Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.10.2014

01:06 Uhr

Streit mit Verdi

Nächste Runde im Amazon-Streik

Die Angestellten von Amazon haben ihre Arbeit in Bad Hersfeld und in Leipzig niedergelegt. Seit Mitternacht kämpfen sie für gleiche Bedingungen wie im Einzelhandel. Zur Frühschicht sollen weitere Standorte hinzukommen.

Die Forderung der Gewerkschaft Verdi ist klar: „Gute Arbeit, gutes Geld = gute Tarifverträge“. dpa

Die Forderung der Gewerkschaft Verdi ist klar: „Gute Arbeit, gutes Geld = gute Tarifverträge“.

Leipzig/Bad HersfeldDie Beschäftigten des Versandhändlers Amazon haben ihre Arbeit am hessischen Standort in Bad Hersfeld und in Leipzig mit der Nachtschicht niedergelegt. Wie ein Verdi-Sprecher in Bad Hersfeld mitteilte, streikten die Mitarbeiter dort seit 0.00 Uhr.

Mit der Frühschicht folgen nach Verdi-Angaben die Standorte Graben bei Augsburg, Werne (NRW) und Rheinberg im Ruhrgebiet. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat in Bad Hersfeld, Leipzig und Graben bis einschließlich Mittwoch zum Ende der Spätschicht zum Streik aufgerufen, in Werne soll bis einschließlich Dienstag zum Ende der Spätschicht gestreikt werden.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Ende September hatte Verdi bereits fünf Amazon-Standorte bestreikt und mit Arbeitskampfmaßnahmen im wichtigen Weihnachtsgeschäft gedroht. Amazon hatte betont, die Ausstände hätten aber keine Auswirkungen auf die „Einhaltung des Lieferversprechens“ an die Kunden.

Die Gewerkschaft versucht seit mehr als einem Jahr, den Online-Versandhändler mit Streiks zu Tarifverhandlungen zu den Bedingungen des Einzelhandels zu bewegen. Amazon lehnt das jedoch ab und sieht sich selbst als Logistiker. Das Unternehmen beschäftigt an bundesweit neun Standorten mehr als 9000 Mitarbeiter.

Von

dpa

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Fred Meisenkaiser

27.10.2014, 08:00 Uhr

Man hat sich darauf eingestellt: Die Gewinne der Reichen explodieren, und die Einkommen derer, die diesen Reichtum erarbeiten sinken.
Und nun erdreisten sich die Lokführer, Zugbegleiter, Piloten und schließlich Amazon-Beschäftigten etwas von diesen Gewinnsteigerungen abbekommen zu wollen.

Das geht gar nicht!!! Und bald werden unsere gleichgeschalteten Medien Stimmungsmache auch gegen diese Mitarbeiter machen. Schließlich geht es ja um die die Gefährdung des unbegrenzten Wirtschaftswachstums.

Schön übrigens, dass endlich auch der DGB mal aktiv wird.

Herr H-J. H.

27.10.2014, 09:03 Uhr

Die Gewerkschaften verfallen mitten im Abschwung wieder einmal in die Dummphase der 80iger Jahre. Und das Mitgliedervolk glaubt jenen Gewerkschaftsbossen mit Millionengehältern, ihr angeblicher Einsatz für sie würde ihnen eine rosige Zukunft bescheren.
Eine Lachnummer.
Denn was hindert Amazon & Co bei den heutigen offenen Grenzen, einfach ihre Betriebe hinter die Grenze zu verlagern.
Und dann sind es wieder die bösen Kapitalisten für das dann einsetzende Neidgeschrei, wenn sie alle ohne Arbeit sitzen.
Haben die Gewerkschaftsbosse nicht mitbekommen, daß wir das Jahr 2014 schreiben?
Oder doch?
Weil sich das Volk durch die Massenmedien leichter beeinflussen und für Dumm verkaufen läßt?
Man sollte nur mal über die Grenzen schauen. In die Niederlande! Wie viele LKW mit gelben Nummernschildern und niederländischen Fahrern gibt es noch? Heute läuft die Masse ehemaliger niederländicher LKW umgeflaggt mit neuen Fahrern, weil irgendwo auch die Gewerkschaften dort maßlos wurden und das eine natürliche Verlagerungsaktion gegeben hat.
Schon mal darüber nachgedacht, Fred Maisenkaiser ?

Herr D. Dino54

27.10.2014, 09:20 Uhr

Ja, wir haben das Jahr 2014 und im Arbeitsrecht, die entzogenen Leitplanken, sind die Ursache dieser Machenschaften vieler fragwürdigen "Unternehmen" !

Dieses Unternehmen sollte erstmal entsprechend Steuern in D bezahlen, für die Benutzung der Infrastruktur !

In der Arbeitswelt sind wir fast ins 19. Jahrhundert abgerutscht und die diese "Volksvertreter" und "Unternehmer" finden diese Arbeitswelt modern. Unfassbar !

Die Deregulierungen im Arbeitsrecht und Finanzen, durch ROT/GRÜN verursacht, ist perverser Lobbyismus pur !

Der Missbrauch in Leih- und Werksverträge, prekär Beschäftigung, die Scheinselbstständigkeit, unseriöse Zeitverträge, müssen endlich verboten und hart bestraft werden!

Die Betriebsräte und Gewerkschaften müssen, eigentlich überfällig, endlich aktiver werden !!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×