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12.03.2012

09:08 Uhr

Strategien der Konzerne

So machen uns Marken süchtig

VonThorsten Giersch

In westlichen Staaten sind deutlich mehr Menschen kaufsüchtig als vom Alkohol abhängig. Die Sucht nach teuren Marken zerstört Existenzen. Betreiben die Konzerne das böse Spiel mit Absicht?

Kein Halten mehr? Immer mehr Menschen werden markensüchtig. dapd

Kein Halten mehr? Immer mehr Menschen werden markensüchtig.

DüsseldorfCarolyn Longmead ist eine Sekretärin mittleren Alters, nie besonders auffällig, scheinbar ein Mensch wie du und ich. Bis aufflog, dass sie über zwei Jahre hinweg in dem kleinen Elektroladen rund 225.000 Dollar mitgehen ließ.

Doch sie brauchte das Geld nicht, um ihr Eigenheim abzubezahlen oder ihrem Kind das Studium zu finanzieren. Carolyn Longmead war markensüchtig. Die Ermittler fanden in ihrem Haus derart viele Produkte von Louis Vuitton, Prada und Gucci, dass sie 27 Müllsäcke brauchten, um alles abzutransportieren.

Rund sechs Prozent der US-Bevölkerung - für Deutschland gibt es so konkrete Zahlen nicht - sind kaufsüchtig. Das sind mehr als dem Alkoholismus verfallen. Die Markensucht ist eine wesentliche Unterform davon. Die direkten Folgen gehen – vom finanziellen Schaden mal ganz abgesehen – über Essstörungen bis hin zum Drogenmissbrauch. „Marken- und Kaufsucht sind vielleicht nicht so lebensbedrohlich wie Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit, doch sehr real – und im Extremfall äußerst belastend“, schreibt Martin Lindstrom in seinem heute erscheinenden Buch „Brandwashed. Was du kaufst, bestimmen die anderen“.

Die Marketing-Tricks der Konzerne

Der Fachmann

Martin Lindstrom deckt in seinem Buch „Brandwashed. Was du kaufst, bestimmen die anderen“ (Campus Verlag) die Geheimnisse der Marketingwelt auf. Er war 20 Jahre ein bedeutender Teil davon und ist nun ausgestiegen, verfolgt aber intensiv die Forschung. Seine wichtigsten Zitate.

Über die Tricks der Firmen

Eines steht fest: Ob sie künstlich Begierde erzeugen, Produkten suchtfördernde chemische Eigenschaften verleihen oder Einkaufen und Geldausgeben zum fesselnden Spiel machen – Unternehmen werden immer besser darin, unsere Psyche so zu manipulieren, dass wir ihren Marken und Produkten treu bleiben

Über Bierwerbung für Kinder

Ein neun Jahre altes Kind, das die Budweiser-Frösche wiedererkennen und ihren Werbespruch aufsagen kann, ist ein aussichtsreicher Kandidat für baldiges Bier-Trinken.

Über Bonusprogramme

Eines dürfen Sie mir glauben: Unternehmen nutzen diese Daten, um uns unbemerkt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Loyalitätsprogramme existieren nur aus einem einzigen zwielichtigen Grund: Um Sie zu überreden, mehr zu kaufen.

Über die Verführung von Kunden

Die Marketingabteilungen der Konzerne „wissen mehr denn je zuvor alles, was uns antreibt, Angst macht, beruhigt oder verführt“. Ihre Produkte sollen uns selbstbewusster, geliebter und sicherer machen.

Über die Wirkung von Werbung

Warum das alles so funktioniert? Tja, Sie wissen doch: Ihr Gehirn ist so beschaffen, dass es an etwas glauben möchte – und dabei ist es nicht wählerisch. Aus diesem Grund lassen sich die Unternehmen laufend neue, raffinierte Methoden einfallen.

Über Nahrungsmittel, die uns süchtig machen

Einige Lebensmittel machen abhängig, weil ihre Hersteller die Rezepturen gezielt um entsprechende Mengen gewöhnungsbildender Substanzen wie Mononatrium-Glutamat, Koffein, Maissirup und Zucker anreichern. Fett- und kalorienreiche Nahrungsmittel haben auf das Gehirn eine ähnliche Wirkung wie Kokain und Heroin.

Darüber wer bestimmt, wohin das Geld geht

Kinder bestimmen, wofür Familien Geld ausgeben. Sie beeinflussen Großeltern, Babysitter und so weiter. Die Verhandlungsmethoden sind immer dieselben: Verhandeln, Szenen machen, Vater und Mutter gegeneinander ausspielen sowie das heimliche Einschleusen.

Über die, die an unseren Ängsten verdienen

Angst besitzt eine enorme Überzeugungskraft und Sie können davon ausgehen, dass Marketingfachleute das nicht nur wissen, sondern ungeniert nach allen Regeln der Kunst ausschlachten.

Über unsere Reinlichkeitssucht

Shampoo-Hersteller haben bemerkt, dass allein die Menge an Bläschen, die ein Shampoo erzeugt, ein Gefühl von Frische und Reinlichkeit vermittelt. Manche Unternehmen sind soweit gegangen, eine Chemikalie zu entwickeln die das Auftreten der Bläschen verstärkt.

Über den Sinn von Online-Spielen

Marketing-Spezialisten nutzen Spiele, um uns zu Shopaholics zu machen. Sie haben herausgefunden, dass durch das wiederholte Spielen nicht nur eine Abhängigkeit von dem Spiel selbst entsteht, sondern durch Neuvernetzung unseres Gehirns auch vom Akt des Einkaufens.

