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09.09.2012

16:15 Uhr

Sechs Wochen streikfrei

Lufthansa kann durchatmen

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo schließt in den kommenden sechs Wochen weitere Streiks aus. Zum Beginn des Schlichtungsverfahren muss die Fluggesellschaft dafür einige Zugeständnisse machen.

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Streik-Pause für Lufthansa

Video: Streik-Pause für Lufthansa

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FrankfurtNach den größten Flugbegleiter-Streiks in der Geschichte der Lufthansa müssen die Passagiere nach Gewerkschaftsangaben bis in die zweite Oktoberhälfte keine derartigen Behinderungen mehr befürchten. So lange werde das von einer Friedenspflicht begleitete Schlichtungsverfahren mindestens dauern, sagte der Chef der Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo, Nicoley Baublies, am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters: "Weniger als sechs Wochen sind für die Schlichtung nicht realistisch." Zwar seien bei einem Scheitern des am Freitag vereinbarten Verfahrens weitere Arbeitsniederlegungen möglich. "Das haben wir jetzt aber nicht im Visier."

Das Magazin "Focus" hatte Baublies dagegen am Samstag in einer Vorabmeldung mit erneuten Streikdrohungen zitiert. Wenn Lufthansa stur bleibe, "streiken wir alle vier oder alle 14 Tage oder alle drei Wochen mal". Baublies sagte am Sonntag, diese Äußerungen seien bereits vor dem Waffenstillstand vom Freitag gefallen, und sandte Friedenssignale an die Lufthansa: "Eine Lösung ist nun viel einfacher geworden."

Das Wichtigste zum Lufthansa Streik

Wie erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Ob, und welche Flüge konkret betroffen sind, können Kunden auf der Lufthansa Website prüfen. Das Lufthansa Service Center steht bei Flugunregelmäßigkeiten kostenlos auch telefonisch zur Verfügung:

0800 / 8 50 60 70

Worum geht es eigentlich?

Offiziell streiken die Flugbegleiter lediglich für mehr Geld. Sie verlangen nach drei Jahren Nullrunde ein Einkommensplus von fünf Prozent sowie höhere Gewinnbeteiligungen. Im Hintergrund geht es um die Zukunft des Lufthansa-Konzerns. Das Management will eine Billigeinheit für Direktflüge mit zunächst rund 90 Flugzeugen und 2000 Beschäftigten gründen, für die deutlich niedrigere Tarife gelten sollen. Bei allen übrigen sollen Gehaltsstufen abgeflacht werden, neue Kräfte nicht mehr so schnell aufsteigen können. Weil Ufo dabei nicht mitmachen wollte, hat Lufthansa zudem Leiharbeiter eingesetzt.

Die UFO-Taktik

Die Gewerkschaft UFO will eine Nadelstichtaktik führen. Um der Lufthansa möglichst wenig Zeit zur Vorbereitung zu lassen, veröffentlicht sie die bestreikten Flughäfen erst wenige Stunden vor Beginn der Arbeitsniederlegung. Als nächste Stufe des Arbeitskampfes wird ein flächendeckender Streik vorbereitet, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Damit erhofft sich die Gewerkschaft ein Einlenken der Lufthansa auf ihre Forderungen.

Wie reagiert die Lufthansa?

Man habe mehrere Szenarien in der Schublade und werde möglichst viele Flüge stattfinden lassen, sagt Sprecher Thomas Jachnow. Vorrang haben die Interkontinentalverbindungen, während innerdeutsche Flüge am einfachsten auf die Bahn verlagert werden können. Auch Umbuchungen auf andere Airlines sind möglich

Wie hoch ist die Kampfbereitschaft der Stewards und Stewardessen?

Das ist die spannende Frage in diesem Tarifkonflikt. Im Gegensatz zu den weit besser verdienenden Piloten oder den Fluglotsen bei der Deutschen Flugsicherung haben die Flugbegleiter bislang noch nie einen richtigen Arbeitskampf durchstehen müssen. Lufthansa-Personalvorstand Stefan Lauer hat sich vor wenigen Tagen noch sicher gezeigt, dass es zu großen, flächendeckenden Streiks nicht kommen werde. Sicher ist aber, dass es in der einstmals geschlossenen und stolzen Lufthansa-Belegschaft wegen der umfassenden Sparpläne gärt.

Wie lange hält die Gewerkschaft einen Arbeitskampf durch?

An mangelnden Mitteln aus der Streikkasse werde der Arbeitskampf nicht scheitern, sagt Baublies. Die langsame Eskalation schont zumindest am Anfang auch das Ufo-Vermögen. Eine Strategie könnte es sein, nur wenige Streikende pro Flug zu organisieren, weil die Flieger mit Mindestbesatzungen starten müssen. Vor allem bei den eng besetzten Europaflügen ist eigentlich kein Puffer drin, so dass bereits der Ausfall eines Flugbegleiters den Start verhindern kann. Das sehen gesetzliche Vorschriften vor.

Kann die Lufthansa nicht einfach Ersatzleute anheuern?

Das wird schwierig, wenngleich der zuständige Personalchef Peter Gerber sich das durchaus vorbehalten hat. Doch der Arbeitsmarkt ist nicht gerade üppig besetzt. Die Grundausbildung ist zwar mit zwölf Wochen relativ kurz, aber es kann nicht jeder Flugbegleiter auf jedem Jet eingesetzt werden. Aus Sicherheitsgründen sind die Leute jeweils nur auf bestimmte Flugzeugtypen zugelassen. Zudem sind Leiharbeiter nicht verpflichtet, sich als Streikbrecher zu betätigen.

