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16.09.2016

08:19 Uhr

Stuttgart 21

So kompliziert sind die Arbeiten im Untergrund

Mammutprojekt Stuttgart 21 – sechs Jahre nach Baubeginn wird das Fundament für den Tiefbahnhof gegossen. Die Kritiker sind geblieben, doch ihr Protest schwächer. Wie es um die Bauarbeiten steht? Ein Blick in die Tiefe.

Bauarbeiter im Cannstatter Tunnel von Stuttgart 21: Die Arbeiten laufen auf Hochtouren, auch wenn es noch Kritiker des Bahnprojekts gibt. dpa

Baustelle Stuttgart 21

Bauarbeiter im Cannstatter Tunnel von Stuttgart 21: Die Arbeiten laufen auf Hochtouren, auch wenn es noch Kritiker des Bahnprojekts gibt.

StuttgartDas Doppel-Hupen zur Warnung ist ohrenbetäubend laut. Dann ruft der Bergmann Daniel Hoffmann in einem Tunnel-Rohbau des Bahnprojekts Stuttgart 21: „Achtung, ich schieße!“ Er kurbelt an einem Kasten, drückt – und aus 300 Metern Entfernung ist ein dumpfer Knall zu hören. 50 Sprengstäbe sind in einer Wand am Ende des Tunnels explodiert. Die Druckwelle ist enorm. Eine Tüte weht umher, Haare und Klamotten wirbeln durcheinander. Eine Staubwolke ist zunächst nicht zu sehen – sie kommt erst später, wenn Luft ans Tunnelende gepumpt und das bei der Sprengung entstandene Gas nach draußen gedrückt wird.

Für den 38-jährigen Bergarbeiter Hoffmann ist die Szene Alltag – in etwa einem Dutzend Tunnelröhren in Stuttgart wird täglich gesprengt. Nahezu 20 der 59 Kilometer Tunnelstrecke unter der Stadt sind bereits gegraben oder vorgetrieben, auf der Neubaustrecke nach Ulm sind es nach Angaben der Bahn weitere 32 von 61 Tunnel-Kilometern. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Bauingenieur Wadim Strangfeld.

Vor mehr als sechs Jahren schon sagte Bahnchef Rüdiger Grube: „Stuttgart 21 ist ab heute Realität.“ Im Februar 2010 bei der Feier zum Baubeginn des Milliardenvorhabens Stuttgart 21 wollten Kritiker das nicht glauben. Das ist auch heute nicht anders, obwohl mit der Grundsteinlegung – wieder mit Grube als Hauptredner – das Projekt einen weiteren Meilenstein erreicht.

So steht es um Stuttgart 21

Bauzeit

Offiziell soll der Tiefbahnhof Ende 2021 in Betrieb genommen werden, ausgeschlossen wird aber auch nicht 2023. Das wäre dann vier Jahre später als ursprünglich geplant. Der Baubeginn war im Februar 2010.

Kosten

Auch die Kosten sind seit dem Baubeginn in die Höhe geschnellt: Die einst von Bahnchef Rüdiger Grube genannte „Sollbruchstelle“ von 4,5 Milliarden Euro ist bereits um bis zu zwei Milliarden Euro überschritten.

Finanziers

Wer die Mehrkosten trägt, ist unter den Projektpartnern ungeklärt. Bahn und Grüne in der Regierungskoalition liegen deshalb im Clinch. Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wiederholt mantraartig, dass das Land nicht mehr als 930 Millionen Euro beisteuert – zum Unmut der Bahn.

Zweifel

Von den Kritikern beauftragte Experten, aber dem Vernehmen nach auch der Bundesrechnungshof in einem Geheim-Bericht gehen von einer Kostensteigerung auf zehn Milliarden Euro aus. Das wäre dann fast ein Vierfaches der ganz zu Anfang kalkulierten Baukosten. In einem unmittelbar vor der Grundsteinlegung bekannt gewordenen weiteren Prüfbericht fordern die Finanzkontrolleure eine stärkere Kosten- und Qualitätskontrolle des Bundesverkehrsministeriums ein. Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Eins von drei Problemprojekten

Stuttgart 21 ist eines von drei prominenten Projekten in Deutschland, die nicht pünktlich fertig und immer teurer werden. Das seit Mitte der 1990er Jahre geplante Projekt wird in einem Atemzug genannt mit dem Flughafen Berlin Brandenburg und der Hamburger Elbphilharmonie.

Eine Röhre vom Nordkopf des künftigen Hauptbahnhofs in Richtung Stadtteil Bad Cannstatt ist fast fertig, nur 250 Meter der etwa 2,5 Kilometer fehlen noch. „Mit etwas Glück haben wir noch dieses Jahr den Durchschlag“, sagt Strangfeld, der für den Tunnel unter dem Kriegsberg zuständig ist.

