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29.03.2012

13:15 Uhr

Staatskonzern

Wie die Deutsche Bahn die Pünktlichkeit ausbremst

VonTobias Döring

Die Bahn macht Milliardengewinne und viele Reisenden packt die Wut. Denn sie warten fast täglich auf verspätete Züge, auch weil die Bahn zu wenig in die Schiene investiert. Die Politik schaut zu und hält die Hand auf.

Beim Schienennetz der Deutschen Bahn ist ein Investitionsstau aufgelaufen. dapd

Beim Schienennetz der Deutschen Bahn ist ein Investitionsstau aufgelaufen.

DüsseldorfEin Bahnhof, morgens, irgendwo in einer deutschen Großstadt. Die Bahnsteige sind voll. S- und Regionalbahnen fahren ein, ICs und ICEs fahren aus. 7.09 Uhr, noch wenige Minuten, dann sollte der eigene Zug kommen. Doch dann passiert, was jeder Pendler und Fernreisende kennt. „Aufgrund von Störungen im Betriebsablauf hat der Zug heute eine Verspätung von zehn Minuten.“ Ein monotones Raunen auf dem Bahnsteig, das Warten geht weiter.

So nehmen Millionen Deutsche die Bahn jeden Morgen war. Geht es um das Thema Deutsche Bahn, wird als erstes die letzte Verspätung kritisiert – auch wenn die Züge in den vorangegangenen Tagen stets pünktlich kamen. Verspätungen bleiben hängen, sie sind das Aufregerthema Nummer eins. Das weiß auch Bahnchef Rüdiger Grube, der heute in Berlin die Geschäftszahlen für das Jahr 2011 präsentiert hat. Grube hat sich des Themas angenommen und zumindest für mehr Transparenz gesorgt.

Seit September vergangenen Jahres veröffentlicht die Bahn auf ihrer Webseite jeden Monat die Verspätungsquote ihrer Züge. Eine Lösung ist das nicht, die Daten werden aber zumindest nicht mehr versteckt. So erfahren die Reisenden, dass im vergangenen Jahr 20 Prozent der Fernzüge mehr als 5 Minuten verspätet waren.

Was die Bahn bei Verspätungen zahlt

Rechtliche Grundlage

Wer bei Verspätungen eine Entschädigung in Anspruch nehmen möchte, kann sich auf die so genannten Fahrgastrechte im Eisenbahnverkehr berufen, die Entschädigungen gesetzlich geregelt.

Moderate Verspätungen

Bei einer Verspätung von 60 Minuten können Bahnkunden den vollen Fahrpreis für den Teil verlangen, den sie nicht zurückgelegt haben. Wenn die Fahrt nach dem ursprünglichen Reiseplan keinen Sinn mehr macht, kann der gesamte Fahrpreis erstattet werden.

Lange Verspätungen

Ab 60 Minuten Verspätung beträgt die Mindestentschädigung 25 Prozent des Fahrkartenpreises. Ab 120 Minuten fallen 50 Prozent an. Die Verspätung muss am Ziel der Reise vorliegen. Die Bahnkunden können sich die Entschädigung auch in bar ausbezahlen lassen. Die Eisenbahnunternehmen dürften einen Mindestbetrag festlegen, bei dessen Unterschreiten keine Entschädigung gezahlt wird. Diese liegt bei vier Euro.

Sonderfall Sprinter

Wer einen ICE-Sprinter gebucht hat, hat bereits ab einer Verspätung von 30 Minuten Anspruch auf Rückzahlung des ICE-Sprinter-Aufpreises.

Übernachtungskosten

Ab einer Verspätung von 60 Minuten können Hilfsleistungen in Anspruch genommen werden. Wenn wegen der Verspätung eine Übernachtung erforderlich wird, muss das Unternehmern eine Hotelübernachtung oder eine Unterkunft anbieten. Dabei übernehmen die Eisenbahn-Gesellschaften "angemessene Übernachtungskosten". Ein Luxushotel ist also nicht drin.

Bus- und Taxikosten

Bei einer zu erwartenden Verspätung am Zielort von mindestens 60 Minuten und einer planmäßigen Ankunftszeit zwischen 0 und 5 Uhr, hat der Fahrgast das Recht, ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen wie zum Beispiel Bus oder Taxi. Die Kosten hierfür werden bis maximal 80 EUR erstattet. Wenn sich fünf Fahrgäste ein Taxi teilen, übernimmt die Bahn Kosten von insgesamt 400 Euro.

Streik und höhere Gewalt

Achtung: Die Eisenbahn-Gesellschaften müssen keine Entschädigung bezahlen, wenn die Verspätung auf höhere Gewalt zurückgeht. Dazu gehört zum Beispiel ein Sturm oder ein unvorhergesehener Streik.

Was Kunden beachten sollten

Kunden wenden sich an das Servicecenter Fahrgastrechte, eine gemeinsame Servicestelle der Deutschen Bahn sowie 44 Privatbahnen. Dort müssen sie die Fahrkarte und das "Fahrgastrechte-Formular" einreichen. Die Verspätung muss dabei nicht gesondert vorab bestätigt worden sein. Für das Einreichen von Belegen gilt eine Frist von zwölf Monaten. Wer dagegen direkt bei den Servicecentern die Entschädigung geltend machen möchte, muss sich die Verspätung vom Bahnpersonal bestätigen lassen. Wird eine Übernachtung notwendig, fragen die Kunden beim Service Point im Bahnhof nach. Auch bei Verspätungen, die unterhalb von 60 Minuten liegen oder anderen Kritikpunkten, können sich Kunden beschweren und auf eine Kulanzregelung hoffen. Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt am Main, www.fahrgastrechte.info.

