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20.04.2014

13:15 Uhr

Textilfabriken in Bangladesch

„Eigentlich müssten wir alle Fabriken schließen“

VonChristoph Kapalschinski

Ein Jahr nach dem furchtbaren Fabrik-Unglück in Bangladesch achten westliche Einkäufer und die bengalische Regierung stärker auf die Sicherheit – und gehen doch viele Kompromisse ein. Ein Besuch vor Ort.

Dhaka, SavarSie stehen wieder am Straßenrand, wie so oft in den vergangenen Monaten, die alte Frau und der kleine Junge. Sie halten das Foto von ihrem toten Sohn und Vater in die Kameras, das Passbild mit dem gebügelten Hemd. Gerade einmal drei Wochen arbeitete er als Näher in der Fabrik, bevor sie einstürzte. 26 Jahre alt war Siddik, als er am 24. April 2013 starb – zusammen mit 1126 anderen Menschen.

Seine Mutter spricht wieder in die Mikrofone der zahlreichen Reporter, erzählt, wie die Fabrikmanager die Arbeiter drängten, in das Gebäude mit den Rissen im Beton zu gehen, kurz bevor das Rana Plaza genannte Hochhaus in sich zusammensackte. Einfach so – weil der Gebäudebesitzer mehr Stockwerke gebaut hatte als erlaubt. Die versprochene Entschädigung, übertönt ein Gewerkschafter die alte Dame per Megafon, stehe noch aus. Ein junger Aktivist einer Belgischen Entwicklungshilfeorganisation stiftet die Umstehenden an, die Faust zum Arbeitergruß zu recken.

Die Erinnerung an den Fabrikeinsturz ist in Bangladesch auch nach einem Jahr nicht verblasst. Nicht nur die regelmäßigen, professionell organisierten Proteste der Gewerkschaft National Garment Workers Federation (NGWF) halten die Erinnerung wach, sondern auch die neuen Sicherheitskontrollen der westlichen Modemarken und der bengalischen Behörden. Die Fabriken vor Ort stellen sich darauf ein. Ihre Mission: neues Vertrauen – bei den Einkäufern der Weltmarken, die billig in Bangladesch produzieren lassen, und bei den Kunden in Europa.

Das Ringen um faire Bedingungen

Unter Beobachtung

Die Fabrikbesitzer in Bangladesh stehen unter besonderer Beobachtung, seit zwei Katastrophen 2013 sowohl Auftraggeber als auch Konsumenten auf der ganzen Welt aufschreckten: Erst ging die Tazreen-Fabrik in Flammen auf und riss Dutzende Menschen in den Tod, dann fiel das Industriehochhaus Rana Plaza in sich zusammen und wurde für mehr als 1100 Menschen zum Grab.

Stabile Nachfrage

Die Nachfrage nach Textilien aus Bangladesh ist nach den Unglücken keineswegs eingebrochen, sie steigt sogar weiter an. Hauptgrund sind die günstigen Löhne. In China etwa sind die Arbeitskosten inzwischen viermal so hoch, zudem verlangen die Wanderarbeiter dort kostenlose Unterkunft und Verpflegung. Allerdings fehlt Bangladesch die Wertschöpfungstiefe, es gibt keinen Baumwollanbau. Das verursacht höhere Materialkosten. Zudem ist die Qualität der Produkte oft noch schlechter als etwa aus den fortschrittlichen Fabriken in China und Vietnam. Dazu kommen große Probleme bei der Logistik: Politische Streiks blockieren oft die Straßen, der Hafen des Landes ist überlastet. Das führt dazu, dass die Marken in Bangladesch vor allem Basisprodukte wie T-Shirts fertigen lassen. Hochwertigere und modischere Ware kommt dagegen  aus Ländern, die für höhere Liefersicherheit bekannt sind. Das limitiert das Wachstum des Textilsektors in Bangladesch, das zuletzt bei zehn Prozent lag.

