Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.08.2011

13:39 Uhr

Tarifkonflikt

Fluglotsen drohen erneut mit Streik

Der Tarifkonflikt bei der Flugsicherung verschärft sich. Unterdessen prüft die Lufthansa, ob sie für den geplatzten Streik Schadenersatz fordern soll. Nun geht es ins Detail: Die Forderungen der Lotsen im Überblick.

Lufthansa-Maschine in Frankfurt: Der Betrieb läuft reibungslos. Quelle: dpa

Lufthansa-Maschine in Frankfurt: Der Betrieb läuft reibungslos.

Im Tarifkampf zwischen der Fluglotsen-Gewerkschaft GdF und der Deutschen Flugsicherung haben sich die Fronten weiter verhärtet: Für die kommende Woche drohen die Fluglotsen heute mit einem neuen Streikanlauf. Nach der gestrigen Absage müssten die Gremien nun das weitere Vorgehen beraten, sagte der Tarifvorstand der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), Markus Siebers. Mit einem neuen Streiktermin in dieser Woche rechne er nicht. „Es wird wohl Anfang nächster Woche wieder so weit sein“ , sagte Siebers. Die Fluglotsen haben sich für ihren Arbeitskampf eine jeweilige Vorwarnzeit von 24 Stunden auferlegt.

Die Deutsche Flugsicherung reagierte auf die Drohung kämpferisch: Falls erneut rechtswidrige Forderungen erhoben würden, werde man wie im ersten Anlauf dagegen juristisch vorgehen, sagte DFS-Sprecher Axel Raab. Eine weitere Möglichkeit sei der Gang in die Schlichtung, die mit ihrer Friedenspflicht einen Arbeitskampf zwingend nach hinten verschieben würde. Raab erneuerte zwar das Gesprächsangebot der bundeseigenen GmbH an die Gewerkschaft der Flugsicherung, machte ihr allerdings kein neues Angebot. Genau das machten die Fluglotsen jedoch zur Bedingung, um einen neuen Streik zu verhindern.

Die Wunschliste der Fluglotsen

Worum geht es im Tarifstreit?

Die Gewerkschaft der Flugsicherheit (GdF) verlangt 6,5 Prozent mehr Lohn. Darüber hinaus will sie das Entlohnungssystem verändern. So soll die Bezahlung sich zum Beispiel an der Zahl der Berufsjahre orientieren statt wie bisher an der Leistung.

Wie viel verdienen Fluglotsen?

Die Fluglotsen verdienen 70000 bis 120000 Euro im Jahr. Damit liegen sie im europäischen Vergleich im oberen Drittel. Das zeigt auch eine Statistik der europäischen Flugsicherung Eurocontrol. Danach lagen die Arbeitskosten der europäischen Lotsen 2009 im Durchschnitt bei 98 Euro je Stunde, die in Deutschland lagen dagegen bei 140 Euro.

Wonach richtet sich der Lohn?

Lotsen im Frankfurter Tower werden höher bezahlt als etwa in Nürnberg oder Saarbrücken. Grund ist zum einen die höhere Verkehrsleistung in Frankfurt, die bewältigt werden muss. Zum anderen müssen die Lotsen für jeden Tower auch eine Lizenz erwerben. Je mehr Lizenzen ein Lotse besitzt, desto höher ist sein Gehalt. Dieses Leistungsprinzip hat das alte, starre Lohnsystem abgelöst, als bei der Flugsicherung noch Beamte arbeiteten.

Beamte dürfen nicht streiken. War das alte System besser?

Durch die Privatisierung der Deutschen Flugsicherung konnten die Gebühren für die Airlines in den Jahren nach 1993 deutlich gesenkt werden. Natürlich dürfen nun die Beschäftigten streiken, aber eine Rückkehr zum alten System steht nicht zur Debatte.

Wie groß ist die Arbeitsbelastung der Lotsen?

Der Job ist anstrengend und erfordert höchste Konzentration. Dieser Belastung wird Rechnung getragen: So müssen die Lotsen im Schichtbetrieb nur zwischen 27 und 37 Stunden pro Woche arbeiten.

Wie sind die Lotsen im Alter abgesichert?

Ab dem Alter von 52 Jahren können die Lotsen in Rente gehen, spätestens mit 55 müssen sie das tun. Bis zum gesetzlichen Rentenalter bekommen sie 70 Prozent ihrer letzten Bezüge, danach die Rente zuzüglich einer DFS-Zusatzrente.

Ist ein Streik, der den zivilen Luftverkehr stoppt, überhaupt verhältnismäßig?

In Deutschland gibt es keine gesetzlichen Streikregeln. Im Bereich der „öffentlichen Daseinsvorsorge“, die neben Krankenhäusern auch die Flugsicherung umfasst, sind die Hürden für Streiks höher. Dem tragen die Gewerkschaften meist mit Notdienstregelungen Rechnung, die einen Mindestbetrieb sicherstellen, die GdF etwa, indem sie zusichert, keine Militär- und Polizeiflüge zu behindern. Ob das im konkreten Fall ausreicht, kann letztlich nur vor Gericht geklärt werden.

