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12.05.2015

09:34 Uhr

Tiefrote Bilanz

Air Berlin sieht einen Hoffnungsschimmer

VonJens Koenen

Der Verlust bleibt hoch, das Eigenkapital ist immer noch negativ. Doch bei Air Berlin gibt es versteckt erste Hinweise auf eine Besserung. Die Frage ist: Hält diese Entwicklung?

Geht es für die kriselnde Airline bald wieder aufwärts? dpa

Air Berlin

Geht es für die kriselnde Airline bald wieder aufwärts?

FrankfurtStefan Pichler, seit Februar Chef von Air Berlin, ist zuversichtlich: „Das erste Quartal ist ordentlich verlaufen“, lässt er sich  in der Mitteilung des Unternehmens über die Zahlen des ersten Quartals zitieren. Verwundert reibt sich der Betrachter die Augen. Das Nettoergebnis ist mit minus 210,1 Millionen Euro so rot wie ein Jahr zuvor, die Nettoverschuldung hat sich mit 782 Millionen Euro nur marginal verbessert. Und das Eigenkapital ist nach IFRS-Rechnungslegung nach wie vor deutlich negativ. Sieht so ein ordentliches Quartals aus? Wohl kaum.

Und doch findet, wer genauer hinschaut, im erschreckenden Quartalsbericht den einen oder anderen ganz zaghaften Hinweis, dass sich bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft etwas tut. Ins Auge fällt etwa das Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit). Es ist mit minus 159,9 Millionen Euro zwar immer noch deutlich negativ. Aber das ist im chronisch schwachen ersten Quartal in der Luftfahrt nicht ungewöhnlich. Wichtiger ist hingegen, dass das Rot etwas heller geworden ist. Ein Jahr zuvor hatte hier noch minus 182,8 Millionen Euro gestanden.

Die operative Gesundung des Dauer-Sorgenkindes der deutschen Luftfahrt findet sich auch noch an anderen Stellen im Quartalsbericht. Der so genannte Yield hat sich in den ersten drei Monaten um 4,2 Prozent auf 121,66 Euro verbessert. Hinter dem sperrigen Branchenjargon verbirgt sich der Umsatz abzüglich der Kosten pro Passagier und Strecke. Übersetzt heißt das Plus also: Air Berlin setzt pro Sitz mehr um als im ersten Vierteljahr 2014.

Stefan Pichler: Neue Führungscrew für Air Berlin

Stefan Pichler

Premium Neue Führungscrew für Air Berlin

Stefan Pichler ist unter Zeitdruck, denn die Lage bei Air Berlin ist prekär. Der neue Vorstandschef greift daher bei der angeschlagenen Fluggesellschaft durch – und verpflichtet Manager von Konkurrenten.

Wie das gelungen ist, auch das zeigt der Quartalsbericht. So wurden die Kosten pro Sitz und Kilometer im Zaum gehalten. Inklusive der hochvolatilen Treibstoffrechnung blieben sie nahezu auf Vorjahresniveau. Gleichzeitig hat Air Berlin im ersten Quartal die Platzkapazitäten um 1,5 Prozent erhöht. Das bedeutet nun nicht, dass Air Berlin wieder wächst. Grund waren die die  Osterferien, die in diesem Jahr bereits Ende März begannen. Oster-Zeit ist Reisezeit, was sich in den Zahlen des ersten Quartals widerspiegelt.

Aber Fakt ist: Die zusätzliche Kapazität wurde zu besseren Preisen verkauft. Gleichzeitig stieg auch die Auslastung der Flugzeuge um 1,7 Prozent auf 83,2 Prozent. Alles das bedeutet am Ende: Air Berlin schafft es allmählich, durch eine intelligentere und nachfrageorientierte Preisgestaltung mehr Geld einzufliegen. Unternehmens-Chef Pichler hatte genau das als eine der wesentlichen Baustellen identifiziert.

Nun muss Pichler zeigen, dass diese noch sehr zaghafte Verbesserung auch das ist, was Air Berlin so dringend braucht: eine dauerhafte Trendwende. Denn erst wenn das operative Geschäft wieder Ertrag abwirft und stark genug ist, sich selbst zu finanzieren, lohnt es sich, auch über eine Kapitalisierung der Gesellschaft nachzudenken. Erst dann kann auch das bedrohliche Thema des aufgezehrten Eigenkapitals endlich beseitigt werden. Denn kein Investor wird auf Dauer schlechtem Geld gutes Geld hinterherwerfen.

Rastlos um die Welt – der Lebenslauf des Stefan Pichler

Geburt

1957: Stefan Pichler wird in München geboren. Seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater arbeitet beim Patentamt.

