Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.06.2017

11:33 Uhr

Strom für Privatkunden

Die Bahn wird zum Energieversorger

Die Deutsche Bahn möchte in Zukunft auch Strom an Privatkunden verkaufen. Der Staatskonzern peilt bis zum Jahresende eine „fünfstellige Kundenzahl“ an. Die Bahn-Tochter DB Energie beliefert bereits Geschäftskunden.

Das Unternehmen ist selbst einer der größten Stromverbraucher in Deutschland und verbraucht letztes Jahr fast so viel Energie, wie die Großstadt Berlin. dpa

Deutsche Bahn

Das Unternehmen ist selbst einer der größten Stromverbraucher in Deutschland und verbraucht letztes Jahr fast so viel Energie, wie die Großstadt Berlin.

BerlinDie Deutsche Bahn will ihr günstiges Umwelt-Image nutzen und Privathaushalten künftig Öko-Strom verkaufen. Ein entsprechender Vertrag kann seit Mittwoch ausschließlich online abgeschlossen werden und soll preislich immer unter dem Grundtarif des örtlichen Versorgers liegen, wie die Bahn-Tochter DB-Energie am Mittwoch in Frankfurt verkündete. Zuerst hatte die Zeitung „Die Welt“ berichtet.

Geliefert werden soll zugekaufter Ökostrom mit dem Ok-Label aus Wasser-, Wind- und Solarkraftwerken. „Wir beherrschen die Strombeschaffung und die Prozesse dahinter, große Mengen Energie an die richtige Stelle zu bringen. Wer Bahn kann, kann auch Strom“, hatte DB-Energie-Chef Hans-Jürgen Witschke der Zeitung gesagt.

Das Unternehmen im Staatsbesitz will seine Fahrgäste gezielt ansprechen und als Wechselprämien zum Beispiel Bahncards oder Reisegutscheine einsetzen. Bis zum Jahresende peilt der Konzern eine fünfstellige Kundenzahl an, in den kommenden drei bis fünf Jahren eine sechsstellige.

Die Baustellen der Bahn

Fernverkehr

Im Herbst hat die Bahn den neuen ICE 4 vorgestellt – und sich im Fernverkehr Einiges vorgenommen. Um 25 Prozent soll das Angebot bis 2030 ausgebaut, fünfzig Millionen neue Fahrgäste gewonnen werden. Tatsächlich schafft es die Bahn mit ihrer Preisoffensive, etwa mit den 19-Euro-Tickets, mehr Fahrgäste in die Züge zu locken. Aber die Rendite leidet.

Güterverkehr

Der Güterverkehr der Bahn ist ein Sanierungsfall. Zwar verbesserte sich das Ergebnis von DB Cargo im ersten Halbjahr 2016, aber die Sparte ist defizitär – und das schon seit Jahren. Zwischen 2007 und 2015 stagnierte die Verkehrsleistung, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz.

Pünktlichkeit

174,63 Millionen Minuten haben die Personen- und Güterzüge der Bahn 2015 an Verspätungen eingefahren. Hauptursache ist die wachsende Zahl von Baustellen. Zwar schneidet die Bahn im ersten Halbjahr 2016 besser ab. Aber: Das Bemühen um pünktliche Züge ist laut Bahnchef Grube „mit großen Kraftanstrengungen verbunden“.

Infrastruktur

Die Bahn investiert viel Geld in die Infrastruktur: Gut 5,2 Milliarden Euro flossen 2015 etwa in die Instandhaltung von Schienenwegen und Brücken. Doch es hapert bei der Koordinierung der vielen Baustellen. Und so verursacht die von Konzernchef Grube gefeierte „größte Modernisierungsoffensive in der Bahn-Geschichte“ vor allem eines: Verspätungen.

Privatisierung

Die Bahn braucht Geld, um den Schuldenanstieg zu bremsen. Geplant war deshalb ein Verkauf von maximal 40 Prozent der britischen Tochter Arriva und des Transport- und Logistikkonzerns DB Schenker. Arriva sollte im zweiten Quartal 2017 an der Londoner Börse starten, Schenker danach in Frankfurt. Doch die Pläne sind jetzt vom Tisch.

Stuttgart 21

Bahnchef Grube feierte kürzlich die Grundsteinlegung für den Stuttgarter Tiefbahnhof, aber das Großprojekt bleibt umstritten. Beim Volksentscheid 2011 war noch von 4,5 Milliarden Euro Kosten die Rede. Der Bundesrechnungshof hält nun offenbar zehn Milliarden Euro für möglich, Grube selbst spricht von 6,5 Milliarden Euro.

Die Bahn ist nach eigenen Angaben bereits der fünftgrößte Stromversorger Deutschlands, musste zuletzt aber laut „Welt“ deutliche Mengeneinbußen beim Stromverkauf an andere Bahnunternehmen hinnehmen.

„Wer werden keine Kampfpreise machen, wir kaufen uns keine Marktanteile. Aber unsere Produkte werden immer günstiger sein als der Standardtarif des Grundversorgers“, sagte Witschke über das neue Angebot für Privatkunden. Nach Angaben der Preisvergleichsportale Verivox und Check 24 gehört „dbstrom“ mit seinen Verträgen über 12 oder 24 Monate Laufzeit aber nicht zu den preisgünstigsten Anbietern von Ökostrom.

Die Bahn ist selbst einer der größten Stromverbraucher in Deutschland. 20.000 elektrische Züge rollen pro Tag durch Deutschland. Zusammen mit anderen Eisenbahnunternehmen summierte sich das 2016 auf 10.000 Gigawattstunden. Das ist fast so viel Strom, wie die Großstadt Berlin im Jahr verbraucht.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×