Die GdF will den Tarifvertrag für alle Mitarbeiter durchsetzen. Ist das erlaubt?

Grundsätzlich kann eine Gewerkschaft Tarifverträge für alle Mitglieder durchsetzen, die sie laut ihrer Satzung vertritt. Das sind bei der GdF alle Mitarbeiter von Betrieben im Bereich der Flugsicherung. Streiks dürfen aber nicht aus heiterem Himmel angezettelt werden, zuvor muss es ernste Verhandlungen gegeben haben. Auch darf die geforderte Tarifregelung nicht erkennbar unzulässig sein.

Warum ist eine außergerichtliche Einigung so schwer?

In den Augen der DFS stehen die Forderungen der Gewerkschaft der bevorstehenden Regulierung durch die EU entgegen: Sie will die Kosten der Flugsicherungen bis 2013 um sechs Prozent senken. Das bisher geltende und recht komfortable System, die entstehenden Kosten einfach auf die Gebühren umzulegen, ist damit nicht mehr möglich.

Unterdessen ließ die Lufthansa verlauten, dass sie möglicherweise Schadenersatz von den Fluglotsen fordern wird: Allein durch die Androhung eines Streiks für den heutigen Donnerstag seien Flugreisende verunsichert worden und der Lufthansa Schaden entstanden. Die Höhe werde derzeit geprüft, sagte ein Sprecher der größten europäischen Airline in Frankfurt am Main.

Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport gab dagegen bekannt, dass ihm durch die Streikdrohung der Fluglotsen kein Schaden entstanden sei. Die Absage des Arbeitskampfes durch die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) sei gerade noch rechtzeitig eingetroffen, sagte Unternehmenssprecher Thomas Uber. „Der Verkehr läuft normal und reibungslos. Nach unserem Eindruck mussten die Airlines Plan B nicht aus der Tasche ziehen.“ Fraport werde daher auch keinen Schadensersatz von der GdF verlangen.

Fluglotsen: Arbeitskampf noch nicht beendet

Video: Fluglotsen: Arbeitskampf noch nicht beendet

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Gestern Abend hatte das Arbeitsgericht Frankfurt den geplanten Streik wegen rechtswidriger Tarifforderungen gestoppt. Gut neun Stunden vor dem geplanten Streikbeginn sagte die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) dann den Arbeitskampf ab. Darüber zeigte sich auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erleichtert: Für einen solchen Ausstand mitten in der Urlaubszeit hätte „niemand Verständnis“ gehabt, sagte der CSU-Politiker. Eine Wochenarbeitszeit von etwa 25 Stunden, ein Jahresurlaubsanspruch von 50 Tagen und ein Brutto-Jahresgehalt von rund 120.000 Euro - „das sind Arbeitsbedingungen, die können sich sehen lassen“.

Was tun, wenn der Flug ausfällt?

Wer hilft, wenn mein Flug vom Streik betroffen sein könnte?

Erster Ansprechpartner für Flugreisende ist immer die Fluggesellschaft, bei Pauschalreisen der Reiseveranstalter. Auch die Flughäfen bieten auf ihren Internetseiten meist ausführliche Informationen über die aktuellen Flug- und Ankunftszeiten. Bei Informationen aus dem Internet ist es sinnvoll, sich diese auszudrucken, um später einen Beleg zu haben.

Was kann ich tun, wenn mein Flug ausfällt?

Wird ein Flug wegen eines Streiks gestrichen, kann man ihn entweder stornieren oder umbuchen. Bei einer Stornierung bekommt man das Geld zurück. Wer trotzdem fliegen will und den Flug umbucht, hat Anspruch auf einen späteren Flug - das kann aber dauern, bis der Streik vorbei ist.

Was ist, wenn sich mein Flug verspätet?

Bei Flügen über eine Strecke von bis zu 1500 Kilometern haben Fluggäste laut EU-Verordnung ab einer Wartezeit von zwei Stunden Anspruch auf Betreuungsleistungen. Dazu gehören Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel.

Welche Wartezeiten gelten bei Langstreckenflügen?

Bei Langstreckenflügen müssen Passagiere länger warten, bis ihnen die sogenannten Betreuungsleistungen zustehen: Auf einer Strecke von 1500 bis 3500 Kilometern gibt es Unterstützung nach drei Stunden, ab 3500 Kilometern Strecke nach vier Stunden.

Muss ich trotzdem pünktlich am Flughafen sein?

Ja, auch bei einer absehbaren Verspätung sollten Passagiere immer zur ursprünglichen Abflugszeit am Flughafen sein. Es besteht sonst die Gefahr, dass die Fluggesellschaft doch früher einen Ersatzflug anbieten kann - und der Reisende ihn dann verpasst.

Bekomme ich eine Entschädigung, wenn mein Flug wegen des Streiks ausfällt?