Quelle: Wirtschaftswoche Online

Laufkarriere

1970: Pichler erweist sich als talentierter Läufer. Als Schüler läuft er Mittelstrecke, dann wechselt er zum Hindernislauf und schließlich auf die Langstrecke.

1976: Nach dem Abitur startet Pichler eine Karriere als Profi-Langläufer, die ihn auch dank einer extrem schnellen Zeit beim Marathonlauf (2 Stunden, zwölf Minuten) in die Nationalmannschaft bringt. Über die 25-Kilometer-Distanz gehört Pichler zeitweise zu den fünf Besten der Welt.

1980: Pichler qualifiziert sich für die Olympischen Spiele in Moskau. Doch seine Teilnahme scheitert am Boykott des Westens nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan.

Job bei Nike

1983: Pichler beendet seine Laufkarriere und sucht eine Stelle. Beim Sportartikelkonzern Adidas schnappt ihm der heutige Konzernchef Herbert Hainer einen Job weg. Pichler geht stattdessen als Leiter des Bereichs Sport Promotions zum Konkurrenten Nike.

Studium

1985: Pichler kündigt seinen Job und studiert Jura und Wirtschaftswissenschaften in Augsburg. Er macht 1989 einen Abschluss als Diplom-Ökonom.

Einstieg bei der Lufthansa

1990: Nach einem Trainee-Programm bei der Lufthansa geht er für die Fluglinie nach Paris. Er beginnt als Marketingleiter für Frankreich und übernimmt 1992 auch den Job als Verkaufsleiter. 1993 wird Pichler Landeschef für Frankreich und sorgt für deutliches Wachstum.

1995: Pichler wechselt in die Lufthansa-Zentrale nach Frankfurt, zunächst als Leiter Globale Vertriebspolitik und ab 1996 Vertriebschef Deutschland. 1997 wird er Verkaufsvorstand des Fluggeschäfts. Unter dem Motto „Wir matchen jeden Preis“ attackiert er die ersten Billigflieger wie Ryanair. Um das zu finanzieren, drückt er die Vertriebskosten und macht sich bei den damals zentralen Reisebüros unbeliebt, weil er die Verkaufsprovisionen von den üblichen neun Prozent vom Umsatz auf fünf Prozent kürzt. Auch intern ist Pichler umstritten, weil er mit seiner aus Sicht von Weggefährten schroffen und schwer zufriedenzustellenden Art seine Mitarbeiter demotiviert.

Reisekonzern C&N

2000: Lufthansa-Konzernchef Jürgen Weber ist von Pichlers Erfolgen angetan und macht ihn zum Chef des Reisekonzerns C&N in Oberursel. Um den Verbund aus dem Lufthansa-Urlaubsflieger Condor und dem Veranstalter Neckermann (Karstadt-Konzern) zu vereinen, schleift Pichler interne Strukturen. Sein Ziel ist es aus C&N zu einem weltweit führenden Reisekonzern zu machen, der von Billigreisen bis zu Luxusurlauben alles anbietet. Dazu sollen die Erträge steigen, weil eine durchgehende Kette aus Vertrieb, Flügen, Hotels und Vor-Ort-Betreuung alle Teile besser auslasten soll.
Um die Kette noch besser auszulasten, will Pichler das Geschäft internationalisieren. Doch seinen geplanten Zukauf, die britische Thomson Travel Group, schnappt ihm Erzrivale Preussag für seine Reisetochter Tui weg. Denn Preussag-Chef Michael Frenzel kann schneller agieren als Pichler, der immer erst seine Anteilseigner Lufthansa und Karstadt fragen muss. Stattdessen kauft Pichler die britische Thomas Cook, die Tui aus Wettbewerbsgründen abstoßen muss. Kurz zuvor hat Pichler in Frankreich Havas Voyages übernommen.

2001: Nach dem Ende des New-Economy-Booms, durch die wachsende Zahl von Online-Schnäppchen und später der Reiseangst infolge der Terroranschläge des 11. September 2001 bricht die Nachfrage nach Veranstalterreisen ein. Statt den Konzern zusammenzuführen, muss Pichler ein Sparprogramm starten und will die Kosten um gut zehn Prozent drücken. Trotzdem schreibt Thomas Cook im Geschäftsjahr 2001/2002 erstmals Verlust.

2003: Pichler wird entlassen. Trotz Entlassungen und dem Verkauf von Flugzeugen verdoppelt sich der Verlust im Geschäftsjahr 2002/2003 auf gut 250 Millionen Euro. Das kostete ihn den Rückhalt seiner Gesellschafter. In der Belegschaft hatte er bereits zuvor verloren, sowohl durch seine im Arbeitsalltag schroffe Art als auch durch die Aufgabe von Traditionsmarken wie Condor.

