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27.05.2013

16:46 Uhr

Streik in Leipzig

„Bei Amazon herrscht keine heile Welt“

In Leipzig streiken rund 500 Amazon-Mitarbeiter. Verdi glaubt, den Internet-Versandriesen empfindlich treffen zu können. Doch so berechtigt das Anliegen der Streikenden sein mag, so ungewiss sind die Erfolgschancen.

Die Gewerkschaft Verdi fordert für die Amazon-Beschäftigten einen Tarifvertrag zu den Konditionen des Einzel- und Versandhandels. Das Unternehmen lehnt dies bisher ab. dpa

Die Gewerkschaft Verdi fordert für die Amazon-Beschäftigten einen Tarifvertrag zu den Konditionen des Einzel- und Versandhandels. Das Unternehmen lehnt dies bisher ab.

Leipzig/Saarbrücken/DüsseldorfIm Streit um einen Tarifvertrag haben Beschäftigte des Online-Versandhändlers Amazon in Leipzig am Montag zum zweiten Mal die Arbeit niedergelegt. In der Früh- und Spätschicht waren zusammen rund 500 Beschäftigte im Streik, wie Verdi-Fachbereichsleiter Jörg Lauenroth-Mago sagte. Trotz der kühlen und regnerischen Witterung harrten sie vor dem Werkstoren aus.

„Vom Streikablauf her ist alles in Ordnung, nun muss nur noch die Geschäftsführung reagieren“, sagte Lauenroth-Mago. Insgesamt sind in Leipzig 2000 Menschen beschäftigt. Am Morgen hatte sich Lauenroth-Mago kampfeslustig gezeigt: „Wir wollen zeigen, dass bei Amazon keine heile Welt herrscht, sondern eine große Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen.“

Die Gewerkschaft fordert für die Amazon-Beschäftigten einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels. Die Mitarbeiter sollen ein tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Nachtarbeitszuschläge, Sonn- und Feiertagszuschläge bekommen, wie sie in der Branche üblich seien. Es sei nicht akzeptabel, dass Amazon als der größte Online-Versandhändler keiner Tarifbindung unterliege.

Das US-Unternehmen lehnt dies ab und orientiert sich nach eigenen Angaben an der Bezahlung in der Logistikbranche. Wegen des Streiks in Leipzig würden keine Auswirkungen für die Kunden erwartet, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Wegen Leiharbeit kritisierte Firmen

Daimler

In der ARD-Reportage „Hungerlohn am Fließband“ (ausgestrahlt am 13. Mai 2013) wird gegen Daimler der Vorwurf erhoben, illegal Leiharbeiter über Werkverträge zu beschäftigen. Das Unternehmen hat die Vorwürfe zurückgewiesen und dem ausführenden SWR unter anderem vorgeworfen, Passagen des 45-minütigen Films „fingiert“ zu haben. Für die Reportage hatte ein Reporter verdeckt für zwei Wochen im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim gearbeitet.

Amazon

Februar 2013: Eine ARD-Fernsehreportage über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt für Wirbel. Die Saisonarbeiter sollen dem Bericht zufolge von privaten Sicherheitsdiensten schikaniert worden sein.

BMW

September 2012: BMW kündigt an, die Leiharbeiterquote im Gesamtunternehmen auf acht Prozent zu begrenzen. Zuvor gab es einen jahrelangen Streit mit der Gewerkschaft IG Metall über den Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitnehmer-Vertreter geben an, zu Spitzenzeiten habe die Quote bei über 15 Prozent gelegen.

Deutsche Post DHL

Mai 2012: Internationale Gewerkschaften werfen der Deutschen Post DHL vor, außerhalb Europas Arbeitnehmerrechte zu verletzen. Die Logistiktochter DHL habe eine „beschämende Bilanz“ beim übermäßigen Einsatz von schlecht bezahlten Zeit- und Leiharbeitern. Die Deutsche Post teilt mit, sie arbeite gemäß nationaler Gesetze und Gepflogenheiten der jeweiligen Länder.

GLS

Mai 2012: In einer TV-Reportage berichtet Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche beim Paketzusteller GLS: Fahrer seien dort zu schwer durchschaubaren Bedingungen und in oft nur mündlichen Verträgen als Subunternehmer verpflichtet worden. Leiharbeiter würden zu Dumpinglöhnen scheinselbstständig angeheuert. GLS weist die Vorwürfe zurück.

Zalando

Juli 2012: Das ZDF berichtet über die Arbeitsbedingungen bei einem Dienstleister des Internet-Versandhandels Zalando in Großbeeren (Brandenburg). Ein großer Teil der Lagerarbeiter dieses Dienstleisters sei als Leiharbeiter beschäftigt. Sie dürften sich während ihrer Arbeitszeit nicht hinsetzen und erhielten nur den Mindestlohn von 7,01 Euro pro Stunde. Zalando weißt darauf hin, dass die 7,01 Euro der Einstiegslohn in der Zeitarbeit in Ostdeutschland sei. Feste Mitarbeiter würden mehr verdienen. Inzwischen hat Zalando ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung umgesetzt.


Ein für den Nachmittag geplantes Treffen mit Kommunalpolitikern hatte Amazon wegen des Streiks wieder abgesagt. Kunden, Medienvertreter und Politiker würden regelmäßig in die Logistikzentren eingeladen. Nachdem klar gewesen sei, dass gestreikt werde, seien die Politiker informiert worden, „dass der Eingang unseres Standorts unter Umständen schwer zu erreichen sein wird und dass Lärm unser Gespräch stören könnte - denn der Konferenzraum liegt zur Straße“, begründete Amazon die Verschiebung des Treffens. Gewerkschafter Lauenroth-Mago bedauerte dies. „Die Streikenden hätten auch gern mit den Politikern über ihr Anliegen gesprochen“, sagte er.

Anders als beim ersten Streik am 14. Mai waren am Montag am größten deutschen Amazon-Standort im osthessischen Bad Hersfeld keine Protestaktionen geplant. In Sachsen und Hessen hatten sich die Verdi-Mitglieder von Amazon in Urabstimmungen für den Arbeitskampf entschieden. Amazon hat in Deutschland acht Versandlager und rund 9000 Mitarbeiter.

Doch so berechtigt das Anliegen der Streikenden ist, so ungewiss erscheinen im Moment die Erfolgschancen. Schon als 700 Leipziger Amazon-Mitarbeiter vor zwei Wochen zum ersten Mal in Deutschland gestreikt haben, hat das den Internet-Konzern nicht wirklich getroffen. Kein Verbraucher habe seine Bestellung wirklich später als üblich erhalten, hieß es bei Amazon.

Kommentare (11)

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AxelSiegler

27.05.2013, 11:52 Uhr

"große Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen" > na dann kündigt halt - aber hört auf anderen Eure frech-faulen Vorstellungen aufzuzwingen!

hansprag

27.05.2013, 12:46 Uhr

ich kann Amazon nur raten nach Polen oder Tschechien auszulagern. Hier waeren die Buerger gluecklich solch gute Arbeitsbedingungen zu haben und kein Medienvertreter wuerde sich an einem derartigen Bashing einer erfolgreichen Firma beteiligen. Auch Kaempfe einer "Gewerkschaft" gegen das Unternehmen sind unvorstellbar.

Puki

27.05.2013, 13:13 Uhr

Ich verstehe die Forderung überhaupt nicht. Einzelhandelstarif für Amazon? Was zum Teufel.... das ist ein Logistiker, die Leute haben keinen direkten Kundenkontakt, die wuseln von einem Regal zum nächsten. Logistiker nicht Einzelhändler = Logistik-Tarifvertrag o_O

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