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15.03.2012

16:50 Uhr

Streichliste

Schlecker macht acht Warenlager dicht

Die Schlecker-Insolvenz kostet nicht nur Beschäftigte in den Filialen, sondern auch in den Warenlagern den Job. 840 Arbeitsplätze fallen weg. Die Beschäftigten demonstrieren und rufen zur Solidarität auf.

Auch Warenlager der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker werden geschlossen. dpa

Auch Warenlager der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker werden geschlossen.

EhingenDie Schlecker-Filialschließungen sind auf dem Weg - nun folgt die Aufgabe der größeren Lager. Wie die insolvente Drogeriekette am Donnerstag mitteilte, wird es künftig nur noch fünf statt bisher 13 Lager-Standorte geben. 840 Jobs fallen weg. Sie sind in der von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz angekündigten Zahl von 11.750 Beschäftigten enthalten, die ihre Arbeitsplätze verlieren.

Geiwitz erklärte, bis Ende der Woche oder Anfang kommender Woche eine Lösung zum Sozialplan beziehungsweise für eine Transfergesellschaft finden zu wollen. Davon hängt auch ab, ob seine Pläne zur Rettung der Drogeriekette gelingen.

Verdi demonstrierte am Donnerstag mit Aktionen in ganz Deutschland für Solidarität mit den Schlecker-Beschäftigten. Am Nachmittag wollte Verdi-Chef Frank Bsirske auf einer Kundgebung in Berlin sprechen. In Schweinfurt protestierten laut der Dienstleistungsgewerkschaft rund 300 „Schleckerfrauen“. In Nürnberg zogen rund 250 Frauen nach Gewerkschaftsangaben vor die örtliche CSU-Geschäftsstelle, um eine Resolution zu übergeben, in der sie die Bundesregierung und auch den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) auffordern, sich etwa für eine Unterstützung einer Transfergesellschaft durch den Bund einzusetzen.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Auch in Baden-Württemberg, wo wie in Bayern mehrere hundert Filialen schließen sollen, wurde demonstriert. In Stuttgart kamen rund 300 Beschäftigte zu einer Betriebsversammlung und versammelten sich anschließend vor dem örtlichen Gewerkschaftshaus. Der Verdi-Verhandlungsführer bei Schlecker, Bernhard Franke, warb ebenfalls dafür, die Bundesregierung solle eine Transfergesellschaft möglich machen.

In Hessen trafen sich Beschäftigte wie andernorts zu Betriebsversammlungen. Betriebsrätinnen besprachen mit den Kolleginnen auch die Kündigungslisten, die sie bereits von Geiwitz erhalten hatten. Allein in Rüsselsheim kamen nach Verdi-Angaben 250 Menschen zusammen, die ihren Unmut auch bei einem Demonstrationszug durch die Stadt äußerten. „Die Stimmung schwankt zwischen Wut und Verzweiflung“, sagte Horst Gobrecht von Verdi Südhessen.

Vollständige Standortliste: Welche Filialen Schlecker schließt

Vollständige Standortliste

Welche Filialen Schlecker schließt

In der 40 Seiten langen Übersicht finden sich Märkte von Aachen bis ins niederbayerische Zwiesel.

Die insolvente Drogeriekette hatte am Mittwoch eine Liste mit mehr als 2000 Filialen veröffentlicht, die Ende März schließen sollen. Geiwitz sieht die radikale Reduzierung der Schlecker-Filialzahlen und den Umbau der Lager als Teil eines Konzepts, das Schlecker überlebensfähig machen soll. Die Kette will ihre Waren künftig mit rund 560 Mitarbeitern aus Ehingen (Baden-Württemberg), Pohlheim (Hessen), Falkenhagen (Brandenburg), Melle (Niedersachsen) und Schleiz (Thüringen) verteilen. Der Umbau soll zum 1. August abgeschlossen sein.

Die Lager in Schwarmstedt (Niedersachsen), Luckau (Brandenburg), Grevenbroich (Nordrhein-Westfalen), Herda (Thüringen), Kürnach (Bayern), Alzey (Rheinland-Pfalz), Empfingen (Baden-Württemberg) und Nittendorf (Bayern) fallen weg. In den Schlecker-Filialen, die auf einer Streichliste stehen, gab es derweil nach Schlecker-Angaben viel Interesse für den Räumungsverkauf. Alle Produkte außer preisgebundener Ware wie Zigaretten oder Zeitschriften seien um 30 Prozent reduziert.

Die Ulmer Bundestagsabgeordnete und Sprecherin der SPD-Linken, Hilde Mattheis, machte sich in einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) für einen KfW-Kredit stark, den der Bund bislang strikt ablehnt. Gegen solche Staatshilfe sprach sich der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, aus. Er sagte in Ulm: „Wenn Schlecker geholfen wird, müsste auch den vielen notleidenden Mittelständlern geholfen werden.“

Von

dpa

Kommentare (4)

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weiter_so

15.03.2012, 12:45 Uhr

Also doch: eine Restrukturierung, die als Insolvenz verkauft werden soll.
Feines Change Management...: da kann man doch nur kotzen.

change_to_wth

15.03.2012, 12:58 Uhr

und man darf dabei nicht vergessen: alles legal.
deswegen auch der Insolvenzverwalter.
Nicht nur die Marke kommt so in den Eimer: nein, gleich der ganze Konzern.

Die Suppe werden die alle da ganz alleine auslöffeln müssen.

btw

15.03.2012, 13:01 Uhr

Schlecker entwickelt sich zur Deathtrap.
Sowas ist natürlich unschön.

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