Engagement bei Richard Branson

2004: Pichler verlässt enttäuscht Deutschland. Weil ihm sein Arbeitsvertrag für mindestens ein halbes Jahr andere Jobs in der Reisebranche verbietet, zieht er auf die Seychellen und macht eine Ausbildung zum Tauchlehrer. Durch Vermittlung von Freunden kommt er in Kontakt mit dem britischen Multiunternehmer Richard Branson, der ihn als Vizechef zu seiner australischen Billiglinie Virgin Blue (heute: Virgin Australia) holt.
Pichler bringt die Linie auf Kurs und hebt die Servicequalität. Später startet er den Einstieg ins Langstreckengeschäft. Die entspannte australische Art und der Einfluss Bransons lassen auch Pichler etwas lockerer und entspannter werden, berichten Weggefährten.

Billigflieger-Chef in Kuwait

2009: Nachdem Virgin Blue rekordverdächtige Umsatzrenditen von gut 20 Prozent erreicht hat, aber Pichler nicht wie erwartet Konzernchef wird, wechselt er nach Kuwait zum Billigflieger Jazeera Airways. Der braucht ein neues Geschäftsmodell, weil ihm die Vereinigten Arabischen Emirate sein Drehkreuz in Dubai untersagen, um Platz für ihren eigenen Billigflieger Flydubai und ihre Premiumlinie Emirates zu schaffen.
Pichler verkleinert Jazeera Airways stark und macht sie zur profitabelsten Linie der Region. Weil er mit seiner Frau nach Dubai in ein Haus auf der Palm Jumeira genannte erste Gruppe künstlicher Inseln zieht, hat er engen Kontakt in die lokale Wirtschaft und zählt auch das Emirats-Oberhaupt Mohammed bin Rashid Al Maktoum zu seinen Freunden.

Verhandlungen mit Air Berlin

2011: Schon 2011 und 2012 verhandelt Pichler mit Air Berlin über den Chefposten. Etihad-Chef James Hogan würde ihn gerne engagieren. Doch dem Vernehmen nach sind die anderen Verwaltungsratsmitglieder dagegen. Sie und vor allem Oberaufseher Hans-Joachim Körber und Alt-Chef Hunold bevorzugen den damaligen Vize Wolfgang Prock-Schauer. Angeblich, weil sie unter Pichler unnötig radikale Umbauten befürchten.

Neuer Auftrag auf Fiji

2013: Nach dem Erfolg bei Jazeera wechselt Pichler auf den Chefposten der kleinen staatlichen Fiji Airways mit Sitz in Nadi, am größten Flughafen der Inselgruppe. Das reiche Angebot an Wassersport und das ruhige Leben bei der Fluglinie mit – laut Internetseite – mehr als doppelt so vielen Vorstandsmitgliedern wie Flugzeugen locken ihn. Dazu waren er und seine australische Frau Leonie angeblich das heiße trockene Klima ein wenig leid.
Pichler beginnt Fiji Airways umzubauen und schwört allen Plänen einer Rückkehr nach Deutschland ab. „Ich werde mit Sicherheit die nächsten Jahre die Airline hier managen und dann werde ich es auslaufen lassen. Ich meine, dann war ich mehr als 20 Jahre CEO und irgendwann muss genug sein“, erklärt er in einem Interview.

Rückkehr nach Deutschland

2014: Wohl auch weil Pichler mehr Zeit hat, kommt er nun öfter nach Deutschland und ist auf Veranstaltungen seines alten Arbeitgebers Lufthansa zu sehen. Als bei Air Berlin die Zahlen nicht besser werden, spricht ihn angeblich Etihad-Chef Hogan im Frühsommer erneut auf den Chefposten an. Im Sommer spitzt sich die Lage bei Air Berlin zu. Die EU untersucht ob Etihad einen dominierenden Einfluss hat, was Air Berlin den Status als europäische Fluglinie und das Gros der Auslandsstrecken kosten könnte. Gleichzeitig will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt Air Berlin das Recht für Gemeinschaftsflüge mit Etihad entziehen.
Darum ändern immer mehr Mitglieder des Air-Berlin-Verwaltungsrats ihre Meinung und schließlich stimmen im Oktober laut Insidern auch die lange widerstrebenden Mitglieder Körber und Hunold Pichlers Berufung zu. Pichler nimmt die Wahl gerne an. Gegenüber Freuden deutet er an, dass ihm auf Fiji trotz aller Naturfreuden doch das kulturelle Angebot in Europa und besonders in Berlin fehlt. „Aber das er nun auch in seiner Heimat seine Qualität als Sanierer zeigen kann und dabei sowohl den Eindruck seines Scheiterns bei Thomas Cook als auch seinen Ruf als Ekel wettmacht, hat ihn sicher auch nicht gestört“, so ein Weggefährte.

2015: Am 1. Februar wird Pichler Air-Berlin-Chef.

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