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02.04.2013

19:21 Uhr

Schrumpfende Flotte

Der deutschen Schifffahrt gehen die Kräfte aus

Die Doppelkrise in Schifffahrt und Finanzwirtschaft treibt immer mehr Charterschiffe in den Ruin. Über der Branche kreist der Pleitegeier. Die Reeder fordern, bei Kreditverhandlungen ihre Schiffe fair zu bewerten.

Containerschiffe am Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen. dpa

Containerschiffe am Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen.

HamburgFünf Jahre Krise haben die deutsche Schifffahrt ausgelaugt. „Insolvenzen von Schiffen sind mittlerweile an der Tagesordnung“, sagte Michael Behrendt, Präsident des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), am Dienstag in Hamburg. Mehr als 100 Schiffe seien bereits in die Pleite gefahren.

Die deutsche Handelsflotte werde kleiner - zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Immer mehr Schiffe würden abgewrackt oder verkauft. Allein im letzten Quartal des vergangenen Jahres wurden 27 Schiffe verschrottet - dreimal so viele wie gewöhnlich. Zu Beginn des Jahres fuhren rund 3670 Schiffe unter deutschem Management, das sind 110 weniger als ein Jahr zuvor.

Die Bundesregierung, die verschiedenen maritimen Branchen und die Gewerkschaften kommen in der nächsten Woche (8./9.4.) zur 8. Maritimen Konferenz in Kiel zusammen. Von der Politik fordern die Reeder klare Signale bei der Schifffahrtsförderung und eine durchgreifende Entbürokratisierung der Verwaltung der deutschen Flagge.

Vor allem aber müssten Schiffe bei Kreditverhandlungen zu ihrem langfristigen Wert als Sicherheit beliehen werden dürfen, so wie Immobilien und Flugzeuge. „Dann hätten die Banken mehr Spielraum, um Fortführungskonzepte zu ermöglichen“, sagte Behrendt. Dazu bedürfe es nicht einmal eines Gesetzes, sondern nur der Akzeptanz durch die Finanzaufsicht.

Die größten Werft-Pleiten Deutschlands

Mai 1996

Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Februar 2004

Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Pride of America“. In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.

September 2008

Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.

Januar 2009

Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.

Juni 2009

Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt. Es scheitern zunächst alle Versuche, vorhandene Aufträge zu sichern und neue Investoren zu finden. Im August stimmt der Gläubigerausschuss dem Verkauf an den russischen Investor Igor Jussufow zu, der mit 40,5 Millionen Euro einsteigt. Auf den später in Nordic Yards umbenannten Werften arbeiten 2011 noch knapp 970 der einst 2400 Beschäftigten.

November 2011

Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft. Die norwegische TTS Group ASA erhält den Zuschlag für die Neuenfelder Maschinenfabrik. Seit dem Insolvenzantrag sind 350 der ehemals 1000 Arbeitsplätze gestrichen worden.

29. August 2012

Die P+S-Werften stellen beim Amtsgericht Stralsund einen Insolvenzantrag für die beiden Schiffbaubetriebe in Stralsund und Wolgast. Knapp 2000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs.

Zunächst hatten die Reeder zeitlich begrenzte Überbrückungskredite von der Staatsbank KfW gefordert, dabei aber speziell bei Wirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) auf Granit gebissen. Auch im Bundestag fand sich kaum Unterstützung für den Vorschlag.

„Die deutschen Reeder arbeiten daran, die Marktsituation zu verbessern“, sagte Behrendt. Seit Beginn der Krise hätten sie praktisch keine neuen Schiffe mehr bestellt; das Orderbuch sei von 1300 auf 200 Schiffe zusammengeschrumpft. Die Krise werde bald enden; bis 2017 könnte der weltweite Containerverkehr nach konservativen Prognosen um 27 Prozent wachsen, während die Flotte schrumpft. „Angebot und Nachfrage bewegen sich also eindeutig wieder aufeinander zu“, sagte Behrendt. Fraglich sei, ob die mittelständischen Reedereien mit wenigen Schiffen die kommenden Monate noch überbrücken könnten.

Die Schifffahrtskrise ist durch ein Überangebot an Schiffsraum entstanden. Es wurden zu viele Schiffe bestellt und gebaut, während gleichzeitig das Ladungsaufkommen zurückging und sich bis heute nicht nachhaltig erholt hat. Fracht- und Charterraten brachen ein. Besonders betroffen sind die in Deutschland stark verbreiteten Charterreedereien.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

03.04.2013, 07:58 Uhr

Wie kann denn die Schiff-Fahrt in der Krise sein, wenn doch die Wirtschaft bekanntlich so phantastisch boomt? Da braucht man doch Schiffe zum transportieren, nicht wahr?

amsivarier

03.04.2013, 08:23 Uhr

"Die Schifffahrtskrise ist durch ein Überangebot an Schiffsraum entstanden." ... Naja, entstanden ist die Krise wohl eher infolge nach Nachfrageeinbruchs nach Lehmann. Erst dadurch ging die Schere von Angebot und Nachfrage auseinander und schließt er langsam und allmälich wieder. Ursache und Wirkung nicht vewechseln!

Account gelöscht!

03.04.2013, 08:47 Uhr

Und wieder eine Investitionsruine.
Vor jahren lockte man nochInvestoren, in den Schffsbau zu investieren. Man versprach hohe Renditen und eine sichere Anlage. Und jetzt werden die Schiffe abgewrackt.
Und wieviele der Schffe fahren unter fremder Flagge?
Aber die deutschen Banken und die KfW sollen sie finanzieren.

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