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22.06.2015

19:16 Uhr

Schlichtung ohne Ergebnis

Lufthansa-Flugbegleiter drohen mit Streik

Streik im Anflug: Selbst zwei Profi-Schlichter konnten den Tarifkonflikt zwischen den Flugbegleitern und der Lufthansa nicht lösen. Die Gewerkschaft Ufo wirft dem Konzern vor, frühere Vereinbarungen nicht einzuhalten.

Ein Arbeitskampf der Flugbegleiter wird immer wahrscheinlicher. dpa

Lufthansa droht neuer Streik

Ein Arbeitskampf der Flugbegleiter wird immer wahrscheinlicher.

FrankfurtLufthansa -Passagieren droht mitten in der Sommer-Feriensaison ein Streik der Flugbegleiter. Deren Gewerkschaft Ufo kämpft für die Beibehaltung der bisherigen Betriebsrente und gegen den massiven Konzernumbau von Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Der Streik könne noch abgesagt werden, falls die Lufthansa-Spitze bis zum 30. Juni ein substanziell besseres Tarifangebot vorlege, sagte Gewerkschaftschef Nicoley Baublies am Montag.

„Ansonsten wird am 1. Juli gestreikt.“ An diesem Tag werde Ufo auch die weiteren Streiktermine bis Mitte September nennen - es ist also kein Dauerstreik über die gesamte Zeit der Schulferien in Deutschland geplant. „Damit sollen Passagiere die Möglichkeit haben, frühzeitig auf andere Airlines auszuweichen.“ Der Ausstand werde zumindest bis September dauern.

Die Lufthansa hofft dagegen auf eine baldige Lösung am Verhandlungstisch und lädt für Mittwochmorgen zu neuen Gesprächen ein. Von Seiten des Konzerns sollen Personalchefin Bettina Volkens und Karl Ulrich Garnadt, Vorstand des Passagiergeschäfts, mit von der Partie sein. Baublies lehnt die Einladung ab, da unter Leitung von Volkens bereits die vorhergehende Schlichtung gescheitert ist. Vielmehr spiele die Lufthansa auf Zeit. „Wenn diese Provokation die einzige Reaktion der Lufthansa ist, dann gilt unsere Frist bis zum 30. Juni nicht mehr“, sagte er zu Reuters.

Die vielen Baustellen der Lufthansa

Schwieriger Konzernumbau

Carsten Spohr will die Lufthansa wetterfest machen für die Zukunft, denn der Konkurrenzkampf über den Wolken ist hart. Der Umbau des größten europäischen Luftverkehrskonzerns ist eine Mammutaufgabe. Längst noch nicht alle Probleme sind gelöst. Das sind die Baustellen der Lufthansa.

Quelle: dpa

Billig-Airlines

Vor allem der größte europäische Player im Billigsegment, Ryanair, heizt den Wettbewerb an. Nachdem die Iren über Jahre vor allem auf kleinere Flughäfen in der Provinz gesetzt hatten, bedienen sie nun zunehmend auch große Flughäfen wie Berlin oder Köln. Zudem bieten inzwischen auch Billig-Airlines gegen entsprechenden Preisaufschlag Leistungen an, die sich vor allem an Geschäftsreisende richten – ein Segment, in dem vor allem etablierte Fluggesellschaften unterwegs sind.

Expansive arabische Konkurrenten

Emirates, Qatar Airways und Etihad punkten vor allem auf der lukrativen Langstrecke. Die Airlines vom arabischen Golf haben rasante, von den Herrscher-Familien unterstützte Wachstumspläne. Weite Teile des Verkehrs nach Südostasien und Ozeanien haben sie bereits fest im Griff und bei einigen europäischen Airlines sitzen sie mit am Steuerknüppel – zum Beispiel Etihad bei Air Berlin oder Alitalia.

Probleme mit dem Personal

Ein Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst: Der Dauerstreit mit den Piloten kann nach bisher 13 Streikrunden jederzeit wieder eskalieren. Die Kabinengewerkschaft UFO war im November in einen einwöchigen Streik getreten, einigte sich mit Lufthansa im Januar aber auf Eckpunkte eines neuen Tarifvertrags. Für das Bodenpersonal gab es zuvor schon eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi.

Das komplizierteste Thema bei den Piloten sind die vom Unternehmen zum Jahresende 2013 gekündigten Betriebs- und Übergangsrenten. Lufthansa will künftig nur noch feste Arbeitgeberbeiträge zahlen, aber nicht mehr für die endgültige Rentenhöhe garantieren.

Eurowings-Konzept

Neben der klassischen Premium-Lufthansa baut Lufthansa-Chef Spohr eine Billigschiene mit Eurowings auf, die im Europa-Verkehr Ryanair oder Easyjet Paroli bieten soll. Kern des Konzepts ist „Eurowings Europe“ mit Sitz in Wien. Derzeit stellt sie Piloten zu deutlich geringeren Gehältern ein, als bei der Lufthansa-Mutter gezahlt werden.

Der Konzernumbau belastet die Tarifverhandlungen, insbesondere mit den Piloten. Außerdem läuft es bei Eurowings selbst noch nicht rund. Die neue Billig-Airline hat mit Verspätungen auf ihren Fernflügen zu kämpfen.

Germanwings-Absturz

Der vom Co-Piloten Andreas L. im Frühjahr herbeigeführte Absturz einer Germanwings-Maschine mit 150 Toten war das größte Unglück in der Geschichte des Lufthansa-Konzerns. Finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer wurde schnell auf den Weg gebracht. Um Schmerzensgeldzahlungen ist allerdings ein Millionenpoker entbrannt. Opfer-Anwälte lehnten die Lufthansa-Vorschläge als zu niedrig ab.

Die Streikgefahr drückte den Kurs der Lufthansa-Aktie: Das Papier lag am späten Nachmittag noch knapp 1,5 Prozent im Plus, während der Leitindex Dax um knapp vier Prozent anzog. Ein Streik im Sommer wäre für die Fluglinie extrem schmerzhaft, da sie wegen der Feriensaison in dieser Zeit traditionell besonders viel Geld verdient.

Arbeitsniederlegungen von Teilen der Belegschaft sind bei der Lufthansa mittlerweile Alltag: Die Piloten gingen über ein Jahr hinweg insgesamt 16 Mal in dem Ausstand. Erst der Absturz eines Airbus der Tochter Germanwings Ende März stoppte die Streikwelle - vorerst.

Ufo vertritt 19.000 Flugbegleiter bei der Lufthansa und lieferte Deutschlands größter Airline zuletzt vor knapp drei Jahren einen Arbeitskampf. Im derzeitigen Tarifkonflikt geht es um die Konzernstrategie und um die Tarifverträge für die Altersversorgung der Flugbegleiter - letztere kündigte die Lufthansa Ende 2013.

Dem Konzern zufolge ist das bisherige System wegen der niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten und längeren Rentenzeiten nicht mehr bezahlbar. Eingeführt werden soll deshalb eine Vorsorge, bei der die Mitarbeiter stärker in die Finanzierung eingebunden sind. Konzernchef Spohr will zudem, dass Flugbegleiter, die bereits mit 55 Jahren in Vorruhestand gehen wollen, künftig weniger Geld erhalten. Die Lufthansa gab voriges Jahr rund 3,7 Milliarden Euro aus, um die Renten der Kabinenmitarbeiter zu finanzieren.

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