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20.12.2013

19:04 Uhr

Streit mit Stiftung Warentest

Ein Richter, der Ritter Sport nascht

VonMarkus Fasse

Das Landgericht München schlägt im Streit um einen Aromastoff in Ritter-Sport-Schokolade einen Vergleich mit der Stiftung Warentest vor. Doch die Parteien lehnen ab: Am Montag wird weiter verhandelt.

Quadratisch, praktisch, umstritten: Ritter Sport wehrt sich gegen Verbraucherschützer. AFP

Quadratisch, praktisch, umstritten: Ritter Sport wehrt sich gegen Verbraucherschützer.

MünchenDie Zuhörer stärkten sich ausgerechnet mit Vollmilch-Nuss-Schokolade, als Richter Peter Lemmers im Landgericht München zur Sache kam. Die Frage sei, doch so Lemmers, „wurde in der Schokolade ein natürliches Aroma verwendet, oder nicht?“ Und er nahm allen Beteiligten gleich eine Illusion. „Klären können wir das heute nicht“, betonte der Richter. Zudem bat er die Prozessbeteiligten scherzhaft um eine zügige Verhandlung: „Um zwölf Uhr beginnt die hausinterne Weihnachtsfeier.“

Es war kurz nach zehn am Freitagmorgen, als im Saal 301 des Münchner Landgerichtes die Anwälte des Schokoladenherstellers Ritter Sport und der Stiftung Warentest vor den Richter traten. In einem „einstweiligen Verfügungsverfahren“ sollte geklärt werden, ob die Sorte „Voll Nuss“ von Ritter Sport künstliche Aromen enthalte oder nicht. Denn genau das hatte die Stiftung Warentest in ihrem Dezemberheft unter dem Artikel „zum Reinbeißen“ behauptet.

Ritter Sport: Aroma oder natürliches Aroma?

Steckt in der Schokolade reine Vanille?

Meist sind es Aroma, natürliches Aroma oder Extrakt, die den Geschmack ausmachen. Für den Verbraucher ist es schwer, sich in diesem Begriffs-Dschungel auf der Verpackung zurechtzufinden. Der Rechtsstreit um ein angebliches chemisches Vanillearoma in der Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport zeigt, dass Verbraucherschützer peinlich genau auf die richtige Kennzeichnung achten. Unterschieden wird vor allem zwischen „Aromen“ und „natürlichen Aromen“.

Was ist ein Aroma?

Steht allein „Aroma“ oder „Aromastoff“ auf der Verpackung, wurde dem Lebensmittel eine im Labor chemisch hergestellte Substanz zugefügt. Die früher in Deutschland geltende Unterscheidung in „künstlich“ und „naturidentisch“ gibt es nicht mehr. „Künstlich“ war ein chemisch hergestelltes Aroma. Als „naturidentisch“ durfte ein Aroma bezeichnet werden, wenn eine in der Natur vorkommende Substanz lebensmittelchemisch hergestellt wird. Der Begriff „naturidentisch“ war von Verbraucherschützern als Täuschung kritisiert worden.

Was ist ein Aromaextrakt?

Eine weitere Variante zur Aromengewinnung ist die Extraktion eines Stoffes, etwa mithilfe von Wasser oder Alkohol. Vanilleextrakt zum Bespiel wird mithilfe von Alkohol aus der Vanilleschote herausgezogen.

Worum geht es in dem Schokoladen-Streit?

Die Stiftung Warentest hat die Ritter-Sport-Schokolade Voll-Nuss als mangelhaft bewertet. Sie bemängelte unter anderem, dass ein chemisch hergestellter Stoff als „natürliches Aroma“ deklariert worden sei und nicht als „Aroma“. Es handelt sich um den Stoff Piperonal mit Vanille- und Mandelgeruch, der natürlich unter anderem in Blütenölen und in Pflanzen wie Pfeffer und Dill vorkommt.
Ritter Sport erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die Behauptung der Stiftung Warentest, dagegen legten die Verbraucherschützer Widerspruch ein. Dem Unternehmen zufolge wurde der Stoff von einem Aromahersteller in einem physikalischen Verfahren aus Pflanzen gewonnen und kann daher als „natürliches Aroma“ deklariert werden.

