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22.03.2012

04:13 Uhr

Transfergesellschaft

Entscheidende Runde für Schlecker

Tausende „Schleckerfrauen“ zwischen Hoffen und Bangen. Schon bald sollen sie ihren Arbeitsplatz bei der insolventen Drogeriekette verlieren - und immer noch ist nicht klar, wie es für sie weitergeht.

Die 16 Bundesländer beraten am Donnerstag erneut in Berlin über die Finanzierung einer Transfergesellschaft für die gekündigten Schlecker-Mitarbeiter. dapd

Die 16 Bundesländer beraten am Donnerstag erneut in Berlin über die Finanzierung einer Transfergesellschaft für die gekündigten Schlecker-Mitarbeiter.

Ehingen/BerlinDas Ringen um eine Transfergesellschaft für die 11 000 von Entlassung bedrohten Schlecker-Beschäftigten geht am heutigen Donnerstag in eine entscheidende Runde. Vertreter der Bundesländer wollen in Berlin erneut über die dafür notwendige Bürgschaft beraten. Es geht um einen Kredit der bundeseigenen Förderbank KfW in Höhe von 71 Millionen Euro, den der Bund nur freigeben will, wenn die Länder im Notfall dafür geradestehen.

In einer Transfergesellschaft würden die Schlecker-Mitarbeiter bis zu einem Jahr lang einen Großteil ihres Gehalts weiterbekommen und gleichzeitig für Bewerbungen geschult. Doch obwohl Vertreter der 16 Bundesländer am Montag bereits eine grundsätzliche Einigung über die für die Finanzierung der Transfergesellschaft nötige Bürgschaft getroffen hatten, ist nicht sicher, wie stark sich die einzelnen Länder beteiligen und ob überhaupt alle Bundesländer mitziehen.

Weder das federführende baden-württembergische Wirtschaftsministerium noch Schlecker wollten sich am Mittwoch zu den Erfolgsaussichten äußern. Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) hatte sich vor einigen Tagen aber bereits „vorsichtig optimistisch“ gezeigt. Dagegen wird sich Sachsen-Anhalt vermutlich nicht beteiligen.

Eine Transfergesellschaft sei angesichts der über das ganze Land verteilten Schlecker-Filialen nicht zielführend, sagte CDU-Landesfraktionschef André Schröder am Mittwoch in Magdeburg. Auch der niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) äußerte sich am Abend nach Angaben seines Sprechers skeptisch. Die Transfergesellschaft diene in erster Linie als Instrument zur Restrukturierung des in Baden-Württemberg ansässigen Unternehmens Schlecker.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Es gehe dabei nicht um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine Sprecherin des hessischen Wirtschaftsministeriums sagte der dpa am Abend, das Land gehe „ergebnisoffen“ in die Gespräche. Es treffe nicht zu, dass sich Hessen auf eine Ablehnung festgelegt habe. Allerdings hätten bislang weder Baden-Württemberg, noch der Schlecker-Insolvenzverwalter Unterlagen vorgelegt, die „in irgendeiner Form prüffähig gewesen“ seien.

Von

dpa

Kommentare (7)

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Rene

22.03.2012, 07:53 Uhr

Polemische Forderungen!
Wer hilft den Kleinbetrieben. Die gehen ohne jegliche Hilfe in die Insolvenz. Was passiert mit deren Mitarbeiter!
Weiterbildungsprogramm? Die hält auch die Arbeitsagentur bereit. Dafür müssen nicht weitere Steuergelder verramscht werden.
1 Jahr Gehalt weiterzahlen? Dann muß die Regelung für alle Arbeitenehmer in Deutschland gelten! Nicht nur für ein Unternehmen, dass am Markt durch Fehlwirtschaft glänzt.

Thomas-Melber-Stuttgart

22.03.2012, 08:42 Uhr

Rene: Richtig! Man hat immer mehr das Gefühl, daß es in Deutschland Arbeitnehmer / Unternehmer erster und zweiter oder auch dritter Klasse gibt ("Systemrelevanz", u.a.). 'mal sehen, was das Grundgesetz dazu sagt.

aussenstehender_betrachter

22.03.2012, 08:55 Uhr

Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass es sich bei dieser Causa um wenig mehr als alten Wein in neuen Schläuchen handelt.
Wie eine bundesweite Transfergesellschaft überhaupt funktionieren soll, vollkommen abgesehen von der Frage, wie das koordiniert werden soll, bleibt in der Kommunikation bislang offen.
Weiter wäre zu fragen: gäbe es überhaupt ein Ergebnismonitoring für die ins Auge gefasste(n) Transfergesellschafte(n) und wenn ja, wie sähe es aus?
Natürlich müssen solche Fragen nicht öffentlich erörtert werden müssen: angebracht erschienen sie indes schon.
Und noch etwas: in der Vergangenheit hat sich die TA/TG-Lösung als "bewährt" gezeigt: für wen?
Vollkommen andere Lösungen scheinen jedenfalls ausgeblendet angesichts dessen, was bislang kommuniziert wurde.
Und da wünschte man allen Beteiligten Kreativität und unternehmerisches Denken über den eigenen Tellerand hinaus. Das ist gewiß nicht leicht, erst recht nicht, wenn ein Baby sicher durch Untiefen gesteuert werden soll, die allerdings inzwischen als ausgesprochen viel genutzte und als komfortabel geltende Fahrrinnen betrachtet werden können.
TA/TG machten ggf u.U. Sinn, um im Rahmen ggf. erforderlicher Restrukturierungen StundenlohnNiveaus von 17-25Euro neu andenken zu können, wobei auch das Fallspezifisch durchaus vorsichtig zu handhaben ist.
Davon kann indes im vorliegenden Fall vermutlich kaum ausgegangen werden.
Wesentlich, und das scheint wie so häufig nicht zentral genug in den Fokus der Verantwortlichen gerückt zu stehen, wirkt die Frage über das Tagesgeschehen hinaus: was passiert mit 11.000 MA danach?
Es geht ja nicht nur darum, ob Steuergelder fließen sollen oder nicht, sondern nichtzuletzt auch um so etwas wie eine "Insolvenzkultur", wenn man schon einmal bei so etwas angelangt sein sollte.

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