergrund ist der Streit um übertragenes Vermögen aus dem Unternehmen.

9. April 2013

Haberleitner will einstige Schlecker-Filialen unter dem Namen Dayli wiederbeleben und Testläden in Deutschland eröffnen.

4. Juli 2013

Noch vor dem geplanten Deutschland-Start ist der Schlecker-Nachfolger Dayli pleite.

13. April 2016

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt Anklage gegen Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts.

Sommer 2016

Der Insolvenzverwalter reicht Klage gegen ehemalige Schlecker-Lieferanten ein. Sie sollen Schlecker wegen illegaler Preisabsprachen um viel Geld gebracht haben. Geiwitz will Schadenersatz in Millionenhöhe.

7. Dezember 2016

Es wird bekannt, dass das Landgericht die Anklage zulassen will. Der Schlecker-Prozess beginnt im März 2017.

2017

Im März beginnt in Stuttgart der Prozess. Nach der Zahlung von Geldauflagen werden im Mai die Verfahren gegen Schleckers Ehefrau Christa und die Wirtschaftsprüfer eingestellt. Im November verurteilt das Gericht Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 54.000 Euro. Schleckers Kinder Lars und Meike werden dagegen zu Haftstrafen von zwei Jahren und acht Monaten beziehunsgsweise zwei Jahren und neun Monaten verurteilt, unter anderem wegen Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott.

Im Zeugenstand berichtet Freudenreich, dass die Dienstleistungsgesellschaften gegründet worden seien, um den Warenversand in geordnete Bahnen zu lenken. Er habe durchaus nach Drittanbietern geschaut, die den Versand für Schlecker übernommen hätten. Als sich niemand gefunden habe, habe man eigene Dienstleistungsgesellschaften gegründet. Dass man diese außerhalb des Schlecker-Unternehmens angesiedelt habe, habe Haftungsgründe gehabt. „An Lars und Meike Schlecker habe ich dabei nicht einmal gedacht“, sagt Freudenreich.

Den von der Staatsanwaltschaft hinterfragten Stundenlohn von 28,50 Euro, die die Mitarbeiter der Dienstleistungsgesellschaften Schlecker in Rechnung gestellt haben, habe er selber ausgerechnet. Dabei sei ein Stundenlohn wirtschaftlicher gewesen, als über Stückzahlen abzurechnen. Freudenreich räumt allerdings ein, dass der hohe Satz schon damals innerhalb des Unternehmens für Diskussionen gesorgt habe. „Jeder war der Meinung, dass die 28,50 Euro nicht in Ordnung waren“, sagt Freudenreich. Aber als er nach der Alternative gefragt habe, hätten alle geschwiegen. Freudenreich schlussfolgert daraus: „Die 28,50 Euro waren völlig gerechtfertigt.“

Kommentare (3)

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Herr Hans Henseler

02.05.2017, 17:01 Uhr

Schlecker war Unternehmer und hat fuer Jahrzehnte zehntausende Arbeitsplaetze geschaffen und
fuer seine Kunden preisguenstige Produkte. Natuerlich war sein Ziel ein gewinntraechtiges Unter-
nehmen zu schaffen bis es ihm halt ueber den Kopf wuchs wobei seine ueberbezahlten Berater
die meiste Schuld trifft. Den Mann jetzt zu kriminalisieren ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.
Die Betraege, die er angeblich und moeglicherweise tatsaechlich ins trockene schaffen wollte, sind
absolut peanuts in bezug auf den Wert des Unternehmens. Haette er nicht persoenlich fuer sein
Unternehmen gebuergt, waere er jetzt Multimillionaer.

Herr J. Teufel

02.05.2017, 18:07 Uhr

Das passiert, wenn man normale Unternehmer und oft auch kleine Mittelständler, die für Arbeit und Wohlstand sorgen, in einen Topf schmeisst mit Grosskapitalisten und Verbrechern in diesem Bereich.

In Deutschland ist dies leider sehr verbreitet.

Erfolg wird hier nicht gegönnt und zur Nachahmung empfohlen.
In Deutschland wird der Neid gepflegt.
Leider.

Wenn die Linken jetzt noch fordern, dass jemand, der eine Million verdient, 75% abgeben soll, dann frage ich diese Leute mal, wieso dieser Mensch sich noch einmal so anstrengen soll, wenn er vermutlich bei 50% weniger Leistung dann 300000 verdient und dabei keinen 12 bis 14 Stundentag hat.

Wirklich nur sehr dumme Leute bestrafen Leistung die meistens allen zugute kommt. Deutschland ist auch darin Weltmeister.

Herr Peter Spiegel

02.05.2017, 20:01 Uhr

„Herr Schlecker war nie der Meinung, dass es das Ende ist“
Der Mann kann EU-Kommissar werden.

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