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13.08.2013

14:29 Uhr

Stellwerkchaos in Mainz

Eisenbahn-Bundesamt rüffelt die Deutsche Bahn

ExklusivDer Personalmangel am Mainzer Stellwerk bringt der Deutschen Bahn auch offiziellen Ärger ein. Das Eisenbahn-Bundesamt rügt das Unternehmen, da es gegen gesetzliche Vorschriften verstoße. Die Bahn muss Rapport erstatten.

Verärgerte Fahrgäste

Zugausfälle in Mainz nehmen zu

Verärgerte Fahrgäste: Zugausfälle in Mainz nehmen zu

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BerlinDas Eisenbahn-Bundesamt (EBA) macht Druck auf die Deutsche Bahn. „Ihnen wird aufgegeben, unverzüglich den sicheren, für die Durchführung des planmäßigen Verkehrs erforderlichen, uneingeschränkten Betrieb des Stellwerkes Mainz wieder aufzunehmen“, heißt es in einem dem Handelsblatt (Mittwochausgabe) vorliegenden Bescheid des EBA vom 12. August, der an die Bahn-Tochter DB Netz AG adressiert ist. Das EBA schreibt der Bahn-Tochter, diese werde durch den Bescheid verpflichtet, dem Bundesamt „alle zwei Wochen schriftlich über die getroffenen und geplanten Maßnahmen zur Verhinderung besetzungsbedingter Nutzungseinschränkungen des Stellwerks Mainz zu berichten“.

Die Aufsichtsbehörde reagiert damit auf die anhaltenden Probleme im Stellwerk Mainz. Wegen Personalmangels im Stellwerk müssen dort ganztägig Züge umgeleitet werden. Das EBA rechnet damit, dass „aufgrund fortbestehend dauerkranker Fahrdienstleiter, anstehender gewährter Urlaube, angefallener und noch auszugleichender Überstunden“ mit Ausfällen „weit über den 30. August hinaus gerechnet werden muss“.

Die wichtigsten Fragen zum Bahnchaos

Ab welcher Verspätung bekommen Bahn-Fahrer eine Entschädigung?

Kommt ein Fahrgast mindestens eine Stunde zu spät am Ziel an, muss das verantwortliche Bahnunternehmen ihm 25 Prozent des Fahrpreises erstatten. Bei zwei Stunden Verspätung sind es 50 Prozent. Maßgeblich ist die Ankunftszeit am Zielort: Ist also ein erster Zug nur fünf Minuten verspätet, und kommt ein Bahnkunde durch einen dann verpassten Anschlusszug über eine Stunde später am Zielort an, erhält er eine Entschädigung. Wird im schlimmsten Fall eine Übernachtung nötig, muss die Bahngesellschaft die Kosten für ein Hotelzimmer tragen. Bei einer zu erwartenden Verspätung von 20 Minuten am Zielbahnhof kann der Fahrgast einen anderen Zug nehmen - auch einen höherwertigen.

Wie entschädigt die Deutsche Bahn Pendler mit Zeitkarten?

Besitzer von Streckenzeitkarten erhalten bei Verspätungen von einer Stunde eine pauschale Entschädigung. Bei Zeitkarten im Nahverkehr - aber auch bei Länder-Tickets und dem Schönes-Wochenende-Ticket - gibt es in der zweiten Klasse 1,50 Euro. Im Fernverkehr werden pauschal fünf Euro gezahlt. Grundsätzlich werden bei Zeitkarten maximal 25 Prozent des Fahrkartenwertes erstattet.

Wann muss die Bahn kein Geld zahlen?

Die Bahn zahlt Entschädigungen erst ab einer Bagatellgrenze von vier Euro. Bahn-Kunden mit Zeitkarten im Nahverkehr müssen also mindestens drei Verspätungen von mindestens 60 Minuten im Gültigkeitszeitraum der Fahrkarte einreichen, um eine Entschädigung zu erhalten. Nicht für Verspätungen haften müssen Bahnunternehmen, wenn die Ursache der Verspätung nicht in der Organisation des Bahnbetriebs liegt, also beispielsweise bei bestimmten Unfällen oder bei Folgen von Unwetter und Streiks, welche für die Bahn nicht beherrschbar sind.

Können Bahn-Fahrer bei einer Verspätung auch von einer Reise zurücktreten?

