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05.05.2015

16:05 Uhr

Streitgespräch zum Bahnstreik

„Es ist nicht lustig zu streiken“

VonDieter Fockenbrock, Matthias Streit

Seit zehn Monaten verhandeln Bahn und GDL erfolglos um Tarifverträge. Jetzt streiken die Lokführer fast eine ganze Woche lang. Ein Unternehmer und ein GDL-Funktionär diskutieren über Auftragseinbußen und Arbeitskampf.

GDL-Funktionär Ingo Klett (links) und der Unternehmer Oliver Jentsch lieferten sich einen Schlagabtausch. Ralph Sondermann für Handelsblatt 2015

Streitgespräch zum Streik

GDL-Funktionär Ingo Klett (links) und der Unternehmer Oliver Jentsch lieferten sich einen Schlagabtausch.

Eine Woche. So lang hat noch nie ein Bahnstreik gedauert. Während die GDL für mehr Geld kämpft, verlieren deutsche Unternehmer hunderte Millionen Euro durch den Zugstillstand. Nun hat das Handelsblatt Vertreter beider Lager zur Diskussion gebeten: Der Unternehmer und Vielbahnfahrer Oliver Jentsch ist Geschäftsführer des Dienstleisters hiba-impulse aus Berlin mit einem Umsatz von knapp 750.000 Euro. Ihm stellt sich Ingo Klett, der seit 1982 Lokführer ist. Heute organisiert er als Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe in Frankfurt die lokalen Streiks. Er ist außerdem stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der DB-Regio in Frankfurt.

Herr Jentsch, die letzte Verhandlungsrunde zwischen Bahn und GDL ist wieder einmal in die Hose gegangen. Wie finden Sie es, dass nun wieder gestreikt wird – und das gleich eine Woche?
Jentsch: Grundsätzlich ist es ja in Ordnung, wenn Mitarbeiter Streiks nutzen, um für höhere Löhne zu kämpfen, um das Betriebsklima zu ändern oder Überstunden abzubauen. Ich sehe das aber auch kritisch. Das ist jetzt schon der achte Streik von Seiten der GDL. Der Streit wird auf dem Rücken von Millionen Geschäftsreisenden und Pendlern ausgetragen. Ich bin stark auf die Bahn angewiesen, fahre monatlich im Schnitt 4.000 Kilometer durch Deutschland. Und wenn man sieht, dass sich die Dinge nicht bewegen, ist es einfach nur noch anstrengend.

Nicht zuletzt, weil sich das auch auf Ihr Geschäft auswirkt.
Jentsch: Wir haben manches reparieren können, aber nicht alles. Auch die Auftraggeber haben Verständnis, wenn ein Zug nicht fährt. Aber klar entgehen uns auch Einnahmen, die fest eingeplant waren. Wenn unsere Trainer für die Weiter- und Fortbildungsseminare etwa nicht anreisen können. Im letzten Jahr hatten wir knapp 750.000 Euro Umsatz. In den schwierigsten Zeiten standen sieben bis acht Aufträge auf dem Spiel. Wenn dann 10.000 Euro pro Auftrag nicht kommen, ist das für uns schon viel.

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Der erneute Arbeitskampf bei der Bahn bedroht die deutsche Wirtschaft. Wichtige Lieferketten werden zerstört. Die an hohes Wachstum gewöhnte Republik leistet sich ein paar Tage lang einen unfreiwilligen Stillstand.

In anderen Worten: Es reicht jetzt mit den Streiks. Sehen Sie das auch so, Herr Klett?
Klett: Das sehe ich genauso. Nun ist die Bahn aber neben der GDL auch in Verhandlungen mit der anderen Eisenbahner-Gewerkschaft EVG. Auch die haben das Angebot der Bahn ausgeschlagen, trotzdem spricht keiner über sie. Sie als Bahnkunde werden natürlich nicht merken, wenn die EVG in einem Werk streikt. Als Lokführer habe ich aber nun mal nur meine 2,5 Quadratmeter Führerstand und ich weiß auch, dass ich im Regio hinter mir 800 Passagiere habe, die genervt sind, wenn ich nicht fahre. Aber was soll ich denn machen?

