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19.08.2014

20:19 Uhr

Süßwaren ohne Tiergelatine

Das Fruchtgummi wird vegetarisch

VonLisa Hegemann

Vegetarisches Fruchtgummi erobert die Supermärkte: Große Hersteller wie Katjes, aber auch die Discounter haben die fleischfreie Zielgruppe für sich entdeckt. Doch ganz auf Gelatine verzichten die Hersteller noch nicht.

Die Süßwarenhersteller produzieren auch immer mehr gelatinefreie Fruchtgummis, weil die Nachfrage danach steigt. Das freut die Vegetarier. Getty Images

Die Süßwarenhersteller produzieren auch immer mehr gelatinefreie Fruchtgummis, weil die Nachfrage danach steigt. Das freut die Vegetarier.

DüsseldorfWenn ein Vegetarier früher Süßigkeiten kaufen wollte, musste er sich erst einmal durch die Zutatenliste kämpfen. Ist Gelatine in dem Produkt? Eine tierische Fettsäure? Heute ist Naschen für den Teil der Bevölkerung, der sich frei von Fleischprodukten ernährt, deutlich einfacher. Selbst Discounter bieten nicht nur vegetarisches Fruchtgummi an – sie kennzeichnen es auch noch deutlich als gelatinefrei. Aldi warb erst vor wenigen Wochen damit, dass sein No-Name-Label nun auch das gelbe V trage. Das wird von der European Vegetarian Union (EVU) vergeben und soll vegetarische Süßigkeiten leichter erkennbar machen.

Man könnte fast sagen: Das Süßwarenregal wird vegetarisch. Sowohl die großen Hersteller Katjes und Haribo als auch die Discounter mischen auch ohne Gelatine kräftig mit bei den Naschereien für Vegetarier – und werben fleißig für ihre Produkte ohne tierische Zusatzstoffe. Doch wer die Gelatinehersteller fragt, stellt fest: Viel mehr als Augenwischerei ist das nicht.

Vegetarier sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dort heißen sie dann auch mal Flexitarier, verzichten also nicht ganz auf Fleisch, essen aber nur wenig und achten auch bei anderen Nahrungsmitteln auf die Inhaltsstoffe, zum Beispiel bei Süßigkeiten. Knapp sieben Millionen Vegetarier lebten 2013 nach Angaben des Instituts für Demoskopie Allensbach in Deutschland, also etwa sieben bis acht Prozent der Bevölkerung. Vor 30 Jahren waren es gerade mal 0,6 Prozent. Kein Wunder, dass da auch die Süßigkeitenhersteller reagieren.

Daten und Fakten zu Vegetariern

Anzahl der Vegetarier

In Deutschland leben nach Untersuchungen des Instituts für Demoskopie Allensbach etwa 6,9 Millionen Vegetarier. Der Vebu (Vegetarierbund Deutschland) geht sogar von mehr als sieben Millionen aus.

Der typische Vegetarier

Laut einer Studie der Uni Jena ist der typische Vegetarier weiblich, zwischen 20 und 29 Jahre alt, überdurchschnittlich gut gebildet und lebt in einer Großstadt.

Verteilung nach Geschlechtern

Zwei Drittel der Vegetarier sind weiblich. Dementsprechend entscheiden sich nach Angaben der Uni Jena nur 30 Prozent der Männer für eine fleischlose Ernährung.

Gründe für Vegetarismus

Die meisten Vegetarier haben sich für die fleischlose Ernährung entschieden, weil sie die Zustände der Massentierhaltung anprangern. Auf Platz zwei der Gründe kommt der Einfluss anderer – also jemand aus der Familie oder aus dem Freundeskreis, der einen von der fleischfreien Ernährung überzeugt hat. Auf dem dritten Platz finden sich die Zustände der Tiertransporte.

Quelle: Uni Jena

Akzeptanz in der Bevölkerung

Rund 12 Prozent der Bevölkerung essen nur sehr selten Fleisch, hat die Uni Hohenheim herausgefunden. Fast jeder Zehnte will seinen Fleischkonsum außerdem in Zukunft verringern. Die Uni geht sogar davon aus, dass sich durch Informationskampagnen rund 60 Prozent der Deutschen überzeugen ließen, weniger Fleisch zu essen.

Nur 13,4 Prozent der Verbraucher wollen mehr Fleisch essen, wenn die Preise sinken, und nur zwei Prozent planen, überhaupt mehr Fleisch zu essen.

Konsum von Fleischersatzprodukten

In Deutschland haben 2013 rund 10,3 Millionen Menschen zumindest gelegentlich Fleischersatzprodukte wie Tofu gegessen. Das geht aus der Verbrauchs- und Medienanalyse 2014 hervor. Das sind 2,4 Millionen Menschen mehr als noch 2009. Allerdings greifen nur wenige regelmäßig zum Fleischersatz: Nur knapp eine Millon essen diese Produkte auch mehrmals die Woche.

Weltweite Verteilung von Vegetariern

Deutschland ist das Land mit dem zweitgrößten Anteil an Vegetariern. Das legen Daten von der Webseite Statista nahe, die den Prozentsatz einiger ausgewählter Länder ermittelt hat. Demnach schafft es Taiwan mit zehn Prozent Vegetariern an die Spitze des fleischlosen Konsums. Auf Platz drei landet Israel. Dort essen 8,5 Prozent der Bevölkerung vegetarisch.

„Der gesellschaftliche Druck ist gestiegen“, sagt Lisa Wittmann. Sie ist Agrarwissenschaftlerin bei der Tierrechtsorganisation Peta, die sich für eine vegane Lebensweise einsetzt. Dass die Produzenten heute auch Fruchtgummi ohne Gelatine anbieten, wertet sie als Reaktion auf die steigende Nachfrage: „Über soziale Netzwerke steigt das Interesse der Bevölkerung an den Inhaltsstoffen in ihren Süßigkeiten“, erklärt sie.

Das sieht auch der Vebu (Vegetarierbund Deutschland) so. „Der Handel hat mitbekommen, dass der Vegetarismus kein kurzfristiger Trend ist, sondern eine langfristige Veränderung im Konsumverhalten der Verbraucher mit sich bringt“, sagt Vebu-Projektleiter Andreas Grabolle, Autor des Buches „Kein Fleisch macht glücklich“. Dass gelatinefreie Produkte im Trend sind, zeigt auch eine gemeinsame Umfrage von Katjes und dem Vebu aus dem Jahr: Drei Viertel der Deutschen bevorzugen demnach gelatinefreie Waren. Das Problem: Gut 60 Prozent fanden es schwierig, gelatinefreie Produkte im Süßwarenregal auch zu finden.

Katjes fing im Jahr 2010 damit an, das zu ändern. Damals begann das Unternehmen, seine vegetarischen Süßigkeiten explizit auszuzeichnen. Zwar hatte sich an der Rezeptur nichts verändert. Doch der Hersteller wollte es „den Kunden unter anderem einfacher machen“, die vegetarischen Produkte auf den ersten Blick zu erkennen, sagt eine Unternehmenssprecherin. Seitdem hat Katjes diverse neue vegetarische Produkte ins Programm genommen. Das Interesse sei riesig, heißt es von Seiten des Unternehmens. Zahlen zum Umsatz will Katjes aber nicht nennen.

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