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25.02.2016

16:04 Uhr

Starköchin Wiener zu Glyphosat im Bier

„Das führt das Reinheitsgebot ad absurdum“

VonGeorg Weishaupt

Erst Plastik in Schokoriegeln, jetzt ein Pestizid im Bier: Wie sicher sind unsere Lebensmittel? Sarah Wiener hat eine klare Meinung: Die Fernsehköchin kritisiert das Reinheitsgebot – und rechnet mit der Industrie ab.

„Es tritt in den Hintergrund, dass Lebensmittel vor allem gesund sein sollen.“ dpa

Sarah Wiener

„Es tritt in den Hintergrund, dass Lebensmittel vor allem gesund sein sollen.“

DüsseldorfFrau Wiener, heute sorgen Meldungen über das umstrittene Pestizid Glyphosat im Bier für Schlagzeilen, am Mittwoch waren es Kunststoffteile in Schokoriegeln von Mars. Können wir der Lebensmittelindustrie noch trauen?
Nein. Ich mache mir aber weniger Sorgen um ein kleines Plastikteil, das versehentlich in einem Schokoriegel landet. Das ist zwar schlecht, wird aber durch die schnelle Rückrufaktion des Mars-Konzerns wieder behoben.

Was ist denn schlimmer?
Dass die Nahrungsmittel-Industrie oft nicht mehr weiß, was sie genau verarbeitet. Das haben Sie 2013 beim Pferdefleischskandal gesehen. Tiefkühlkost-Hersteller zeigten sich total überrascht, wie denn das als Rindfleisch deklarierte Pferdefleisch wohl in ihre Produkte gekommen sei.

Glyphosat im Bier: Testergebnisse für wichtige Marken

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Pestizidwirkstoff. Die vom Agrarkonzern
Monsanto in den 1970er Jahren entwickelte chemische Verbindung tötet alle Pflanzen, die
damit in Kontakt kommen. Im Jahr 2014 wurden allein in Deutschland rund 5400 Tonnen auf
Äckern und in Gärten verspritzt.
Quelle: Umweltinstitut München e.V.

Ergebnis

Bei allen getesteten Bieren wurde das Institut fündig. Für Bier
existiert zwar kein eigener Grenzwert, der höchste gemessene Wert lag jedoch mit 29,74
Mikrogramm pro Liter (μg/l) fast 300-fach über dem Trinkwasser-Grenzwert (0,1 μg/l).
Selbst der geringste gemessene Wert lag noch um das Fünffache über dem Grenzwert für Trinkwasser.

Wie wurde getestet?

Die Proben wurden im Zeitraum Dezember 2015 bis Januar 2016 in Supermärkten erworben. Zur Untersuchung der Proben wurde die sogenannte ELISA-Methode benutzt. Diese Methode ist die sensibelste, die es derzeit gibt.

Wie viele wurden getestet?

14 deutsche Biere wurden getestet, jeweils das absatzstärkste Produkt der im Jahr 2015 beliebtesten Biermarken in Deutschland. Ausschlaggebend war nicht die Größe der Brauerei, sondern die Absatzmenge der Biermarke.

Prognose

Alle getesteten Biere enthielten Rückstände von Glyphosat. Dies lässt vermuten, dass auch andere Biersorten und Biermarken bzw. Brauereien von einer Belastung mit Glyphosat betroffen sein können.

Forderung

Nun sind die Brauereien am Zug, ihre Produkte und Zutaten genau zu überprüfen. Sie müssen klären, wie Glyphosat in das Bier gelangen konnte und in Zukunft sicherstellen, dass ihre Produkte frei von Pestizidrückständen sind.

Problem

Durch die hohen Einsatzmengen in der Landwirtschaft finden sich Glyphosatrückstände inzwischen fast überall. Das Pestizid stellt eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar. "Wir fordern die Bundesregierung dazu auf, sich auf europäischer Ebene gegen eine erneute Zulassung von Glyphosat einzusetzen", fordert das Umweltinstitut. Über die Neuzulassung wird voraussichtlich im März entschieden Unternehmen

Getestete Marken (1)

Oettinger Pils, Bitburger Pils, Krombacher Pils, Beck‘s Pils, Paulaner Weißbier, Veltins Pilsener, Hasseröder Pils

Getestete Marken (2)

Radeberger Pilsner, Warsteiner Pils, Hasseröder Pils, Radeberger Pilsner, Erdinger Weißbier, Augustiner Helles, Franziskaner Weißbier

Sie werfen der Lebensmittelindustrie also vor, dass sie nicht genau weiß, woher ihre Zutaten stammen?
Ja, wenn sie große Unternehmen fragen, wo denn die Grundnahrungsmittel herkommen, die sie verarbeiten, können sie Ihnen das oft nicht genau sagen: Also von welchem Feld bei welchem Bauern zum Beispiel die Tomaten stammen und wie sie genau aufgezogen, gedüngt und behandelt wurden.

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Aber in Lebensmitteln sind ja nicht nur natürliche Zutaten.
Es ist ein Unding, dass es 360 offiziell zugelassene Zusatzstoffe gibt. Die benutzt die Industrie vor allem, um die Lebensmittel haltbarer zu machen und die Produktionskosten zu senken.

Das ist doch nicht grundsätzlich verwerflich oder?
Dabei tritt leider in den Hintergrund, dass Lebensmittel vor allem gesund sein sollen. Es sollte doch der oberste Maßstab sein, dass Lebensmittel eine hohe natürliche Qualität haben und nicht vollgepackt sind mit zum Teil belastenden oder womöglich krebserregenden Stoffen.

Zeigt die Belastung des Biers mit dem Pestizid Glyphosat, dass wir strengere Lebensmittelgesetze brauchen?
Auf jeden Fall. Die Gesetze müssen viel stärker die Gesundheit und die natürliche Ernährung des Menschen im Blick haben. Alles, was in irgendeiner Form giftig ist oder in dem Verdacht steht, giftig zu sein, gehört verboten.

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