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14.11.2012

06:28 Uhr

Strommarkt

Massenhafte Beschwerden gegen Flexstrom

ExklusivDer Berliner Billigstromanbieter Flexstrom sieht sich als Underdog und Vorreiter der Liberalisierung. Dass sich das Unternehmen mit tausenden von Kunden streitet, finden die Manager nicht so schlimm.

Der Stromanbieter Flexstrom hat mit einer Flut von Beschwerden zu kämpfen. dpa

Der Stromanbieter Flexstrom hat mit einer Flut von Beschwerden zu kämpfen.

DüsseldorfErst wirbt man die Kunden, dann streitet man sich mit ihnen. Flexstrom ist nach Recherchen des Handelsblatts der größte Arbeitgeber der neu eingerichteten Schlichtungsstelle für Energie. Rund ein Viertel aller 14.000 im ersten Jahr eingegangenen Beschwerden kamen von Verbrauchern, die einen Vertrag bei Flexstrom haben. Die Schlichtungsstelle wurde im Oktober 2011 eingerichtet und soll einerseits die Gerichte entlasten, andererseits zur Kundenzufriedenheit der Energieverbraucher beitragen.

Grund für die vielen Konflikte ist nach Angaben von Flexstrom neben Reibereien bei An- und Abmeldungen die Auszahlung von Boni. Flexstrom verspricht Neukunden bei Vertragsabschluss von Vorkassetarifen üppige Sonderzahlungen, die aber erst nach einem Jahr ausgezahlt werden sollen. Ist die Frist vorbei, gibt es massenhaft Streit, ob der Bonus nun tatsächlich ausgezahlt werden muss oder nicht.

Die nächste Welle der Strompreiserhöhungen

Trend

Für Januar 2013 haben bisher 602 Grundversorger Strompreiserhöhungen angekündigt.

Stand: 26.11.2012, Quelle: Check24.de

Durchschnittliche Steigerung

Im Durchschnitt steigen die Stromkosten bei den 602 Grundversorgern für einen Vier-Personen-Haushalt (5.000 kWh p.a.) um 11,98 Prozent bzw. 154,48 Euro im Jahr.

Spitzenpreise

In der Spitze wird Strom sogar um mehr als 20 Prozent bzw. 260 Euro p.a. teurer – betroffen sind die Kunden der Stadtwerke Plattling (Bayern).

Strompreiserhöhungen 2012

Schon im Vorjahr hatten 430 Grundversorger für Strom ihre Preise erhöht. Das ist etwas weniger als die Hälfte aller Grundversorger für Strom in Deutschland. Im Schnitt lagen die Erhöhungen nur bei vier Prozent bzw. 46 Euro für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt (5.000 kWh p.a.), in der Spitze bei 15 Prozent bzw. 178 Euro.

Horror-Prognose

„Nach großen Erhöhungswellen 2010 und 2011 war es auf dem Strommarkt in diesem Jahr erstaunlich ruhig“, sagt Isabel Wendorff vom Vergleichsportal Check24. „Doch das war die Ruhe vor dem Sturm: Für das erste Quartal 2013 rechnen wir damit, dass nahezu alle Grundversorger ihre Strompreise anheben. Die Erhöhungen werden im Schnitt drei Mal so hoch sein wie 2012“, erklärt Wendorff weiter.

Tipp

„Durch einen Wechsel zu einem Alternativanbieter sparen Verbraucher bis zu 500 Euro im Jahr“, erklärt Wendorff. „Beim Wechsel ist es wichtig auf eine Preisgarantie über die gesamte Vertragslaufzeit zu achten. Besonders müssen Verbraucher momentan darauf achten, dass die EEG-Umlage in der Preisgarantie enthalten ist“, rät Wendorff weiter.

Flexstrom sieht die Beschwerdeflut gelassen. „Natürlich würden wir die Quote gern senken“, sagte Flexstrom-Sprecher Dirk Hempel. „Aber die Zahlen hauen uns wirklich nicht um. Bei unseren 570 000 Kunden machen diese drei- oder vier tausend Beschwerden ja nur eine Quote von weniger als einem Prozent aus. Das ist nichts Ungewöhnliches.“

Diese Einschätzung mehr Wunsch als Wirklichkeit, ja sogar grundfalsch. Die Schlichtungsstelle schlüsselt ihre Zahlen nicht auf. Doch nach Recherchen des Handelsblattes haben von den rund 1700 Anbietern auf dem Strom- und Gasmarkt mehr als 1000 Unternehmen gar keine Schlichtungen zu verzeichnen. Selbst Großkonzerne mit Millionen von Kunden beschäftigen die Schlichter nur mit einigen wenigen Fällen. Flexstroms Streitfaktor liegt hier mehrere hundert Mal höher.

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Doch nicht nur die Kunden sind skeptisch, sondern auch der Kapitalmarkt. Gestern gab Flexstrom bekannt, eine mit 8,25 Prozent verzinste, fünfjährige Anleihe herauszugeben und so 35 Millionen Euro einsammeln zu wollen. Damit solle das Wachstum finanziert werden. Vermögensberater aber raten vom Kauf der Anleihe ab. „Aus unserer Sicht ist Flexstrom zu hoch verschuldet, insbesondere wenn man den sehr hoch angesetzten Unternehmenswert (Goodwill) abzieht“, sagt Max Schott vom Vermögensverwalter Sand und Schott. Zudem sei der Cashflow von Flexstrom unregelmäßig. Schott: „Trotz der attraktiven Rendite raten wir Anlegern vom Kauf der Anleihe eher ab.“

 

Kommentare (24)

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Jorg

14.11.2012, 07:11 Uhr

Soviel zum Thema "billig billig" und der Strom kommt aus der Steckdose. Kein Problem. Einfach ein paar Windräder aufstellen und ein paar Photozellen installieren. Und nicht vergessen, der Wechsel zum Billiganbieter ist ganz einfach, dann kostet der Strom sogar noch weniger. Alles Märchen, die dicke Rechnung kommt noch,

kratzbuerste

14.11.2012, 07:24 Uhr

"Vermögensverwalter Sand und Schott" - Da setzt der Kunde ohnehin alles in Sand und Schott-er! Ob nun Flex oder Schott - Sand ist einfach überall im Getriebe. Sonst würde nichts angeboten, wären die "Leit" längst auf Hawaii...

Stula

14.11.2012, 07:50 Uhr

Jaja, die Politik rät doch zu Vorkasse und Neukundenbonus, so kann man sich Energiekosten schön rechnen.

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