Viele meinen, die Arbeitsbedingungen sind nur vorgehalten. Eigentlich gehe es vielmehr um die Macht der Gewerkschaften EVG und GDL im Unternehmen. Ist das in Ordnung?
Klett: Das stimmt so nicht. Wir streiten nicht mit der EVG um Macht. Wir wollen einfach nur die bei uns organisierten Mitarbeiter auch vertreten dürfen. Vom Zugpersonal sind bei uns etwa genauso viele organisiert wie in der EVG. Diese Menschen haben sich die GDL aus freien Stücken ausgesucht. Dass es hier darum geht, Mitglieder abzuwerben, um mehr Einfluss im Unternehmen zu gewinnen, ist doch Quatsch.
Jentsch: Für mich wirkt das schon wie ein Wettbewerb zwischen Ihren beiden Gewerkschaften. Als Arbeitnehmer der Bahn gehe ich natürlich zu denen, die einen höheren Abschluss und die besseren Bedingungen verhandeln.

Knackpunkte in den Verhandlungen zwischen Bahn und GDL

Darum geht's

Der im Juli 2014 begonnene Tarifkonflikt zwischen der Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL scheint unendlich. Eine Vielzahl von Knackpunkten hat bislang eine Einigung verhindert.

Berufsgruppen

Die GDL will nicht mehr allein für die Lokführer verhandeln, sondern auch für das übrige Zugpersonal in ihrer Mitgliedschaft. Bis die Bahn diesen Anspruch im November 2014 anerkennt, vergehen zwei Warnstreiks und vier reguläre Streikrunden.

Konkurrierende Verträge...

... mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG sind nun möglich, doch die DB will unter allen Umständen verhindern, dass sie unterschiedliche Regelungen zur Arbeitszeit oder anderen Details enthalten. In den Verhandlungen muss die Bahn also versuchen, beide Gewerkschaften auf das gleiche Ergebnis festzulegen. Das birgt für die EVG in ihren parallelen Verhandlungen mit der Bahn die Möglichkeit, die nicht erwünschten GDL-Abschlüsse zu torpedieren.

Lokrangierführer...

... sollen nach dem Willen der GDL wie ihre Kollegen auf der Strecke bezahlt werden. Die Bahn will hingegen die bislang mit der EVG vereinbarte niedrigere Einstufung auch für GDL-Mitglieder beibehalten.

Tarifeinheit

Das Gesetzesvorhaben der Bundesregierung setzt die GDL zusätzlich unter Druck. Wenn vom Sommer an nur noch eine Gewerkschaft in einem Betrieb einen Tarifabschluss verhandeln kann, gilt es für die Lokführer, vorher noch einen Abschluss zu erzielen und einen möglichst großen Teilbetrieb des Bahn-Konzerns zu organisieren. Der GDL schwebt eine gewerkschaftliche Trennung in Fahrbetrieb (GDL) und Infrastrukturbetrieb (EVG) vor.

Entgelt

Über Löhne und Gehälter ist mit Ausnahme von Abschlagszahlungen zu Jahresbeginn noch gar nicht gesprochen worden. Auch hier ist die Lage wegen der Gewerkschaftskonkurrenz komplex, weil EVG und GDL unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Die Lokführer wollen eine Arbeitszeitverkürzung von derzeit noch einer Stunde, während die EVG vor allem die unteren Gehaltsgruppen stärker anheben will. Diese soziale Komponente fehlt bei den Lokführern.


Kommentare (9)

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Frau Annette Bollmohr

05.05.2015, 16:21 Uhr

„Es ist nicht lustig, zu streiken“

Dann lasst es doch einfach.

Damit tätet Ihr Euch (und den vielen Millionen, die an Eurem Streit gänzlich unbeteiligt, dafür aber umso mehr davon betroffen sind, erst recht) einen Riesengefallen.

Frau Annette Bollmohr

05.05.2015, 16:21 Uhr

„Es ist nicht lustig, zu streiken“

Dann lasst es doch einfach.

Damit tätet Ihr Euch (und den vielen Millionen, die an Eurem Streit gänzlich unbeteiligt, dafür aber umso mehr davon betroffen sind, erst recht) einen Riesengefallen.

Herr Fred Meisenkaiser

05.05.2015, 16:29 Uhr

Natürlich ist es nicht lustig zu streiken.Aber ohne Streiks sinken die Einkommen der Bürger immer weiter! Das sehen wir doch im Deutschland der letzten 20Jahre.
Die miesen Einkommen und sich ständig verschlechternden sozialen Bedingungen sind Ergebniss des Kuschelkurses der Einheitsgewerkschaft!

Geld ist genug da; man sehe sich nur die vermögensentwicklung der oberen 2% an!

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