Nein, bei Streiks gibt es keine Entschädigung. Bei Annullierung, Überbuchung oder Verspätung ab drei Stunden haben Passagiere zwar laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro - aber nur, wenn kein „außergewöhnlicher“ Umstand daran schuld ist. Die Fluggesellschaften werten Streiks aber wie miserables Wetter als außergewöhnlichen Umstand - und zahlen deshalb nichts.

Welche Regeln gelten bei Pauschalreisen?

„Reisende können bei einem Fluglotsenstreik keinen Schadenersatz für entgangene Urlaubsfreuden einklagen“, sagt der Hannoveraner Rechtsanwalt und Reisespezialist Paul Degott. Allerdings haben Urlauber Anspruch auf Rückzahlung des Reisepreises für nicht erbrachte Leistungen. Beginnt der Urlaub also wegen des Fluglotsenstreiks erst drei Tage später, muss der Veranstalter beispielsweise auch die Kosten für die entgangenen Hotelübernachtungen zurückerstatten.

Kann ich komplett von einer Pauschalreise zurücktreten?

Reisende können komplett von einem Pauschalurlaub zurücktreten, wenn der Abflug durch den Fluglotsenstreik erheblich verzögert wird: „Wenn der Wert der Reise um 30 bis 50 Prozent, also erheblich gemindert ist, können Reisende nach Vorankündigung von der Reise zurücktreten. Sie bekommen den Reisepreis komplett zurückbezahlt“, sagt Reiserechts-Experte Degott.

Was passiert, wenn ich Hotel und Mietwagen selbst gebucht habe?

Wer Hotel oder Mietwagen selbst gebucht hat und wegen des Fluglotsenstreiks zu spät in den Urlaub startet, bleibt auf den Kosten sitzen: Beim Hotel oder der Mietwagenfirma kann man keine Leistungsminderung wegen des verspäteten Fluges geltend machen.

An deutschen Flughäfen gab es durch die Streikdrohung keine spürbaren Beeinträchtigungen. Der Betrieb laufe reibungslos, sagte ein Sprecher der Lufthansa. "Wir sind erstmal sehr froh, dass es nicht zum Streik gekommen ist." Die weitere Entwicklung in dem Tarifstreit zwischen der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) und der Deutschen Flugsicherung (DFS) müsse erstmal abgewartet werden. Auch auf dem größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main verlief der Betrieb "ganz normal", wie ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport sagte.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

04.08.2011, 11:04 Uhr

Es wird Zeit für ein generelles Streikverbot dür alle Arbeitssklaven. Schließlich mindert es die Gewinne Vermögenden!

oeflingen

04.08.2011, 12:30 Uhr

Es ist nicht akzeptabel, wenn hier eine kleine Gruppe an den Schalthebeln in Erpressermanier ihre Interessen durchzusetzen versucht. Auch andere Berufe tragen hohe Verantwortung und gehören nicht wie die Fluglotsen zu den Besserverdienern!

Account gelöscht!

04.08.2011, 13:45 Uhr

@ ihr - ich hoffe das war sarkastisch gemeint ;-)))

@ oeflingen - warum nicht? Nur weil Sie nicht da arbeiten und demzufolge keinen großen Schaden anrichtigen können wenn Sie streiken? Welch einseitige Sicht^^. In unserem Gehaltssystem ist sich nunmal jeder selbst der nächste - das wird uns doch schon in der Schule und den Medien gelehrt.
Also sollen sie doch streiken, denn sie haben halt die "Macht" dazu. Und seien Sie mal ehrlich - wieviele Arbeitgeber gibt es in Deutschland, die ohne "Not" und "Druck" freiwillig mehr zahlen um zumindest die Inflation auszugleichen? Da sollte mal nen Gesetz her, das ein Arbeitgeber jährlich das Gehalt bezüglich der inflation auszugleichen hat, meinen sie nicht? ;-)))
Aber da regt sich keiner auf - lieber schimpfen alle über Streiks und sagen, das Streiks verwerflich sind und die Streikenden böse ect.^^ Und natürlich heizen die Medien das ganze an, weil sie nur einen "Teil" der Forderungen veröffentlichen - nämlich den Teil, wo jeder sagt - boah eyh - die spinnen doch mit ihren Geldvorstellungen. soviel krieg ich aber nie und nimmer.(nein, ich auch nicht) Dafür können aber die Leute dort nichts - das ist IHR Problem.
Bei Ihrem Boss regen Sie sich ja auch net auf, wenn der sich jährlich ne Erhöhung der Bezüge genehmigt und Ihnen nix abgibt ;-)))

Nein, Streik ist ein legitimes Mittel (und meist das Einzige) um Vorderungen materieller oder arbeitstechnischer Art durchzusetzen. Teilweise geht es aber auch gar nicht um Geld sondern um "Sicherheitsfragen" wie z.B. unbezahlte angeordnete Überstunden (sehr gefährlich für die Umwelt kann so ein müder Mitarbeiter in der Flugsicherung schon sein^^) bzw. Einstellung von mehr Mitarbeitern um diese abzubauen ect.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×