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09.04.2017

16:46 Uhr

Textilstandort Äthiopien

Billiger als Bangladesch

Auf den Etiketten von T-Shirts und Hosen steht längst nicht mehr nur „Hergestellt in der Türkei“, sondern auch „Made in Bangladesh“. Doch die globale Textilindustrie zieht schon weiter – nach Äthiopien.

In der modernen Fabrik in der äthiopischen Hauptstadt sind Arbeiterinnen mit dem Nähen von Kinderwäsche beschäftigt. dpa

Textilfabrik in Addis Abeba

In der modernen Fabrik in der äthiopischen Hauptstadt sind Arbeiterinnen mit dem Nähen von Kinderwäsche beschäftigt.

Addis AbebaStaaten wie Indien, Bangladesch und Sri Lanka waren lange die Superbillig-Standorte der Textilindustrie. Jetzt dienen sich der Branche neue Niedriglohnländer an: Äthiopien, Haiti, Kambodscha und Myanmar. Oft verdienen Firmen aus den „alten“ Textilstaaten dort mit. Die Chinesen und die Türken sind schon in Äthiopien. Auch Textilfirmen aus Indien und Bangladesch, deren Kleidung auch in Deutschland landet, haben in dem ostafrikanischen Land schon die ersten Pflöcke eingeschlagen.

Eine von ihnen ist die indische Firma Jay Jay, die an ihren alten Standorten in Südindien, Sri Lanka und Bangladesch rund 70.000 Arbeiter beschäftigt. In Äthiopien, wo der Monatslohn für angelernte Textilarbeiter bei umgerechnet etwa 50 Euro und damit noch unter dem Niveau von Bangladesch liegt, ist Jay Jay seit zwei Jahren im Geschäft.

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Die Firma beschäftigt in Äthiopien etwa 1800 Menschen, Tendenz steigend. Die Jay-Jay-Fabrikhalle liegt im Industriepark Bole Lemi vor den Toren der Hauptstadt Addis Abeba. In der modernen Halle herrscht ohrenbetäubender Lärm. Maschinen rattern, Vorarbeiter rufen Kommandos. Dann ertönt ein Gong. Die Mittagspause ist vorbei. In der Küche, die auf einer Empore liegt, wird der Boden gewischt. Es riecht nach Gemüse, scharfer Soße und gesäuertem Brot. Das Essen ist für die Zuschneiderinnen und Näherinnen umsonst. Mehr als 300 Frauen stehen hier pro Schicht hinter hohen Tischen.

Acht Stunden pro Tag nähen sie kleine Leibchen und Strampler aus Baumwolle. Der Großteil der Baby-Bekleidung, die in diesem neuen Industriepark vor den Toren von Addis Abeba hergestellt wird, geht in die USA und nach Europa. „Etwa fünf Prozent der Produktion ist für Deutschland bestimmt, zu unseren Kunden gehört auch H&M“, erklärt der Fabrikdirektor. M. Balasubramaniyam steht auf seiner Visitenkarte. Für die Arbeiterinnen, die hier schuften, ist er unaussprechlich.

Äthiopien hat etwa 100 Millionen Einwohner und zählt zu den ärmsten Staaten der Welt. Die Regierung hofft, dass zu den aktuell knapp 50.000 Beschäftigten im Textilsektor in den kommenden vier Jahren weitere 350.000 Arbeiter hinzukommen. Zwar hat das Land keinen Zugang zum Meer. Doch dafür bietet der am chinesischen Modell orientierte Staat im Vergleich zu den meisten seiner Nachbarstaaten am Horn von Afrika ein gewisses Maß an politischer Stabilität.

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