Preisvorteil schrumpft

Der Preisvorteil der bengalischen Fabriken wird geringer, seit die Politik auf internationalen Druck und zahlreiche Arbeiterproteste reagierte und den Mindestlohn anhob. Seit Dezember erhalten Arbeiter monatlich mindestens 5300 Taka (49 Euro) statt wie bisher 3000 Taka. Allerdings dürfte der Aufpreis pro Kleidungsstück nur ein paar Cent betragen. Dazu kommt: Als eines der ärmsten Länder der Welt schlägt die EU auf Exporte aus Bangladesh keinen Zoll auf – das macht die Ware aus dem Land noch konkurrenzfähiger.

Lasche Prüfungen des BSCI

Seit 2003 existiert die Industrie-Initiative BSCI, die soziale Kriterien nach einheitlichen Maßstäben prüft. Inspektoren haken einen Kriterienplan ab, Fabriken bekommen Maßnahmen-Empfehlungen. Dazu nutzen sie eine Selbsteinschätzung der Fabrikmanager, einen Kontrollgang und Befragungen von Mitarbeitern. Allerdings wird nur alle drei Jahre neu kontrolliert, teilnehmende Marken dürfen ein Drittel ihres Volumens bei unauditierten Fabriken kaufen. Immerhin: Das Bewusstsein für solche Kriterien ist gestiegen, Kinderarbeit inzwischen höchst selten. Auch Rana Plaza hatte ein BSCI-Siegel – geprüft vom Tüv Rheinland, der damals nur mit einem Sozial-Prüfer in dem Land arbeitete. Heute sind es drei.

Händlerverbund Accord

Im Accord haben sich viele europäische Marken und Händler zusammengeschlossen, die in Bangladesch einkaufen. Sie verpflichten sich rechtlich bindend, nur bei von der Organisation geprüften Fabriken zu kaufen. Einbezogen sind auch Regierung und Arbeiter-Organisationen. Derzeit untersuchen westliche Bauingenieure die Fabriken, die für die Teilnehmer produzieren. Einige wenige werden ausgeschlossen, die meisten bekommen Auflagen für den Umbau, die sie innerhalb einiger Monate erfüllen müssen. Die Marken wollen teilweise Sicherheitsumbauten kofinanzieren. Die ersten Berichte stehen bereits im Netz. Das US-Pendant zum Accord heißt Alliance.

Vielfalt an Siegeln

Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) – zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

„Build your Trust“,  wirbt Heidelcement in meterhohen Buchstaben auf nacktem Beton ausgerechnet in der Industriestadt Savar, in der die Fabrik Rana Plaza einstürzte. Weniger Meter entfernt, verborgen hinter einer Stahlwand, wühlen noch immer Menschen in den Trümmern nach Brauchbarem. Neben ihnen erinnert eine Skulptur, zwei Hände kreuzen Hammer und Sichel, an die Opfer.

Um die Unglücksstelle drängt das Leben. Durch die  Straße schieben sich die Rikschas, daneben schleift ein Handwerker auf einem riesigen Rad Scheren, rasiert ein Barbier seine Kunden unter freiem Himmel, stoben die Fliegen um einen Stand mit frischen Erdbeeren. Rana Plaza stürzte vor einem Jahr an einer belebten Verkehrsstraße ein, mitten zwischen Marktständen und langen dunklen Einkaufspassagen für T-Shirts und billige Schuhe.

Savar ist ein riesiger Heimwerkermarkt für Großprojekte. Direkt neben der Einsturzstelle verkauft ein Laden Stahlmonierungen für die Stahlbeton-Skelette der oft illegalen Bauten, die anschließend mit Steinen aus den qualmenden Ziegeleien am Fluss ausgemauert werden sollen. Egal wohin der Blick von der maroden Fußgängerbrücke über die Hauptstraße schweift: Überall ragen halbfertige Betonskelette in die Höhe, wagemutig konstruiert, von Bambusstangen gestützt. Wer nur professionelle Bauten stehen lassen wollte, müsste von Savar fast alles abreißen.

Und da soll sich ausgerechnet die Textilindustrie, deren Hauptargument Billigpreise sind, an die Regeln halten? Fabriken, in denen Tausende Arbeiterinnen T-Shirts für zwei Dollar nähen?

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

22.04.2014, 10:56 Uhr

Schließen? Warum ließ man diese Bauten erst errichten? Wo floß das Schmiergeld hin?

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