Registrierte Fahrgäste des Fernverkehrs können zudem Verspätungs-Benachrichtigungen per E-Mail erhalten. Wichtig bei Verspätungen sei vor allem die Kommunikation. Es brauche eine „klare Ansage“, sagt Matthias Oomen, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn.

Für den Fahrgastverband sind die Verspätungen aber nur die Folge eines viel größeren Problems. „Viele Verspätungen kommen aus dem Netz“, sagt Oomen. Signalstörungen, Weichenstörungen oder Bauarbeiten führen zu einem Großteil der Unpünktlichkeiten. Während die Bahn rund 1,3 Milliarden Euro Gewinn ausweist, fehle für das Netz eine Milliarde Euro jährlich an zusätzlichen Investitionen. Über Jahrzehnte sei gar ein Investitionsstau von mittlerweile 35 Milliarden Euro aufgelaufen, so der Pro-Bahn-Mann weiter.

Kritiker behaupten, das sei eine Folge des geplanten Börsengangs. Ex-Chef Hartmut Mehdorn hatte das Staatsunternehmen mit harten Sparmaßnahmen für den Gang aufs Parkett vorbereitet. Es wurde nicht nur an der Instandhaltung gespart, sondern auch am Personal. Seit der Bahnreform 1993 ging die Zahl der Bahnbeschäftigten von 380.000 auf gut 190.000 zurück.

Der Börsengang aber ist vorerst abgeblasen, Mehdorn seit 2009 nicht mehr Vorstandsvorsitzender. Langsam stellt die Bahn wieder mehr Personal ein. Und der Investitionsstau ist zu einem großen Teil auch auf die Politik im Bund zurückzuführen.

Kommentare (11)

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Eva1811

29.03.2012, 13:44 Uhr

Nun es ist wohl schon Routine geworden, und wir Zugreisenden haben uns dran gewöhnt, das Verspätungen zum Alltag bei der Deutschen Bahn gehören, leider.

Warum das Problem nicht an den Ursachen packen - Signal- und Weichenstörungen samt Bauarbeiten bei der Bahn seien hier die Ursache dieser Sache.

Nun Grube hatte doch viel Geld für die Infastruktur der Bahn versprochen, tja dann fangt doch erstmal bei diesen Signal- und Weichensystem mal an, auch bei den Bremsen ist noch nicht aller Tage Abend, der Lärm und co kann nicht von der Hand gewiesen werden, aber das ist wohl typisch deutsch- es gibt ein EU-Gesetz das umgesetzt werden soll bis 2020(?) bzgl. dieser Bremssachen, will die Bahn erst wieder mal bis dahin warten?? Dann wäre es doppelt so teuer, aber das scheint dann wurscht zu sein, denn dann dürften diese Bremsen in der EU nicht mehr fahren bzgl Lärmgesetz, schon mal dran gedacht??

Güter- und Personenverkehr nehmen immer mehr zu, aber wann kommt die Bahn??

Wir lieben und leben mit der Bahn und wären gerne etwas pünktlicher am Arbeitsplatz, zum Meetings oder Reisenanschlüsse usw. Warum ist das so schwer??

Auch die Aktien der Bahn - tja schon mal dran gedacht das hier auch nach Unternehmensstruktur und Image gekauft wird?? Die Aktien spiegeln auch einen Teil des Unternehmens wieder!!

J.D.

29.03.2012, 14:49 Uhr

Was ich noch schlimmer finde, als die gewöhnlichen Verspätungen, ist die Tatsache, dass eine Person, die zum Zug rennt und in noch eine offene Tür einsteigen möchte, einfach vom Bahnpersonal nicht in den Zug gelassen wird. Ich habe es schon öfters erlebt, wie Reisende vor dem Zug stehen bleiben, weil der ja pünktlich abfahren muss...nur wenn die Bahn sich verspätet...alles ist gut. Am schlimmsten fand ich immer noch, als eine Frau mit Kinderwagen (!!!) nicht reingelassen wurde (inkl. weitere 5-6 Leute), obwohl der Zug noch 3-5 Minuten einfach da stand. Selber 5-10 zu spät - kein Ding...Andere nicht mal 1 Minute zu spät - Tragödie... und wo bleibt die Menschlichkeit?

Account gelöscht!

29.03.2012, 15:08 Uhr

Die Überschrift Staatskonzern ist eben falsch.

Die fehlenden Investitionen komen daher, weil man ja an die Börse will. Mehdorn hat ja deshalb auch dieses Unternehmen "schick" gemacht, nichts mehr investiert, gespart auf Teufel komm raus. Nun sehen wir die Folgen. Ohne Personal wirds auch nicht gehen. Aber Hauptsache die Konkurenz von Bus, Auto und Flugzeug wurde nachhaltig geschädigt. das war sein Ziel.

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