Zeichnet sich eine Verspätung von mehr als 60 Minuten ab, kann der Reisende auch auf die Fahrt verzichten und den kompletten Fahrpreis zurückverlangen. Ebenso kann er die Fahrt zu einem späteren Zeitpunkt beginnen und dann auch eine andere Streckenführung wählen.

Wie kann ich eine Entschädigung beantragen?

Die meisten Bahnunternehmen haben ein gemeinsames Beschwerdeformular, das etwa in den Servicezentren der Deutschen Bahn oder im Internet auf einer Gemeinschaftsseite der Anbieter erhältlich ist (http://www.fahrgastrechte.info). Das Formular können Reisende beim Anbieter einreichen, dessen Zug ausgefallen ist - entweder beim Begleitpersonal im Zug oder in den Fahrkarten-Verkaufsstellen an den Bahnhöfen. Wer keine Bestätigung für die Verspätung hat, nur eine Kopie der Fahrkarte einreichen will oder etwa eine Zeitkarte besitzt, muss sich per Post an das Servicecenter Fahrgastrechte wenden. Entschädigungen müssen die Bahn-Anbieter auf Wunsch bar auszahlen, ansonsten als Gutschein oder per Überweisung.

Wo gibt es Hilfe bei Streitfällen?

Die Bahnunternehmen müssen Beschwerden von Fahrgästen nach spätestens drei Monaten bearbeitet haben. Bei Streitfällen vermittelt die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) zwischen Kunden und Unternehmen. In mehreren Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen gibt es auch regionale Schlichtungsstellen.

Das EBA kommt zu dem Schluss, dass die DB Netz AG gegen ihre gesetzlichen Pflichten verstoßen hat. Das Unternehmen sei verpflichtet, das Stellwerk während der planmäßigen Betriebszeiten sicher zu betreiben. Dazu gehöre auch, dass „genügend und qualifiziertes Person zur Verfügung steht“. Die DB Netz AG habe durch die angeordnete Nutzungseinschränkung des Stellwerk den Bahnbetrieb „erheblich tangiert“.

In dem Bescheid heißt es weiter, der Stellwerksbereich Mainz sei „hoch belastet und für eine qualitativ hochwertige Erbringung der Eisenbahnverkehrsleistungen überregional notwendig“. Ohne Besetzung des Stellwerkes seien „netzweite Auswirkungen im Personenfernverkehr und im Güterverkehr“ zu erwarten.

Die Bahntochter DB Netz hat zum Bahn-Krisengipfel hat dagegen eine Entspannung der kritischen Situation am Mainzer Hauptbahnhof angedeutet. „Ich glaube, dass wir ein Stück Aufklärung leisten können und ein Stück weiterkommen“, sagte der Vorstandschef der DB Netz AG, Frank Sennhenn, am Dienstag vor Beginn des Treffens in Mainz.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Alexander Kirchner, gibt es bereits einen weiteren Fahrdienstleiter im Mainzer Stellwerk. „Das hat die Probleme ja nicht entschärft“, kritisierte er. Seit über einer Woche plagen den Mainzer Hauptbahnhof Zugausfälle und Umleitungen, weil von 15 Fahrdienstleitern etwa die Hälfte krank oder im Urlaub ist. Bahnchef Rüdiger Grube macht die Personalprobleme zur Chefsache und wird an diesem Mittwoch mit dem Vorstand der Gewerkschaft in Frankfurt darüber sprechen.

Von

str

Kommentare (3)

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Bmehrens

13.08.2013, 15:14 Uhr

Das merken die jetzt plötzlich? Was machen die denn eigentlich so den ganzen Tag? Wahrscheinlich so mit 300 BEAMTEN besetzt und jetzt haben die EINEN Brief geschrieben!

Boehm

14.08.2013, 00:23 Uhr

Vielleicht könnte hinter der zeitnahen mehrfachen Krankenmeldungen auch ein sabotageähnlichen Versuch der Bediensteten stehen. Wenn nicht, dann sind es außergewöhnliche Umstände, denen gegenüber kein Betrieb gefeit ist.

Account gelöscht!

14.08.2013, 01:01 Uhr

Auch in vielen anderen Betrieben in jeder Größenordnung weiß man doch normalerweise vorher, daß es in der Urlaubszeit personelle Engpässe geben kann. Auch Krankheitsfälle können immer vorkommen (oder dazukommen). War es da überhaupt nicht möglich, rechtzeitig Personal aus anderen Bahnhöfen dorthin abzustellen? Welch ein Saftladen!
Oder ist das wieder mal typisch Bahn? (:

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