Wann erfahre ich, ob mein Flug ausfällt?

Sechs Stunden vor Beginn der Streikmaßnahmen will die UFO bekannt geben, an welchen Flughäfen sie streikt. Gewerkschaftschef Nicoley Baublies verspricht, bereits am Vorabend zu warnen, wenn ein Streik früh am nächsten Morgen beginnt.

Als mögliche Schlichter wurden in Medienberichten am Wochenende Altbundespräsident Horst Köhler, der frühere Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier, der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering und Hamburgs Ex-Bürgermeister Henning Voscherau genannt. "Keiner von denen ist utopisch", sagte Baublies zu Reuters. Allerdings habe die Gewerkschaft noch nicht einmal bei möglichen Wunschkandidaten angefragt. "Wir haben intern ungefähr zehn Namen im Gespräch", erläuterte der Gewerkschaftschef. "Mit der Lufthansa werden wir uns dann über drei bis fünf Namen austauschen." Beide Seiten haben sich darauf verständigt, bis Mittwoch ein Schlichtungsabkommen zu unterzeichnen. "Wenn wir Glück haben, haben wir uns bis dann auch auf einen Schlichter geeinigt", sagte Baublies. Angestrebt werde eine Einigung über die Person im Laufe der Woche.

Die Lufthansa hatte am Freitag überraschend eine Kernforderung der Gewerkschaft erfüllt und damit nach Ufo-Angaben den Weg für ein Schlichtungsverfahren freigemacht. Das Unternehmen will keine geringer entlohnten Leiharbeiter mehr auf seinen Berlin-Flügen einsetzen und diesen Beschäftigten Übernahmeangebote unterbreiten. Über dieses Thema und die noch umstrittene Übertragung von Europa-Flügen an eine konzerneigene Billigfluggesellschaft wollen beide Seiten nun in gesonderten Verhandlungen sprechen, die parallel zum Schlichtungsverfahren geführt werden. Denn dort geht es nur um die offizielle Tarifforderung der Gewerkschaft: Sie verlangt Gehaltserhöhungen um fünf Prozent bei einer Laufzeit von 15 Monaten. Die Lufthansa hat dagegen eine Erhöhung um 3,5 Prozent über drei Jahre angeboten.

Die Rechte der Fluggäste bei Streiks

Stornierung und Umbuchung

Einen wegen Streiks gestrichenen Flug kann der Kunde stornieren, er bekommt dann sein Geld zurück. Wer trotzdem fliegen will, hat Anspruch auf einen späteren Flug. Das kann aber dauern, bis der Streik vorbei ist - und auch länger, da ein Rückstau entstehen könnte.

Verspätung

Bei Flügen bis zu 1500 Kilometern haben Fluggäste ab zwei Stunden Verspätung Anspruch auf Betreuungsleistungen - also Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel. Bei einer Strecke von 1500 bis 3500 Kilometern gibt es Unterstützung nach drei Stunden, ab 3500 Kilometern Strecke nach vier Stunden. Ab einer Wartezeit von fünf Stunden können Passagiere eine Erstattung des Flugpreises verlangen.

Pünktlichkeit

Auch bei einer großen absehbaren Verspätung sollten Passagiere immer zur ursprünglichen Abflugzeit am Flughafen sein. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Fluggesellschaft doch früher einen Ersatzflug anbieten kann - und der Reisende ihn dann verpasst.

Entschädigung

Bei Annullierung, Überbuchung oder Verspätung ab drei Stunden haben Passagiere zwar laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro - aber nur, wenn kein „außergewöhnlicher“ Umstand daran schuld ist. Die Fluggesellschaften werten Streiks aber wie miserables Wetter als außergewöhnlichen Umstand - und zahlen eine Entschädigung dann nicht. Zu Recht, wie der Bundesgerichtshof (BGH) nun entschied: Streiks auch der eigenen Piloten sind „außergewöhnliche Umstände“, die von Airlines „nicht beherrscht“ werden können, heißt es in dem Urteil.

Der Tarifkonflikt dauert bereits länger als ein Jahr und war zuletzt eskaliert. Am Freitag - dem dritten und bisher umfassendsten Streiktag der Lufthansa-Flugbegleiter - musste das Unternehmen etwa die Hälfte der planmäßig 1800 Flüge streichen. Über 100.000 Passagiere waren von dem ganztägigen und bundesweiten Ausstand betroffen. Am Samstag seien noch 20 Flüge ausgefallen, die die Lufthansa in Erwartung des Streiks bereits am Donnerstag aus dem Flugplan genommen habe, sagte ein Firmensprecher. Zu den Kosten des Ausstands am Freitag machte er keine Angaben. Das Unternehmen hatte die Umsatzeinbußen an den ersten beiden Streiktagen auf einen zweistelligen Millionenbetrag beziffert.

Lufthansa-Chef Christoph Franz will die Kosten senken, da die harte Konkurrenz dem Unternehmen das Leben schwermacht. Die Airline legte deshalb ein Milliarden-Sparprogramm auf und verlangt, dass auch die Bord-Servicekräfte einen Beitrag leisten.

Von

rtr

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