Wer entscheidet über die Zulassung von Aromen?

Aromastoffe dürfen nicht gesundheitsgefährdend sein und den Verbraucher nicht irreführen. In der EU prüft seit 2008 die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach strengen Kriterien, ob bei einem Aroma eine Gesundheitsgefährdung ausgeschlossen werden kann.
Seit April 2013 gilt eine EU-weit gültige Positivliste, die jährlich aktualisiert werden soll. Auf ihr sind alle zugelassenen synthetisch gewonnenen sowie durch chemische Verfahren isolierte Aromastoffe und natürliche Aromastoffe aufgeführt. Für die EU-Positivliste wurden rund 3000 Aromen auf ihre Sicherheit untersucht, übrig blieben zunächst 2100 zulässige Aromastoffe, 400 weitere werden noch getestet.

Was gilt für Biolebensmittel?

Nach der EU-Verordnung für Biolebensmittel dürfen für Bioprodukte nur „natürliche Aromastoffe“ oder „Aromaextrakte“ eingesetzt werden. Manche Biohersteller verzichten auch auf natürliche Aromen und verwenden lediglich Aromaextrakte.

Die Stiftung verpasste der Sorte die Note „mangelhaft“ (statt „gut“), weil aus ihrer Sicht der festgestellte Aromastoff Piperonal (Geschmacksrichtung: Vanille-Marzipan) nicht natürlichen Ursprungs sein könne. In industriellem Maßstab werde dieser nur künstlich produziert. Die Ausweisung eines „natürlichen Aromas“ auf der Packung sei daher Verbrauchertäuschung. Den Beweis blieb die Stiftung aber auch am Freitag schuldig.

Ritter Sport bestreitet den Vorwurf. Der Lieferant Symrise bestätigte dem schwäbischen Traditionsunternehmen per eidesstattlicher Versicherung, das das gelieferte Piperonal aus biologischen Ausgangsstoffen gewonnen werde. Die Schokolade ist in jedem Fall zum Verzehr geeignet.

Gleich vier Lebensmittelchemiker hielten sich vor dem Sitzungsaal bereit, um die Beteiligten über die möglichen Herstellungsverfahren von Piperonal aufzuklären. Doch dazu kam es nicht – auch weil Ritter Sport und Symrise nicht offen legen wollen, wie und wo der Stoff hergestellt wird. Richter Lemers, der erzählte, selber schon im Fabrikverkauf von Ritter Sport auf Naschtour gewesen zu sein, lotste die Streithähne geschickt zu einem Vergleich.

Es sei doch weder im Sinne der Stiftung noch im Sinne des Schokoladenherstellers, wenn ein öffentlicher Prozess weiter die Schlagzeilen beherrsche. „Wäre es für den Verbraucher nicht am besten, wenn wir eine gemeinsame Erklärung verfassen: Wir machen ein neues Gutachten und streben einen Vergleich an?“, so Lemers versöhnlich.

Kommentare (5)

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Herr_Immer

20.12.2013, 16:06 Uhr

Sowas könnte man sich als Hersteller alles ersparen, wenn man Lebensmittel nicht mit Hilfe von Laborstoffen geschmacklich genießbar machen müsste.

Selbst Schuld.

karma

20.12.2013, 18:05 Uhr

Ich lobe mir da viel mehr die ALDI / Lidl Produkte, die sich am Preis und Qualität orientieren.

Inzwischen zahlen wir 30- 95% nur für Werbung und PR Maßnahmen nur um den "Markennamen" zu prägen. Vom Coca-Cola Weihnachts-Track bis zum Redbull Formel 1 Auto.

Aldi ist da ehrlich, wenn ich Schokolade kaufe, kaufe ich die Schokolade und nicht die 95% an Werbemaßnahmen.

rrr

20.12.2013, 20:25 Uhr

Danke dass sie erwaehnen, was die meisten Artikel in dieser Angelegenheitn verschweigen: Ritter wird verdächtigt ein künstliches Aroma falsch deklariert zuhaben. Fast alle anderen Hersteller wie Lindt verwenden mit vanillin nur künstliches Aroma und kein hahn kräht danach. Viele artikel vermitteln den Eindruck Ritter sei der einzige schokohersteller der mit Aromen arbeitet.

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