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20.07.2015

14:12 Uhr

Steuererhöhung in Griechenland

Tintenfisch, Lidl und die griechische Mehrwertsteuer

VonMartin Dowideit

Als eines der ersten neuen Reformgesetze ist in Griechenland die Erhöhung der Mehrwertsteuer in Kraft getreten. Ein deutscher Discounter nutzt das für eine Werbekampagne – und bekommt Gegenwind.

Je nach Art der Zubereitung fällt in Griechenland unterschiedliche Mehrwertsteuer auf Tintenfisch an. Imago

Tintenfisch in griechischem Hafen

Je nach Art der Zubereitung fällt in Griechenland unterschiedliche Mehrwertsteuer auf Tintenfisch an.

DüsseldorfSeit heute gilt die Mehrwertsteuer-Erhöhung in Griechenland – und mit ihr treten einige Besonderheiten in Kraft. Für frischen Tintenfisch, gekühlt oder gefroren, werden weiterhin 13 Prozent fällig. Doch für getrockneten, gesalzenen oder geräucherten Tintenfisch gilt jetzt der Satz von 23 Prozent. Das gleiche gilt für Souvláki. Für die meist mit Schweinefleisch zubereiteten Spieße gilt der niedrigere Satz von 13 Prozent. Doch wer ein paar Paprikastücke oder Tomaten mit aufspießt, der muss 23 Prozent Mehrwertsteuer an den Staat weiterleiten.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Die Steuererhöhung ist eines der ersten Reformgesetze, das nach der vorläufigen Einigung mit den internationalen Gläubigern über die künftige Finanzierung des Staats in Kraft getreten ist. Die Regierung erhofft sich von den Steuererhöhungen jährliche Mehreinnahmen in Höhe von 2,4 Milliarden Euro ab 2016 und von 795 Millionen Euro im laufenden Jahr. Der Chef des Verbands griechischer Restaurant-Betreiber, Thanassis Papanikolaou, hatte bereits im Juni gewarnt, dass eine Mehrwertsteuer-Erhöhung Tausende Stellen kosten würde. Schon die Anhebung auf 23 Prozent für Dienstleistungen im Jahr 2011 habe 40.000 Stellen gekostet.

In allen Tavernen und Bars etwa werden künftig nicht nur für die Dienstleistungen, sondern auch für die servierten Getränke und Gerichte 23 Prozent Steuer fällig. „Unser Ouzo und Moussaka werden ab Montag leider teurer“, sagte Kostas Sarafis, ein Kellner in der Taverne „Zorbas“ unterhalb der Akropolis von Athen.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras ist zwar nach eigenen Worten nicht überzeugt, dass die zugesagten Spar- und Reformmaßnahmen seinem Land aus der Krise helfen werden. Aber er will das Programm dennoch umsetzen. Sonst bleiben auch die neuen Milliarden-Hilfen der Gläubiger aus. Gegner der Auflagen entließ Tsipras daher aus seiner Regierung und ersetzte sie durch enge Mitarbeiter.

Griechen zur Mehrwertsteuer

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Zudem sollen in Griechenland ab 1. Oktober alle Steuervergünstigungen für die Inseln in der Ägäis abgeschafft werden. Bislang galt für diese Inseln eine Mehrwertsteuer, die 30 Prozent niedriger war als auf dem Festland. Ausgenommen sind kleinere Inseln, wo der Tourismus gefördert werden soll. Am kommenden Mittwoch soll eine Reihe von Gesetzen verabschiedet werden, mit denen fast alle Steuervergünstigungen für die griechischen Bauern abgeschafft werden sollen. Die Maßnahmen sind höchst umstritten. Außerdem geht es um weitere Details der Rentenreform und Gesetze zur Modernisierung des Justizsystems und des Bankenwesens.

Kommentare (12)

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Herr Fred Meisenkaiser

20.07.2015, 13:23 Uhr

Vielleicht kann Lidl seine minderwertigen und in Griechenland übertreuerten oft deutschen Produkte nun an den Mann bringen.
Bisher waren die einheimischen Produkte um Welten besser und kaum teurer.

Frau Ich Kritisch

20.07.2015, 13:49 Uhr

na sowas aber auch...
hat er doch tatsächlich beim Einkauf am Sonntag mehr bezahlen müssen ...


Herr Martin Zuehlke

20.07.2015, 14:12 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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