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13.01.2014

12:25 Uhr

Streit um Aroma

Stiftung Warentest unterliegt Ritter Sport

Die Stiftung Warentest hat mit ihrem „Mangelhaft“-Urteil für die Schokolade Ritter Sport „Voll-Nuss“ eine Schlappe erlitten. Eine einstweilige Verfügung im Streit um einen Aromastoff bleibt bestehen.

Streitfall vor Gericht: Das Aroma in Ritter Sport „Voll-Nuss“. dpa

Streitfall vor Gericht: Das Aroma in Ritter Sport „Voll-Nuss“.

Es ist ein Kampf, wie er selten ausgefochten wird: Der Schokoladenhersteller Ritter Sport hat sich gegen ein Urteil der Stiftung Warentest juristisch gewehrt – und zumindest zunächst Recht behalten. Das Landgericht München I hielt am Montagmorgen eine einstweilige Verfügung gegen die Stiftung aufrecht. Sie darf demnach weiter nicht weiter behaupten, dass in einer Sorte der Schokolade ein künstliches Aroma eingesetzt werde und damit die Auszeichnung eines „natürlichen Aromas“ auf der Packung Verbrauchertäuschung sei.

Die Tester kündigten an, keine Ruhe zu geben. „Die Stiftung Warentest nimmt diese Entscheidung nicht hin und wird deshalb Berufung gegen das Urteil einlegen“, hieß es. Die Produktion der umstrittenen Substanz liege weiter im Dunkeln. „Klar ist bisher lediglich, dass die Symrise AG den Aromastoff Piperonal nicht selbst herstellt, sondern über Dritte bezieht.“ Die Stiftung halte an ihrer Auslegung fest und werde den Rechtsstreit vor das Oberlandesgericht bringen, fügte Vorstand Hubertus Primus hinzu.

Ritter triumphierte indes: „Als mittelständischer Schokoladehersteller, als der wir über eine jahrzehntelange Tradition und Expertise bei der Schokoladeherstellung verfügen, freuen wir uns darüber“, erklärte Firmenchef Alfred Ritter. Zulieferer Symrise stimmte ein: „Die Deklaration der Voll-Nuss ist korrekt.“

Ritter Sport: Aroma oder natürliches Aroma?

Steckt in der Schokolade reine Vanille?

Meist sind es Aroma, natürliches Aroma oder Extrakt, die den Geschmack ausmachen. Für den Verbraucher ist es schwer, sich in diesem Begriffs-Dschungel auf der Verpackung zurechtzufinden. Der Rechtsstreit um ein angebliches chemisches Vanillearoma in der Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport zeigt, dass Verbraucherschützer peinlich genau auf die richtige Kennzeichnung achten. Unterschieden wird vor allem zwischen „Aromen“ und „natürlichen Aromen“.

Was ist ein Aroma?

Steht allein „Aroma“ oder „Aromastoff“ auf der Verpackung, wurde dem Lebensmittel eine im Labor chemisch hergestellte Substanz zugefügt. Die früher in Deutschland geltende Unterscheidung in „künstlich“ und „naturidentisch“ gibt es nicht mehr. „Künstlich“ war ein chemisch hergestelltes Aroma. Als „naturidentisch“ durfte ein Aroma bezeichnet werden, wenn eine in der Natur vorkommende Substanz lebensmittelchemisch hergestellt wird. Der Begriff „naturidentisch“ war von Verbraucherschützern als Täuschung kritisiert worden.

Was ist ein Aromaextrakt?

Eine weitere Variante zur Aromengewinnung ist die Extraktion eines Stoffes, etwa mithilfe von Wasser oder Alkohol. Vanilleextrakt zum Bespiel wird mithilfe von Alkohol aus der Vanilleschote herausgezogen.

Worum geht es in dem Schokoladen-Streit?

