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14.08.2014

11:33 Uhr

Streit mit Bonnier und Hachette

Wie Amazon Autoren bedrängt

VonLisa Hegemann

Der Online-Versandhändler nutzt seine Macht immer stärker aus – nicht nur gegen Walt Disney. Auch deutsche Autoren fürchten eine Amazon-Diktatur. Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Preis.

Ein Amazon-Lager in den USA. Bücher über Bücher stapeln sich in den Hallen. Doch Amazon nutzt seine Marktmacht nun offenbar aus, um höhere Margen von Verlagen und Autoren zu bekommen. ap

Ein Amazon-Lager in den USA. Bücher über Bücher stapeln sich in den Hallen. Doch Amazon nutzt seine Marktmacht nun offenbar aus, um höhere Margen von Verlagen und Autoren zu bekommen.

DüsseldorfNele Neuhaus war eigentlich immer ein großer Fan von Amazon. Als die Bestsellerautorin („Böser Wolf“) einst anfing, Bücher zu schreiben, fand sie zunächst keinen Verlag. Die Lösung: der Versandhändler. Dort konnte Neuhaus ihr Buch veröffentlichen und bekam auch ihr Geld. Doch sie hat ihre Meinung über Amazon radikal geändert: Denn der US-Konzern setzt Autoren immer stärker unter Druck – auch Neuhaus' Verlag Bonnier.

Es fing alles an mit banalen Verhandlungen zwischen Geschäftspartnern. Amazon verlangte für E-Books eine höhere Marge, die Verlagsgruppe Bonnier wollte diese nicht gewähren. So weit, so gewöhnlich. Aber dann zog Amazon „die Daumenschrauben“ an, sagt Neuhaus im Gespräch mit Handelsblatt Online. Plötzlich waren ältere Bücher von ihr erst in sechs bis zwölf Tagen lieferbar. So wie ihr geht es etlichen Autoren. Weil ihr Verlag sich dem Druck von Amazon nicht beugt, werden ihre Bücher nicht mehr so prominent platziert – und nicht mehr so gut verkauft.

Nicht nur Nele Neuhaus ist darüber verärgert. Wie das Handelsblatt am Donnerstag exklusiv berichtete, haben sich in Deutschland nach amerikanischem Vorbild mehr als 100 Autoren zusammengetan und Amazon einen offenen Brief geschrieben – unter ihnen bekannte Namen wie Ingrid Noll („Die Apothekerin“), Günter Wallraff („Ganz unten“) und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek („Die Klavierspielerin“). Darin prangern sie an, dass das Unternehmen Bücher „als Geiseln“ nehme. Das sei „keine Art mit Geschäftspartnern umzugehen“, kritisieren die deutschen Autoren. In ihrem Brief fordern sie die Leser auf, sich direkt an Amazon-Gründer Jeff Bezos zu wenden und sich über seine Methoden zu beklagen.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Denn die Manipulationen gehen auch zu Lasten der Leser. Durch die längeren Lieferzeiten sind auch sie betroffen. „Damit widerspricht Amazon seinem eigenen Versprechen, das kundenorientierteste Kaufhaus der Welt zu sein“, monieren die Autoren in ihrem Brief. Amazon selbst sagt, Literatur müsse billiger werden, da sie mit anderen Medien konkurriere.

Amazon versucht nicht nur Bonnier dazu zu bewegen, seinen Bedingungen zuzustimmen. Auch mit dem Verlagshaus Hachette sowie dem Medienkonzern Walt Disney hat sich das US-Versandhändler angelegt. Bei Produkten dieser Unternehmen werden nicht nur längere Lieferzeiten angezeigt als tatsächlich vorhanden. Auch von einer Manipulation der Empfehlungsliste reden die deutschen Autoren. Bücher, die in Verlagen erscheinen, mit denen Amazon verhandelt, tauchen dort nicht mehr auf.

Die Opfer: die Autoren. Nele Neuhaus ist nur eine von vielen, die unter dem Druck des Versandhändlers leiden. Die Autorin erzählt von nicht so bekannten Kollegen, die gar nichts mehr verkaufen, weil Amazon ihr einziger Abnehmer ist. Auch, weil plötzlich Felder verschwinden wie „Kunden, die diese Artikel gekauft haben, kauften auch“. In dieser Rubrik tauchen häufig andere Werke des Autors auf. Amazon kappt dieses Marketinginstrument offenbar einfach.

Kommentare (11)

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Herr Peter von Frosta

14.08.2014, 12:23 Uhr

Verleger geh sterben

Ich vermisse bei dem Artikel, den Hinweis, dass diese randalierenden Autoren in keinerlei Geschäftsbeziehung zu Amazon stehen. Die Autoren haben die Verwertungsrechte verkauft. Punkt.

Autorenproteste sind in etwa so sinnfrei wie Proteste von Schweinemästern vor ALDI, weil die Wurst der Wurstfabrik an die sie ihre Schweine verkauft haben unten im Regal platziert wurde.

Verleger, gedruckte Bücher, Buchhandel verschwinden gerade vom Antlitz der Erde und dieses Verschwinden findet naturgemäß unter großem Geschrei und Wehklagen statt.
Wir Leser dagegen sind dankbar, dass wir für ein Kilo Literatur statt 50 Euro nur 6.99 als E-Book zahlen müssen. Genau darum geht der Streit. Das Hochhalten der E-Bookpreise durch die Verlage soll deren Baumbreigeschäft schützen.
Der Autorenprotest ist wenig durchdacht, denn deren Wertigkeit und Macht, steigt, wenn und weil niemand mehr 100.000 Euro in eine erste „Auflage“ investieren muss. Verleger geh sterben. Es muss nix mehr verlegt werde

Herr Michael Merz

14.08.2014, 12:26 Uhr

Weshalb hat Amazon keine Kosten bei E-Books? Server, Verwaltung, Verfügbarkeit etc. Der Verlag hat hier keine Kosten und gibt sie an Amazon ab. Weiterhin sind E-Books zu teuer und hier finde ich Amazons Vorgehensweise richtig.
Den Service von Amazon möchten Autoren und Verlage nutzen (Empfehlungen, Verfügbarkeit, schnelle Lieferungen etc.), aber nichts bezahlen. So funktioniert es halt nicht. Entweder Amazon mehr Geld zugestehen oder selbst den Vertrieb organisieren.
Die Autoren, die nun nichts mehr schreiben möchten werden durch jene ersetzt, die die Selbstvermarktung von E-Books bei Amazon als Chancce sehen.

Herr Brasso Craemer

14.08.2014, 13:03 Uhr

In ihrer Welt werden sie dann in naher Zukunft für 6,99@ nur noch Arzt-Romane bekommen.

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