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05.03.2017

14:38 Uhr

Server-Ausfall

Gefährliche Abhängigkeit von Amazon

VonBritta Weddeling

Der Server-Ausfall bei Amazon zeigt, wie abhängig Internetunternehmen geworden sind. Um weiter Schaden zu vermeiden, müssen sie ihr Cloud-Geschäft dezentraler und nachhaltiger aufstellen. Ein Kommentar.

Auch Nutzer des Streaming-Dienstes waren vom Ausfall des Amazon Cloud-Dienstes betroffen. AP

Netflix

Auch Nutzer des Streaming-Dienstes waren vom Ausfall des Amazon Cloud-Dienstes betroffen.

San FranciscoFür die Internetpioniere der 70er-Jahre war das Netz der elektronische Ausdruck eines Ideals. Es war die Utopie einer besseren Gesellschaft, in der die Macht demokratisch verteilt ist und alle Informationen unbeschränkt fließen. Doch von einem derartigen Dezentralismus kann heute keine Rede mehr sein. In der Internetwirtschaft löst ein Monopol das nächste ab: von Microsoft, das jahrelang das PC-Geschäft dominierte, über den Suchmaschinen-Monopolist Google, Facebook in den sozialen Netzwerken oder Amazon, das inzwischen das Cloud-Geschäft dominiert.

Aber der vorübergehende Ausfall der Amazon Web Services (AWS) zeigt die Schattenseite monopolistischer Machtverteilung im Netz. Unternehmen weltweit sind zunehmend abhängig von Amazon, das Big-Data-Zentren und Rechenpower vermietet. Hochrechnungen zufolge besitzt Amazon inzwischen über 40 Prozent des Cloud-Markts – vor Konkurrenten wie Microsoft, Google, IBM.

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Die digitale Wirtschaft hat sich damit angreifbar gemacht. Im aktuellen Fall legte ein Programmierfehler in Amazons Datenzentrum im nördlichen Virginia zahlreiche Webseiten stundenlang lahm – darunter das Wohnvermittlungsportal Airbnb, den Streaming-Anbieter Netflix oder den Kommunikationsdienst Slack. Betroffenen Firmen entgingen Einnahmen aus nicht erfolgten Buchungen oder Werbung, Kunden konnten das gewohnte Serien-Programm nicht genießen. Mit teuren Folgen: Schätzungen des US-Datenanalyse- und Sicherheitsanbieters Cyence Inc. zufolge belief sich der Schaden auf etwa 150 Millionen Dollar.

Sicherheit und Datenschutz bei Big Data

Quelle

Mit seinen "Leitlinien für den Big-Data-Einsatz" hat der Berliner Digitalverband Bitkom eine Richtschnur für einen ethisch und juristisch einwandfreien Einsatz von Big-Data-Analysen für Unternehmen entwickelt. Die wichtigsten Eckdaten (erschienen im Magazin creditreform 08/2016):

Den Nutzen prüfen

Sinn machen Big-Data-Anwendungen nur, wenn sie einen klar erkennbaren Nutzen für die Verbraucher, Kunden oder die Gesellschaft haben.

Für Transparenz sorgen

Die Betroffenen sollen erkennen können, welche ihrer personenbezogenen Daten in welcher Weise verarbeitet werden.

Personenbezogene Daten anonymisieren

Soweit die Verarbeitung von anonymisierten oder pseudonymisierten Daten denselben Nutzen für die Beteiligten hat, sind solche Verfahren vorzuziehen.

Interessen abwägen

Personenbezogene Daten dürfen verarbeitet werden, wenn berechtigte Interessen der verantwortlichen Stelle dies rechtfertigen und dem keine überwiegenden Interessen der Betroffenen entgegenstehen. Unter diesen Voraussetzungen ist es zulässig, Daten zu verwenden, die ursprünglich für einen anderen Zweck erhoben wurden. Liegen die Bedingungen nicht vor, dürfen die Daten nur verarbeitet werden, wenn die Betroffenen einwilligen.

Einwilligungen einholen

Wenn die Informationsverarbeitung eine Einwilligung erfordert, muss dies für die Betroffenen klar erkennbar sein.

Mehrwert schaffen

Big-Data-Anwendungen sollten auch einen Nutzen für Betroffene haben, die ihre Daten für die Bearbeitung zur Verfügung stellen.

Aufsicht etablieren

Unternehmen sollten dafür sorgen, dass eine gründliche Überprüfung von Zulässigkeit und Notwendigkeit von Big-Data-Anwendungen garantiert ist, der verantwortungsvolle Umgang mit Big Data gesichert ist und die Rechte und Interessen der Betroffenen - interne wie externe Personen - gewahrt sind. Bei diesen Aufgaben kommt dem betrieblichen Datenschutzbeauftragten eine wichtige Rolle zu.

Daten schützen

Wer Big-Data-Anwendungen einsetzt, sollte ausreichende technische und organisatorische Schutzmaßnahmen nutzen, um unberechtigte Zugriffe auf personenbezogene Daten zu verhindern.

Ethik und Moral beachten

Datenerhebungen, Verknüpfung von Daten oder andere Datenverarbeitungen zu unlauteren Zwecken sind unbedingt zu unterlassen. Das Gleiche gilt, wenn die Erhebung, Verknüpfung oder Verarbeitung der Daten den Betroffenen schaden können.

Ein Programmierfehler – und das ganze Internet leidet. Der Blackout ist ein wichtiger Warnschuss. Die digitale Ökonomie steht durch die Monopole auf einem wackeligen Fundament. Sicher, Cloud-Infrastrukturen wie die von Amazon sorgen für ein gigantisches Wirtschaftswachstum im Netz. Gründer können günstig und unkompliziert Rechenkapazitäten mieten, statt die kostspieligen Server selbst kaufen zu müssen. Das beschleunigt die Geschwindigkeit, mit der Innovationen auf den Markt kommen. Die Revolution der Künstlichen Intelligenz etwa wäre undenkbar ohne die Cloud-Rechenpower, die neuronale Netze für Firmen erst nutzbar macht.

Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen darauf achten, nicht von einem Anbieter allein abhängig zu sein und sich dezentral und breit aufzustellen. Selbst wenn das bedeutet, im Zweifelsfall etwas mehr zu zahlen. Schließlich hat die Vergangenheit gezeigt, dass entsprechende Ausfälle auch ganz absichtlich herbeigeführt werden: durch kriminelle Hacker.

Die Autorin ist Korrespondentin in Silicon Valley. Sie erreichen sie unter: b.weddeling@vhb.de.

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