Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2006

08:25 Uhr

Schwere PR-Fehler in der Vergangenheit

Geheimniskrämer Lidl bekommt einen Sprecher

VonChr. Schlautmann

Der Neckarsulmer Aldi-Verfolger Lidl, der bislang ebenso wie sein Vorbild den Umgang mit öffentlichen Medien scheute, engagiert erstmals seit der Firmengründung vor 33 Jahren einen Pressesprecher. Wie es in Kreisen des Unternehmens übereinstimmend heißt, soll der 50-jährige Thomas Oberle vom 9. Januar an gegenüber der Presse für Offenheit sorgen

Zum PR-Gau entwickelte sich vor zwei Wochen der Abwehrkampf gegen die Greenpeace-Vorhaltungen, Lidls Billigläden verkauften mit Giftstoffen belastetes Obst und Gemüse. Foto: dpa.

Zum PR-Gau entwickelte sich vor zwei Wochen der Abwehrkampf gegen die Greenpeace-Vorhaltungen, Lidls Billigläden verkauften mit Giftstoffen belastetes Obst und Gemüse. Foto: dpa.

DÜSSELDORF.Wesentlich zu dieser Entscheidung beigetragen, berichten Insider, hat der öffentliche Druck auf das Unternehmen. Nicht nur die schiere Größe von Lidl – der Discounter erzielte zuletzt mit 151 000 Mitarbeitern europaweit einen Umsatz von 36 Mrd. Euro – machte die traditionelle Geheimniskrämerei in den vergangenen Jahren zu einer unlösbaren Aufgabe. Auch bei den sich häufenden Unternehmenskrisen zeigte sich der schweigende Riese meist in einer unglücklichen Lage. Negativschlagzeilen in der Presse waren regelmäßig die Folge.

Vor allem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat die Billigkette ins Visier genommen. In einem so genannten Schwarzbuch hält die Arbeitnehmerorganisation mutmaßliche Verfehlungen der Neckarsulmer fest, um den öffentlichen Druck auf das Unternehmen zu erhöhen. Ziel von Verdi: Lidl soll dazu bewegt werden, flächendeckend Betriebsräte in den Regionalgesellschaften zuzulassen.

Das hat das Management – zumindest für den Großteil der Betriebe – bislang trickreich verhindert. In der Schwarzwald-Stadt Calw ließ die Zentrale sogar einen Filialbetrieb kurzerhand schließen, nachdem sich dort eine Arbeitnehmervertretung gegründet hatte. Doch der Streit eskalierte. Weil Lidl die Nacht-und-Nebel-Aktion ohne Rücksprache mit dem Betriebsrat durchzog, schaltete sich zunächst die Gewerkschaft Verdi ein, dann das Arbeitsgericht Pforzheim. Das vorübergehend festgesetzte Ordnungsgeld über 100 000 Euro gegen Lidl, das erst nach der erzwungenen Einigung über einen Sozialplan zurückgezogen wurde, war nur der kleinere Teil des Schadens. Desaströser noch verlief die Pressearbeit des Unternehmens. Nachfragen von Journalisten ließ die Firmenleitung unbeantwortet, eine Redakteurin der „Badischen Neuesten Nachrichten“ erhielt nach einer kritischen Berichterstattung die Kündigung, nachdem der Anzeigenkunde Lidl bei der Verlagsleitung eine „kurze Beschwerde“ eingereicht hatte.

Zum PR-Gau entwickelte sich vor zwei Wochen der Abwehrkampf gegen die Greenpeace-Vorhaltungen, Lidls Billigläden verkauften mit Giftstoffen belastetes Obst und Gemüse. Während die ebenfalls von den Vorwürfen betroffenen Real-Märkte offensiv gegenüber Journalisten Stellung bezogen, verschanzte sich das Lidl-Management hinter einer Mauer des Schweigens. Stattdessen behauptete es in großformatigen Zeitungsanzeigen, das Frischesortiment werde von unabhängigen Laboren getestet. Peinlich für den Discounter: Eines der genannten Institute aus dem Rhein-Neckar-Kreis wehrte sich juristisch gegen diese Darstellung. Man unterhalte keine direkten Beziehungen zu Lidl, entrüstete sich die Laborleitung.

Ob der neue Pressesprecher Thomas Oberle, der in den vergangenen zehn Jahren das familiengeführte Schraubenimperium Würth in Künzelsau nach außen präsentierte, tatsächlich das Lidl-Management zu mehr Offenheit bewegen kann, bleibt abzuwarten. Schon vor einem Jahr hatte Holdingchef Klaus Gehrig die Münchener PR-Agentur Engel und Zimmermann mit der Öffentlichkeitsarbeit für den Discounter betraut. Doch Gehrigs Ankündigung, Journalisten künftig über die Unternehmensentwicklung zu informieren, blieben zunächst leere Versprechungen.

Zwar hat mit Wilfried Oskierski, 41, vor wenigen Tagen ein relativ junger Topmanager den Vorstandsvorsitz der Lidl Stiftung & Co. KG in Neckarsulm übernommen, und auch im restlichen Vorstand vollzog sich ein umfangreicher Generationswechsel. Firmeninsider berichten aber, dass im Unternehmen neben dem Firmengründer Dieter Schwarz insbesondere der ehemalige Aldi-Manager Klaus Gehrig den Ton angibt. Der pressescheue 58-Jährige ist Komplementär und Sprecher der Schwarz Unternehmenstreuhand KG. Sie hält zwar nur 0,1 Prozent der Anteile, aber 100 Prozent der Stimmrechte an der Lidl-und-Schwarz-Holding, der auch die Kaufland-Verbrauchermärkte unterstehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×