Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.09.2014

14:57 Uhr

Streit bei der Bahn

Wenn Lokführer handgreiflich werden

VonKaren Grass

Beleidigungen, massive Anfeindungen, Handgreiflichkeiten: Bei der Deutschen Bahn scheint die Belegschaft aktuell gespalten. Hintergrund ist der Konkurrenzkampf zweier Gewerkschaften, der nun wohl auch Kollegen entzweit.

Sie streikten zuletzt zwei Mal: Mitglieder der Lokführergewerkschaft GdL. Das belastete nicht nur Fahrgäste, sondern auch andere Bahn-Mitarbeiter, die als Streikbruch vorwerfen lassen mussten. dpa

Sie streikten zuletzt zwei Mal: Mitglieder der Lokführergewerkschaft GdL. Das belastete nicht nur Fahrgäste, sondern auch andere Bahn-Mitarbeiter, die als Streikbruch vorwerfen lassen mussten.

DüsseldorfBei der Deutschen Bahn fliegen die Fetzen – nicht nur zwischen dem Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern, sondern auch von Angesicht zu Angesicht, zwischen direkten Kollegen. Grund ist der sich zuspitzende Machtkampf zwischen den Arbeitnehmervertretungen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Seit der Grundlagentarifvertrag für Bahnmitarbeiter im Juni ausgelaufen ist, erhebt die GDL den Anspruch, neben Lokführern auch Zugbegleiter und Personal in den Bordbistros der Bahn vertreten zu wollen. Diese werden wie drei weitere Berufsgruppen bisher von der EVG vertreten, die das Wildern in ihrem Zuständigkeitsbereich in der aktuell laufenden Tarifrunde nicht einfach hinnehmen will.

Unter Kollegen entlädt sich das in einem Streit über die „richtige“ Gewerkschaft, etwa in Communities wie dem Bahner-Forum, wo „Schienenputzer“ an „Valenca“ schreibt: „Bisher hatte jeder kleine Streik seine Wirkung [...] gezeigt, es muss nicht immer der volle Kollaps sein [...]! Wir sind nicht die EVG, die in den Hinterstuben streikt, und sich dann brüstet wie erfolgreich man war.“

Nicht immer bleibt es bei harmlosen Diskussionsbeiträgen: So sollen Lokführer von Kollegen als „Arschlöcher“ bezeichnet worden sein, weil sie sich nicht an Streiks beteiligten. Auch zu tätlichen Auseinandersetzungen soll es in einigen Unterbetrieben der Bahn, vor allem im Fern- und Regionalverkehr schon gekommen sein, zumindest haben das Betriebsratsvertreter in den Flächenbetrieben an den Gesamtbetriebsrat gemeldet. Der sieht sich nun gezwungen, die sich aufschaukelnde Situation in einer Sonderausgabe seines Informationsbriefes aufzugreifen.

Spartengewerkschaften

Spartengewerkschaften – die mit der großen Macht

Klein, aber schlagkräftig: Im Luftverkehr, aber auch bei der Bahn und bei Medizinern gibt es einflussreiche Spartengewerkschaften, deren Arbeitskämpfe häufig weitreichende Folgen für die Bürger haben. Einige Beispiele.

Vereinigung Cockpit

Der „Verband der Verkehrsflugzeugführer und Flugingenieure in Deutschland“ setzt sich für die Interessen von rund 9300 Cockpit-Besatzungsmitgliedern aus allen deutschen Airlines und von Verkehrshubschrauberführern ein.

Gewerkschaft der Flugsicherung

Zu den etwa 3900 Mitgliedern gehören Lotsen in den Towern, bei der militärischen Flugsicherung und bei den Vorfeldkontrollen.

Unabhängige Flugbegleiter Organisation

Nach eigenen Angaben ist sie die einzige deutsche Gewerkschaft, die sich ausschließlich für das fliegende Kabinenpersonal einsetzt. Die Ufo hat gut 10.000 Mitglieder.

Arbeitnehmergewerkschaft im Luftverkehr

Die erst Ende 2012 gegründete Gruppierung gilt als neuer Machtfaktor im Lufthansa-Konzern. Nach eigenen Angaben vertritt sie alle Beschäftigten von Fluggesellschaften, Airportbetreibergesellschaften und Dienstleistungsunternehmen mit Bezug zur Luftfahrtbranche.

Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer

Sie hat rund 34.000 Mitglieder und ist Tarifpartner der Deutschen Bahn und mehrerer Privatbahnen. Nach eigenen Angaben organisiert sie mehr als 80 Prozent der Lokomotivführer und zahlreiche Zugbegleiter.

Marburger Bund

Die nach eigenen Angaben einzige tariffähige Ärztegewerkschaft in Deutschland kämpft unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen ihrer rund 115.000 Mitglieder in Kliniken.

„Wir haben jetzt keine Mails bekommen 'Herr Müller hat Herr Meier geboxt' oder so“, sagt eine Sprecherin des Konzernbetriebsrats. „Aber uns wurden jetzt mehrfach Auseinandersetzungen gemeldet, die weit über eine normale Diskussion hinaus gingen.“ Was konkret passiert ist, darüber könne sie keine Auskunft geben, so die Sprecherin. Doch der Informationsbrief spricht für sich. Der Betriebsrat gibt darin seinen Vertretern in den Flächenbetrieben vor Ort Empfehlungen, wie sie zwischen den Kollegen im Ernstfall deeskalieren können.

„Die zuständigen Stellen werden dann unverzüglich mit der diskriminierenden bzw. belästigenden Person in Verbindung treten und diese im Rahmen eines Gespräches über die Folgen ihres Verhaltens aufklären. Je nach Schwere des Vorfalls sind von den zuständigen Stellen in Absprache mit dem Betriebsrat geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die diskriminierende Situation zu beseitigen“, schreibt der Betriebsrat. Die Maßnahmen könnten „von einer (einfachen) Ermahnung bzw. Belehrung bis hin zu einer Kündigung gehen“, belehrt der Betriebsrat seine Mitglieder.

Bisher hat die Auseinandersetzung der Gewerkschaften nach Angaben der Personalabteilung der Deutschen Bahn keinen Bahner den Job gekostet. Doch das größere Problem sieht der Betriebsrat ohnehin darin, dass der Betriebsfrieden durch Beleidigungen und andere Unflätigkeiten dauerhaft gestört wird. Die Betriebsratssprecherin spricht von „einigen“, aber weniger als 50 Meldungen, doch sie glaubt, dass viele Kollegen sich auch scheuen, Vorfälle zu berichten. Die Dunkelziffer dürfte also weitaus höher liegen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×