Kaum ein Bauprojekt in Deutschland hat so massiven Widerstand ausgelöst wie Stuttgart 21. Geldverschwendung und gefährlich für die Umwelt, so die Kritik der Gegner. Auf dem Höhepunkt der Proteste 2010/11 zogen Zehntausende auf die Straße. Neben der Atomkatastrophe von Fukushima war auch S21 ein Grund dafür, dass die Grünen 2011 von der Opposition in die Landesregierung wechseln konnten.

Hier baut die Bahn 2016

Hamburg − Hannover

Von Mai bis Mitte Juli Weichen- und Gleiserneuerung. Umleitungen im Fernverkehr mit bis zu 30 Minuten längerer Fahrzeit, im Nahverkehr 15 Minuten.

Hannover – Göttingen

Von Mitte Juli bis Anfang September teilweise Totalsperrung und Umleitungen. 40 Minuten mehr Fahrzeit im Fernverkehr. Auch Nahverkehr betroffen.

Hannover – Kassel

Möglicherweise kurzfristig Austausch von Schotter. Zeitplan und Umfang möglicher Sperrungen will die Bahn „in Kürze“ bekannt geben.

Mannheim − Karlsruhe/Stuttgart

Längere Fahrtzeiten von fünf Minuten wegen eines Stellwerksbaus von Ende April bis Anfang September und Mitte November bis Dezember.

Münster – Osnabrück

Von Anfang August bis Anfang November teilweise Sperrungen und Umleitungen einzelner Fernzüge, 22 Minuten längere Fahrzeit.

Berlin − Elsterwerda − Dresden

Ab Anfang August sind Fernzüge wegen einer Umleitung 20 Minuten länger unterwegs. 75 Regionalzüge zwischen Flughafen Schönefeld und dem Süden Brandenburgs fallen pro Tag aus.

München − Salzburg/Kufstein

Teilausfälle Ende April und Anfang Mai sowie von August bis Oktober

Köln − Hagen

Längere Fahrzeiten im Fernverkehr wegen Umleitung über Düsseldorf ab Juli. Grund sind Gleiserneuerungen zwischen Solingen und Opladen.

Ulm − Augsburg

Von Ende Juli bis Mitte September Teilausfälle und längere Fahrtzeiten von 20 Minuten wegen Gleis- und Brückenarbeiten, im Nahverkehr 30 Minuten.

Inzwischen sind die Proteste leiser geworden, wenngleich einmal pro Woche noch Hunderte, manchmal mehr als 1000 Projektgegner auf ihrer Montagsdemo durch die Stadt ziehen. Ein Kritikpunkt: Das großteils unterirdische Bauwerk sei schlecht für das Trinkwasser, es berge unkalkulierbare Risiken.

Der Tunnel, für den Ingenieur Strangfeld verantwortlich ist, geht unter anderem durch Gipskeuper. Dieses Gestein hat seine Tücken – durch Wasser kann Gipskeuper aufquellen, es kann so auch in Bewegung geraten. In der badischen Kleinstadt Staufen kam es zum Beispiel wegen des Gipskeupers zu Rissen an der Oberfläche.

Kommentare (7)

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Herr Thomas Behrends

16.09.2016, 09:35 Uhr

„Wir sind auf einem guten Weg“

Man, das ist so ein blöder, abgegriffener Spruch und bedeutet so viel wie "wir verbergen unsere Inkompetenz hinter platten Aussagen".

Was soll es denn bedeuten: GAR NICHTS!

Es kann auch heißen "wir laufen in die Irre und kriegen nichts gebacken".

Herr Wolfgang Bürger

16.09.2016, 11:10 Uhr

...das ist (wieder)Hochverrat am deutschen Steuerzahler! Alleine schon wer sich alles an den steigenden Kosten bereichert, ist kriminell. Man müßte längst Anklageschriften verfassen. Doch leider ist so ein komplexer Wahnsinn nicht angreifbar. BER usw lassen grüßen.

Herr Marcel Europaeer

16.09.2016, 11:43 Uhr

Ein herausragendes Projekt und auf Dauer gesehen sicher die richtige Entscheidung für Stuttgart. Der komplette Innenstadtbereich kann anstelle der ehemaligen verschwendeten Fläche des Kopfbahnhofs neu bebaut und gestaltet werden. Auf Jahrzehnte ist damit die Entwicklung Stuttgarts gesichert.

Ärgerlich ist, dass es auch im 21. Jahrhundert anscheinend nicht möglich ist, Projekte vorab finanziell richtig zu bewerten. Tendenziell werden Bauprojekte immer teurer als geplant. Das galt für Schoss Neuschwanstein genauso wie für die Oper in Sydney, den Kölner Dom, den Berliner Flughafen oder die Hamburger Oper.

Das beruhigende ist, dass alle diese Skandale wenige Jahr nach Eröffnung der Bauten vergessen sind und die Bauwerke zum großen Teil begeistert angenommen werden. Mit Stuttgart 21 wird es nicht anders sein.

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