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04.05.2012

13:10 Uhr

Tatjana Sterneberg

Zwangsarbeiterin für Quelle und Neckermann

Nicht nur Ikea soll Produkte aus Gefängnissen der DDR bezogen haben. Tatjana Sterneberg nähte Bett- und Kopfkissenbezüge - und entdeckte diese später in einem Neckermann-Katalog. Sie leidet noch heute unter der Haft.

Tatjana Sterneberg leidet noch heute unter den Haftbedingungen. Andreas Labes für Handelsblatt

Tatjana Sterneberg leidet noch heute unter den Haftbedingungen.

Mein Verbrechen war es, einen Italiener zu lieben. Ich war 21 und wollte jede Minute mit meinem Freund aus West-Berlin verbringen. Wir wollten heiraten. Er wollte aber nur im Westen mit mir leben. Nachdem mein Ausreiseantrag mehrfach abgelehnt wurde, habe ich mich nach Fluchtmöglichkeiten umgehört. Ein Stasi-Spitzel in meinem Arbeitsumfeld hat uns verraten. Ich wurde zu vier, mein Freund zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Ein Jahr war ich in Untersuchungshaft bei der Staatssicherheit, nach der Verurteilung kam ich ins DDR-Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg. Es war schrecklich. In einem für 650 Gefangene konzipierten Zuchthaus saßen 1974 über 1600 Frauen ein. Meine Zelle war 30 Quadratmeter groß, hatte 24 Schlafplätze in Dreistockbetten und Matratzen zwischen den Bettstellen (Bodenschläfer). Es gab drei Wasserhähne und nur eine Toilette.

DDR-Zwangsarbeiter klagt Ikea an: „Die Bedingungen waren menschenunwürdig“

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In den 1980er-Jahren stellte Dieter Ott einen Ausreiseantrag. Die DDR sperrte ihn ein. Im Gefängnis musste Ott Türgriffe und Stuhlroller herstellen. Erst jetzt weiß er, für wen: Ikea. Hier erzählt er seine Geschichte.

Das Wachpersonal hat uns um fünf Uhr geweckt, die erste Schicht begann um sechs Uhr. Zwischen 1974 und 1976 habe ich Bett- und Kopfkissenbezüge für den VEB Planet genäht. In einem riesigen Saal, links 50 Frauen, in der Mitte ein Aufgang, rechts 50 Frauen. Ein Arbeitskommando hatte rund 100 Häftlinge. Die Maschinen waren total veraltet, dauernd defekt, eine Gruppe von Häftlingen war extra eingeteilt, ständig Reparaturen zu erledigen.

Historiker zum Zwangsarbeiter-Skandal

Bringschuld

Historiker sehen Ikea nun in der Bringschuld. „Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dass Ikea von der Häftlingsarbeit in der DDR profitiert hat, dann muss das Unternehmen die Betroffenen entschädigen“, sagt Hubertus Knabe, der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. „Der Hinweis, man habe davon nichts gewusst, entbindet nicht von der Verantwortung, an der Ausbeutung politischer Häftlinge mitgewirkt zu haben.“

Entschädigung?

Knabe forderte, dass die Stasiunterlagen-Behörde den Vorwürfen nachgeht. Er unterstrich, dass Ikea nicht das einzige betroffene Unternehmen sei. Auch Firmen wie der Kamerahersteller Pentacon und das Optikunternehmen Carl Zeiss Jena hätten jahrelang von der DDR-Zwangsarbeit profitiert. „Auch diese Firmen beziehungsweise ihre Rechtsnachfolger müssen sich ihrer Verantwortung stellen.“ Die Bundesregierung sei aufgefordert, alles zu tun, dass die Umstände des Häftlingseinsatzes in der DDR aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden

Wir mussten auch in Samstags- und Sonntagsschichten schuften. Für 192 Stunden Arbeit im Monat bekam ich 345 Ostmark, also 1,80 Mark die Stunde. Die Abrechnungen habe ich noch. Da kann man auch sehen, dass keine Sozialabgaben gezahlt wurden.

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