Über Schuldgefühle

Schuldgefühle sind für mich wie eine globale Epidemie, deren Erreger von niemandem effektiver verbreitet werden als von Marketing- und Werbeprofis.

Über die Kaufsucht

Marken- und Kaufsucht sind vielleicht nicht so lebensbedrohlich wie Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit, doch sehr real – und im Extremfall äußerst belastend.

Über Asien, wo es noch schlimmer ist

Nirgendwo in der Welt sind die Menschen so empfänglich für Brandwashing wie in Asien. Hier ist es völlig normal, dass eine Frau ein Monatsgehalt beiseite legt, um sich ein Paar Prada-Schuhe zu kaufen. Mehr noch als in den USA ist man in Asien, was man trägt.

Über Werbung, die uns krank macht

Pharmaunternehmen rufen uns nicht nur de schlimmen Dinge ins Bewusstsein, die uns eines Tages heimsuchen könnten. Sie geben auch jedes Jahr Millionen aus, um in uns die Ängste vor Krankheitsbildern zu wecken, vor denen wir  zuvor gar keine Angst hatten.

Über Konzerne, die uns absichtlich süchtig machen

Nach dem, was ich in 20 Jahren Arbeit mit der manchen der erfolgreichsten Marken der Welt in Vorstandsetagen und Hinterzimmern erlebt habe, können Sie davon ausgehen, dass diese Leute eine Menge cleverer Tricks auf Lager haben, um uns in diese Richtung zu treiben und Suchtgefühlen Vorschub zu leisten.

Das Buch ist ein Muss für jeden, der sein Konsumverhalten besser durchschauen will oder schlicht daran interessiert ist, wie wir Ottonormalbürger bei unserem täglichen Einkauf ausgenutzt werden. Oder warum in einer repräsentativen Umfrage unter Teenagern 60 Prozent ja sagen auf die Frage, ob man sich Glück kaufen kann.

Lindstrom ist einer der bekanntesten Marketing-Gurus der Welt. Kein anderer Fachmann verbindet die Markenforschung so intensiv mit der Praxis – zu Lindstroms Klienten zählten zig Top-Konzerne.

Wir sind nach vielem abhängig: Alkohol, Zigaretten, Medikamenten, unseren Smartphones. Aber nur die Wenigsten sind sich bewusst, was die häufigste aller Abhängigkeiten ist: die Sucht nach Konsum und Marken. Damit sind nicht nur die „Apple-Jünger“ gemeint, die Tage vor den Stores kampieren, um möglichst früh das neue iPhone oder iPad zu bekommen. Es sind auch zig tausend Menschen, die jeden Morgen einen Starbucks-Kaffee brauchen – also nicht irgendeinen Kaffee, sondern unbedingt einen Becher mit der grünen Sirene drauf.

Kommentare (4)

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YaKLkasLF

12.03.2012, 11:03 Uhr

Das Buch reihe ich ein in die Liste "Das brauche ich nicht". Der Artikel ist Marketing pur für das Buch. "Es ist eben einfacher ein Paar hippe Turnschuhe zu kaufen, als seine Persönlichkeit zu ändern." Was muss den Willen haben, den Verführungen/Versprechungen zu widerstehen.

beate

12.03.2012, 15:00 Uhr

Was für ein blödsinniger Kommentar. Nur weil das Buch "Brandwashed" heißt und aufzeigen will, wozu die Werbeindustrie in der Lage ist, um uns zu manipulieren, heißt es doch nicht, dass das Buch nicht vermarktet werden darf. Wie soll es denn sonst Aufmerksamkeit erregen? Ich habe dieses Buch schon auf englisch gelesen und muss sagen, dass es viele interessante Themen gibt. Einiges war mir vielleicht schon klar, aber andere Dinge haben mich doch ziemlich erstaunt. Mir hat es geholfen, die Marken- bzw. Marketingwelt mit etwas anderen Augen zu betrachten. Und dieses Buch will bestimmt nicht dazu auffordern, sich komplett vom Konsum zu lösen, oder aber Werbung zu verbieten. Aber wer es noch nicht gelesen hat, kann es auch nicht wissen. und wer es nie lesen wird, wird es auch nie erfahren

YaKLkasLF

12.03.2012, 21:45 Uhr

Wer spricht "von nicht dürfen"?
Ich habe meine Meinung zu dem Artikel abgegeben und für mich entschieden, dass ich das Buch nicht brauche. Das Buch selber wurde von mir nicht kommentiert. Sie treffen Ihre Entscheidung und Beides ist gut so. Der Artikel selbst ist Werbung pur für das Buch. Er bewirbt ein Produkt und will zum Kauf des Buches VERFÜHREN. Der Artikel bedient sich Praktiken, die in demselben dem Buch entnommen, negativ dargestellt sind. Für mich ist es die Frage von Eigenverantwortung, ob ich den Verführungen der Anbieter von Produkten und Dienstleistungen nachgebe. Es hat auch etwas mit Persönlichkeit zu tun, sicher nicht mit Blödsinn. Ich will nicht ausschließen, vorbelastet zu sein, denn ich habe Marketing studiert und praktiziert. Vielleicht fällt es mir dadurch leichter, auch NEIN sagen zu können. Übrigens bekam ich vor kurzem das Buch "Die Kunst des stilvollen Verarmens - Wie man ohne Geld reich wird" von Alexander von Schönburg geliehen, welches mir in meinem Bestreben, "zu Leben, aber nicht zu Verzichten" Anregungen gegeben hat.
Ich werde Ihnen Ihre Entscheidung nicht vorschreiben.

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