Die Stiftung Warentest hat die Ritter-Sport-Schokolade Voll-Nuss als mangelhaft bewertet. Sie bemängelte unter anderem, dass ein chemisch hergestellter Stoff als „natürliches Aroma“ deklariert worden sei und nicht als „Aroma“. Es handelt sich um den Stoff Piperonal mit Vanille- und Mandelgeruch, der natürlich unter anderem in Blütenölen und in Pflanzen wie Pfeffer und Dill vorkommt.
Ritter Sport erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die Behauptung der Stiftung Warentest, dagegen legten die Verbraucherschützer Widerspruch ein. Dem Unternehmen zufolge wurde der Stoff von einem Aromahersteller in einem physikalischen Verfahren aus Pflanzen gewonnen und kann daher als „natürliches Aroma“ deklariert werden.

Wer entscheidet über die Zulassung von Aromen?

Aromastoffe dürfen nicht gesundheitsgefährdend sein und den Verbraucher nicht irreführen. In der EU prüft seit 2008 die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach strengen Kriterien, ob bei einem Aroma eine Gesundheitsgefährdung ausgeschlossen werden kann.
Seit April 2013 gilt eine EU-weit gültige Positivliste, die jährlich aktualisiert werden soll. Auf ihr sind alle zugelassenen synthetisch gewonnenen sowie durch chemische Verfahren isolierte Aromastoffe und natürliche Aromastoffe aufgeführt. Für die EU-Positivliste wurden rund 3000 Aromen auf ihre Sicherheit untersucht, übrig blieben zunächst 2100 zulässige Aromastoffe, 400 weitere werden noch getestet.

Was gilt für Biolebensmittel?

Nach der EU-Verordnung für Biolebensmittel dürfen für Bioprodukte nur „natürliche Aromastoffe“ oder „Aromaextrakte“ eingesetzt werden. Manche Biohersteller verzichten auch auf natürliche Aromen und verwenden lediglich Aromaextrakte.

Das Gericht hatte beiden Seiten kurz vor Weihnachten einen Vergleich vorgeschlagen, um den Streit beizulegen. Darauf waren Ritter Sport und die Stiftung Warentest aber nicht eingegangen. Sie beharrten jeweils auf ihren Positionen.

Vor dem Verfahren hatten die Verbraucherschützer darauf hingewiesen, dass sie extrem selten in Verfahren verlören. Daher hatten Juristen und PR-Experten die Strategie Ritter Sports kritisiert, sich auf ein Verfahren einzulassen. Dadurch werde das Thema unnötig lange in der Öffentlichkeit gehalten.

Auslöser des Streits war ein Schokoladentest, den die Stiftung Warentest Ende November veröffentlicht hatte. Darin bemängelten die Tester, die Bezeichnung „natürliches Aroma“ in der Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport sei irreführend, weil die Schokolade den Aromastoff Piperonal enthalte. Dieser werde in der von Ritter Sport benötigten Menge nur chemisch hergestellt, so der Vorwurf der Tester. Im Gesamturteil gaben sie der Schokolade deshalb die Note „mangelhaft“ statt „gut“. Die Schokolade kann aber in jedem Fall ohne Bedenken verzehrt werden.

„Von einem fairen Warentest könne nicht gesprochen werden, wenn diesem in der zentralen Frage der Auslegung der Bestimmungen der Aromen-Verordnung ein nicht vertretbares, zu enges Verständnis zugrunde liege“, so die Richter, deren Urteil noch nicht rechtskräftig ist.

Kommentare (29)

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13.01.2014, 10:15 Uhr

Ich drücke Ritter Sport die Daumen. Nicht weil ich deren Schokolade jeden Tag in mich hineinstopfe, sondern weil es einfach mal allerhöchste Zeit wird, dass die Öffentlichkeit mal wachgerüttelt wird:

Verbraucherschutz ist gut, aber auch Verbraucherschützer können mal irren.

flo

13.01.2014, 10:29 Uhr

Die Frage ist doch, was vanillegeschmack überhaupt in Schokolade zu suchen hat. Einfach mal nachgoogeln nach "Vanille Sucht".
Offensichtlich muss Ritter da ein wichtiges Geschäftsmodell verteidigen, damit die Kunden genug ihrer Schokolade essen.

Murgtal

13.01.2014, 10:34 Uhr

... aber auch Richter können sich irren!

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